Dienstag, 24.Januar 2012
Dogmatismus und „Freiheit der Kritik“
Wir schreiten als eng geschlossenes Häuflein, uns fest an den Händen haltend, auf steilem und mühevollem Wege dahin. Wir sind von allen Seiten von Feinden umgeben und müssen fast stets unter ihrem Feuer marschieren. Wir haben uns, nach frei gefaßtem Beschluß, eben zu dem Zweck zusammengetan, um gegen die Feinde zu kämpfen und nicht in den benachbarten Sumpf zu geraten, dessen Bewohner uns von Anfang an dafür schalten, daß wir uns zu einer besonderen Gruppe vereinigt und den Weg des Kampfes und nicht den der Versöhnung gewählt haben.
W.I.Lenin, Was tun?
Montag, 16.Januar 2012
Lob der verbeulten Lebensläufe
Auf Wackwitz' eigenen Werdegang scheint Hegels schnaufender Realismus zuzutreffen: "Diese Kämpfe nun aber sind in der modernen Welt nichts Weiteres als die Lehrjahre, die Erziehung des Individuums an der vorhandenen Wirklichkeit." Doch das Ziel aller Bildung besteht für den Erzähler gerade in der Ziellosigkeit. So ist "Neue Menschen" zuletzt ein Trostbuch, ein Lob der verbeulten Lebensläufe. Der einzige, gleichsam spielerische Ausweg aus den Verführungen zur Teleologie besteht darin, die seit Augustinus in heiligem Eifer praktizierten Konversionen ausschließlich als performative Ereignisse zu zelebrieren, sie aus dem Leben in die Kunst zurückzuholen, ohne je zu einem Stillstand zu gelangen: "Wir machen weiter. Wir fangen immer noch einmal an (unsere Art von Romantik)."
OLIVER JUNGEN in der FAZ vom 21.11.2005 über das Buch "Neue Menschen" von Stephan Wackwitz.
Ein präsidiales Selbstmissverständnis
Die Abschaffung des Bürgers passt ganz ausgezeichnet zum Selbstbild einer politischen Klasse, die sich nicht als Teil eines demokratischen Gemeinwesens versteht, sondern vermutlich als so etwas wie Manager einer Bevölkerung, die man prinzipiell für infantil und wenig einsichtsfähig hält.
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Denn in modernen, funktional differenzierten Gesellschaften lernen ihre Mitglieder, wie sie flexibel zwischen unterschiedlichsten Rollen hin- und herwechseln und diese zugleich sorgfältig auseinanderhalten können. Von einem Vater wird nicht dasselbe Verhalten erwartet wie von einem Liebhaber, einem Skatfreund, einem Wissenschaftler, einem Patienten in der Sprechstunde beim Arzt, einem Festredner oder einem Freizeitsportler - all dies kann man aber in einer Person sein.
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Man geht nicht in der jeweiligen Rolle auf, sondern kann gerade aus der einen Rolle heraus kritisch betrachten, was man in der anderen zu tun gezwungen ist. Die meisten Bewohner moderner Gesellschaften können das, oft sind sie sogar zur Selbstironie fähig. Möglich, dass das Problem des Bundespräsidenten exakt an dieser Stelle liegt.
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Von Charakterstärke zeugt die Strategie, immer gerade so viel zuzugeben, wie ohnehin schon heraus gekommen ist, auch im Privaten nicht, aber das würde einen nicht weiter interessieren, wenn man mit dieser Person nichts zu tun hätte.
Mit dem Bundespräsidenten hat man aber etwas zu tun.
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Tatsächlich ist die ganze Angelegenheit so quälend, weil hier offenbar jemandem die Fähigkeit zur Rollendistanz abgeht. Man versteht dieses stoische Ertragen von Spott, Häme und Kritik nur dann, wenn einer keinen Unterschied zwischen seiner privaten Person und seiner funktionalen Rolle macht. Dann steht und fällt auch die Person mit dem Amt, und deshalb darf es nicht aufgegeben werden.
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In seinem Fernsehinterview hat Christian Wulff gesagt: „Man ist Mensch, und man macht Fehler.“ Exakt dieser Satz offenbart sein Selbstmissverständnis. „Menschlich“ hat wahrscheinlich kaum jemand etwas gegen ihn; ich jedenfalls nicht, zumal ich ihn gar nicht kenne. Ich würde daher auch nie auf die Idee kommen, an ihn als private Person irgendeine Kritik zu richten. Er müsste nur als Bundespräsident zurücktreten.
HARALD WELZER in der FAZ vom 16.01.2012.
Sonntag, 15.Januar 2012
Schulung
Die Vergesellschaftung durch Schulung, wie sie hierzulande geschieht, ist die Verdummung a priori, nach der kaum ein Lernen mehr Aussicht bietet, daß die Dinge irgendwann besser würden [...]. Im Grunde glaubt kein Mensch mehr, daß heutiges Lernen «Probleme» von morgen löst; fast sicher ist, daß es sie auslöst.
Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft Bd. 1, aus der Zitate Sammlung von Andreas Tenzer.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Sehnsucht nach der Luxuswelt der Reichen
Damals schrieb ich im "Spiegel" (und man möge mir dieses Selbstzitat nachsehen): "Wie immer diese Wahl ausgeht, die Regierung wird Schaden nehmen. Sollte Gauck gewinnen, demonstriert es ihre Uneinigkeit und Schwäche. Gewinnt Christian Wulff, werden wir der Koalition diesen Sieg nicht verzeihen."
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Der Kampf, der um Christian Wulff derzeit tobt, ist in Wahrheit ein Kampf um die politische Kultur in diesem Land, um die Machtanmaßung der Parteien, die zunehmende Missachtung des Parlaments durch die Bundeskanzlerin, um die durchsichtigen Taktierereien der Regierung wie der Opposition, die lieber eine staatliche Institution wie das Amt des Bundespräsidenten zu Bruch gehen lassen, als auf kurzfristige Machtvorteile zu verzichten.
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Vielleicht glauben die Zweitchancebefürworter inzwischen, es sei gleichgültig, wer Christian Wulff folgen würde, weil ihre Stimme ohnehin nicht gehört wird, weil es das gleiche parteipolitische Gerangel mit deprimierendem Ergebnis geben würde wie beim letzten Mal. Vielleicht aber fallen ihnen auch nur ihre eigenen kleinen Betrügereien ein und sie halten ihre Nachsicht für einen Akt christlicher Nächstenliebe.
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Oder sie denken an Gerhard Schröder, dessen Freundschaft zum AWD-Gründer Carsten Maschmeyer als Vorbild für Wulffs Aufstieg in die Hannoveraner Geldgesellschaft gedient haben mag. Bei Wikipedia steht: "Bundeskanzler Schröder trat im Jahr 2004 vor AWD-Führungskräften auf und soll laut einer internen AWD-Mitarbeiterzeitung erklärt haben: ,Sie als AWD-Mitarbeiter erfüllen eine staatsersetzende Funktion. Sichern Sie die Rente Ihrer Mandanten, denn der Staat kann es nicht.' Diese Nähe zur Regierung Schröder habe dazu geführt, dass viele Kunden dem AWD vertraut hätten.
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Was ist da passiert? Wann hatte die Bundesrepublik in ihrer Geschichte vor Gerhard Schröder überhaupt jemals mit diesem Ruch von Korruption in höchsten politischen Ämtern zu tun? Sicher gab es Skandale, Spendenaffären, Amtsanmaßung: aber es ging nicht um persönliche Bereicherung oder gar die Sehnsucht nach der Luxuswelt der Reichen. Woran liegt es, dass jetzt keine Partei dem Einbruch des Halbseidenen entgegentritt?
MONIKA MARON in ihrem Artikel "Der Einbruch des Halbseidenen in die Politik" in der FAZ vom 09.01.2012.
Dienstag, 13.Dezember 2011
Ron Wer?
Wäre er nicht in letzter Sekunde bei Apple ausgestiegen, könnte Ron Wayne heute ein sehr reicher Mann sein. In New York wird jetzt der Gründungsvertrag versteigert.
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Ron Wer? Die Firma, deren Geschichte mit dem begnadeten Konstrukteur Steve Wozniak und dem begnadeten Verkäufer Steve Jobs beginnt, wurde am 1. April 1976 in der Wohnung von Ron Wayne mit einem Partnerschaftsvertrag gegründet.
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Wayne arbeitete wie Jobs beim Spielehersteller Atari und sollte als erfahrener vierzigjähriger Ingenieur die Rolle des Schlichters übernehmen, wenn die sehr unterschiedlichen Steves aufeinanderprallten.
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Elf Tage nach Abschluss des Vertrages bekam Wayne kalte Füße und bat um Auflösung, auch dieses Papier wird morgen versteigert. Wayne erhielt 2300 Dollar. Zehn Prozent an Apple sind heute dreißig Milliarden Dollar wert.
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Nach seinem Ausstieg aus dem Apple-Abenteuer arbeitete Wayne bei Thor Electronics und am Lawrence Livermore Laboratory. Im Laufe seiner Karriere erhielt er neunzig Patente zugesprochen, doch keine einzige Erfindung brachte den Durchbruch. Heute lebt Wayne als Autor und Poet in Pertrumph in Nevada.
DETLEF BORCHERS in der FAZ vom 11.12.2011
Samstag, 03.Dezember 2011
Vom Ende einer Geschichte
...wendet er sich hier der Frage zu, wie viel von unserer Erinnerung im Grunde Selbsttäuschung ist, wie viel Menschen voneinander wissen können und welche Verantwortung ihnen mit diesem Wissen übertragen wird.
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Was hier erzählt wird, ist das Kondensat eines Lebens, das ohne größere Amplituden geführt wurde und auf das sein Protagonist doch nur voll Reue, Wehmut und Scham zurückblicken kann.
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„Vom Ende einer Geschichte“ ist eine ergreifende philosophische Reflexion über die seelischen Schäden, die selbst der vorsichtigste Mensch erleidet und die wir uns wissentlich oder unwissentlich zufügen, und darüber, wie wir mit diesen Beschädigungen umgehen, uns ihnen stellen, sie zu heilen oder zu verdrängen suchen.
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„Es sollte uns doch klar sein, dass die Zeit nicht wie ein Fixativ wirkt, sondern wie ein Lösungsmittel.“
Felicitas von Lovenberg in der FAZ vom 02.12.2011 über das Buch "Vom Ende einer Geschichte" von Julian Barnes.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Samstag, 26.November 2011
Melancholie der Egomanie
Es kennt keinen Sieger, dieses über siebzehn Runden währende Ringen zwischen Instinkt und Selbstentwurf, Letzteres zu verstehen als radikale Ich-Autarkie, als Ausscheren aus der Horde, weshalb der Preis auch das Arrangement mit der Vereinzelung zu sein scheint. Bedrohlich jedenfalls dämmert hinter den Figurenschicksalen in diesem klugen, feinsinnigen, ungeheuer verdichteten Erzählband die Entgesellschaftung herauf („das Wippen der Köpfe, jeder in seinem iPod-Takt“).
OLIVER JUNGEN in der FAZ vom 05.11.2011 über das Buchvon Ulrike Draesner: „Richtig liegen“. Geschichten in Paaren. Luchterhand Verlag, München 2011.
Donnerstag, 24.November 2011
Die Kreuztragung Christi
Hier wird wahllos und grausam getötet, dennoch geht es sachlich zu: In einem spannenden Experiment inszeniert Lech Majewski Pieter Brueghels Gemälde "Die Kreuztragung Christi". Doch in "Die Mühle & das Kreuz" stiftet er keinen Seelenfrieden, sondern vielmehr die Gewissheit, dass kein Gott sei.
Willi Winkler in der SZ vom 24.11.2011
Mittwoch, 23.November 2011
Die Lüge von der Systemrelevanz.
Es gibt Äußerungen, die so erhellend sind, dass man sie sich merken muss. Am 3.Februar 1996 erklärte der damalige Präsident der Deutschen Bundesbank Hans Tietmeyer in Davos, er habe bisweilen den Eindruck, „dass sich die meisten Politiker immer noch nicht darüber im Klaren sind, wie sehr sie bereits heute unter der Kontrolle der Finanzmärkte stehen und sogar von diesen beherrscht werden“. Dies sollte keine Kritik sein, Tietmeyer stellte das bestätigend fest. Wo blieben die Proteste der Politiker? Wo blieb der Aufschrei der Öffentlichkeit?
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Fünfzehn Jahre nach Tietmeyers wohl eher gedankenloser Einlassung meldeten sich deutsche Unternehmenschefs zu Wort. Der Vorstandsvorsitzende von Bosch, Franz Fehrenbach, beklagte im September, die Finanzmärkte seien wieder kurz davor, die Weltwirtschaft in eine neue Krise zu reißen; man könne in der Realwirtschaft schuften und machen – gegen die Spekulation komme man nicht an.
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Er spricht sich ähnlich wie andere Manager für eine schärfere Regulierung der Banken aus und plädiert dafür, viele Finanztransaktionen zu verbieten, die nichts mehr mit realen Geschäften zu tun haben. Doch die Politik wagt es nicht, die Ausweitung des Kapitalmarktes zum Finanzcasino und die Vorherrschaft der Investmentbanker und Spekulanten in Frage zu stellen. Lobby und PR haben es geschafft, dass die Finanzindustrie sich ein besonders dickes Stück vom Volkseinkommen abschneiden konnte.
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Wenn die Demokratie so in Not gerät, sucht man nach Rettungsankern. Vielleicht wacht das kritische Bürgertum in Deutschland doch noch einmal auf. Vielleicht melden sich die mit wirklicher Wertschöpfung beschäftigten Unternehmer lauter zu Wort. Ein Pakt gegen Zyniker, Spieler und Spekulanten, ein Pakt aller Werte schaffenden und an Werten orientierten Bürgerinnen und Bürger ist vonnöten. Er reicht von Wertkonservativen bis zur demokratischen Linken. Deren Auffassungsunterschiede sind angesichts der Bedrohung gering.
Albrecht Müller (Leiter des Planungsstabs unter den Kanzlern Brandt und Schmidt) in der FAZ vom 23.11.2011.
Heute ist er Herausgeber von www.NachDenkSeiten.de.
Trugbilder
Der Wunsch nach einem Trugbild ist immer auch eine Flucht vor den allzu aufdringlichen Originalen. So schnitzte Ovids Pygmalion seine berühmte Skulptur aus "Abscheu vor den Gebrechen, mit denen die Natur das weibliche Gemüt so überreich bedacht hat". Venus erhörte denn auch nicht seine Bitte nach einer Gefährtin, die dieser Elfenbeinstatuette ähnlich sehe, sondern verwandelte das Abwehrbild in eine Frau, die der Bildhauer ehelichen und die ihm einen Sohn gebären sollte.
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Wer, wie Ovids Pygmalion, das selbstverfertigte Püppchen heiratet, kann eine wirkliche Ehe führen und einen echten Sohn zeugen. Wer, wie Diderots Pygmalion, mit allen Sinnen von seinem Trugbild absorbiert ist, erfährt sich selbst und seine Welt auf neue Weise. Die Pygmalionik ist sicher keine Lehre vom geglückten Leben, umfasst aber eine vielfältige Topik zu dem Kunst und Leben so produktiv ineinander verflechtenden Vermögen der Selbsttäuschung. Die Geschichte der Trugbilder, die Stoichita anhand gelehrter und beobachtungsreicher Einzelinterpretationen aufspannt, liest sich auch deswegen mit großem Vergnügen, weil sie ganz unberührt ist vom überspannten Ton der Apologeten oder Apokalyptiker der Simulation. Sie erinnert uns vielmehr daran, wie geübt wir im Umgang mit Trugbildern sind.
Ralph Ubl in der FAZ vom 23.11.2011 über das Buch "Der Pygmalion-Effekt" von Victor I. Stoichita.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Für diejenigen, die poesiebegabt sind, ist Dichten gleichbedeutend mit Befreiung.
...erkennt die Aufklärungspsychiatrie im Melancholiker das Opfer einer von ihm selbst geschaffenen Wahnidee: Es ist diese Idee, die einem seelischen Fremdkörper gleich ein zerstörerisches Eigenleben führt und die es daher durch allerlei ärztliche Kunstgriffe und Überraschungseffekte auszuschalten gilt. Obwohl die therapeutischen Indikationen der Moderne endgültig mit den Theorien der "vorwissenschaftlichen" Epoche zu brechen scheinen, ortet Starobinski auch noch in ihnen Reste des älteren Substantialismus: "Die Psychiater geben von diesem Fremdkörper ein so konkretes, objektives, ,verdinglichtes' Bild, dass es Maßnahmen bedarf, die durchaus denjenigen ähneln, welche die Ärzte vergangener Zeiten gegen die schwarze Galle anwendeten."
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Die Geschichte der Melancholiebehandlung erweist sich somit als eine Aneinanderreihung von therapeutischen Rezepten, die auf irrationalen und spekulativen Substanzvorstellungen fußen. Die positivistische Entzauberung dieser Vorstellungen führt jedoch nicht, im Sinne einer Fortschrittsgeschichte, zur Beherrschung der Krankheit mit exakten wissenschaftlichen Methoden: Angesichts der fortdauernden Unzugänglichkeit der an Depressionen leidenden Menschen kann sich die Medizin letztlich nur mit der Rolle bescheiden, ihnen einen "Hilfsdienst" anzubieten.
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Wenn Starobinski etwa schreibt "pour ceux qui ont le don de poésie, la délivrance est poésie", übersetzt Oeschger weniger elegant, aber durchaus sinngemäß: "Für diejenigen, die poesiebegabt sind, ist Dichten gleichbedeutend mit Befreiung." In der neuen Version wird daraus: "Für die Mit-Poesie-Begabten ist Erleichterung Dichtung." Man kann nur hoffen, dass weitere Neuausgaben von Starobinskis medizinhistorischen Arbeiten in besseren Händen liegen werden.
Andreas Mayer in der FAZ vom 23.11.2011 über Jean Starobinskis "Geschichte der Melancholiebehandlung".
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Donnerstag, 10.November 2011
Gerechtfertigt zu sein, das war einmal das Wichtigste.
Die Universität Harvard hat Martin Walser eingeladen, eine Rede zum 9. November zu halten. Die Ansprache des Schriftstellers zielt ins Zentrum seines Selbstverständnisses.
Martin Walser in der FAZ vom 10.11.2011.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Mittwoch, 02.November 2011
Papandreou tut das Richtige
Wer das Volk fragt, wird zur Bedrohung Europas. Das ist die Botschaft der Märkte und seit vierundzwanzig Stunden auch der Politik. Wir erleben den Kurssturz des Republikanischen.
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Im Minutentakt las man am Dienstag, wie Banker und Politiker drohten und drohen, die Börsen brachen ein. Die Botschaft war eindeutig: Die Griechen müssten dumm sein, wenn sie ja sagten. Und Papandreou ein Hasardeur, weil er sie fragte. Doch ehe die Panik-Spirale des Schreckens sich weiter und weiter dreht, ist es gut, einen Schritt zurückzutreten, um klar zu sehen, was sich hier vor unser aller Augen abspielt. Es ist das Schauspiel einer Degeneration jener Werte und Überzeugungen, die einst in der Idee Europas verkörpert schienen.
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Man muss nicht alle Beziehungen des Witzes zum Unterbewussten kennen, um zu verstehen, wie massiv gerade moralische Übereinkünfte der Nachkriegszeit im Namen einer höheren, einer finanzökonomischen Vernunft zerstört werden.
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In Deutschland, wir erinnern uns, verstand man unter Demokratie noch vor wenigen Tagen den Parlamentsvorbehalt. Erzwungen von unserem obersten Gericht und begrüßt von allen Parteien. Deswegen musste sogar ein EU-Gipfel vertagt werden. Nichts ist davon für Griechenland noch gültig.
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Es wird immer klarer, dass das, was Europa im Augenblick erlebt, keine Episode ist, sondern ein Machtkampf zwischen dem Primat des Ökonomischen und dem Primat des Politischen.
Frank Schirrmacher in seinem Artikel "Demokratie ist Ramsch", FAZ vom 01.11.2011
Freitag, 28.Oktober 2011
Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben.
Bastei Lübbe hat dem Frankfurter Eichborn-Verlag ein Kaufangebot unterbreitet. Beide Seiten sind euphorisch, obwohl aus der Fliege eine klitzekleine Mücke zu werden scheint.
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Auch Stefan Lübbe freut sich über den möglichen Zuwachs aus Frankfurt, findet er doch, dass Lübbe und Eichborn gut zusammenpassten - „weil wir ähnliche Verlagsphilosophien haben“.
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Bei wichtigen Entscheidungen, erzählte Stefan Lübbe einmal, verlasse er sich auf sein Bauchgefühl. Mit Eichborns Herbstprogramm verleibt er sich nun Welterklärungsbücher ein wie Katja Kullmanns Essay „Echtleben“, der Aufklärung in der Frage verspricht, „warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben“.
Sandra Kegel in der FAZ vom 26.10.2011.
Nils Minkmar in der FAZ vom 23.06.2011 über das Buch "Echtleben" von Katja Kullmann.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Montag, 19.September 2011
Der deutsche Donner
Das Christenthum - und das ist sein schönstes Verdienst - hat jene brutale germanische Kampflust einigermaßen besänftigt, konnte sie jedoch nicht zerstören, und wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwuth [.] Der Gedanke geht der That voraus, wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freylich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn Ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wißt: der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. Bey diesem Geräusche werden die Adler aus der Luft todt niederfallen, und die Löwen in der fernsten Wüste Afrikas werden die Schwänze einkneifen und sich in ihre königlichen Höhlen verkriechen. Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revoluzion nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte."
Heinrich
Heine, "Zur
Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland", 1834, Online-Text,
Projekt Gutenberg-DE.
Im Jahre 1992, zur selben Zeit, als Bosnien in den Bürgerkrieg schlitterte, erschien das aus einem Essay hervorgegangene Buch "The End of History and the Last Man" (Das Ende der Geschichte) des Amerikaners Francis Fukuyama. Der damals vierzigjährige Politik-Professor aus Chicago vertrat die These, dass mit dem Kollaps des totalitären Sowjet-Imperiums und dem Sieg der liberalen westlichen Demokratien das Zeitalter der ideologischen, sozialen, kulturellen und realen Kriege abgeschlossen, das heißt, das Ende der Geschichte erreicht sei.
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Fukuyamas Entwurf, der sich an Hegels Geschichtsphilosophie eines sich dialektisch entfaltenden Weltgeists orientiert, ist nicht lediglich die singuläre Fehleinschätzung eines naiven Utopisten. Sie spiegelt die Lebensrealität des durchschnittlichen westlichen Lohnintellektuellen. Dieser ist Teil eines kleinen, selbstreferentiellen, nach eigenen Ritualen sich verständigenden Milieus, das sich an Worten, Abstraktionen, kanonisierten Theorien nährt. Seine existentiellen Erschütterungen sind ausgebliebene Beförderungen, Buchverträge, Hypothekarzinserhöhungen, Kollegenneid, eine geheime Affäre mit einer Studentin, eine Prostataoperation. Der Lärm, das unübersichtliche Gewühl, die Phantasmen der übrigen Welt dringen kaum zu ihm vor. Sie liegen jenseits seiner Erfahrung, sein rationales Denksystem lässt nur die Wahrnehmung anderer rationaler Systeme zu. In scholastischer Manier Ideen und blutleere Begriffsarchitektur überschätzend, war es folgerichtig, dass die akademischen Auguren von jeder der epochalen Verwerfungen der letzten Jahrzehnte überrascht wurden.
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Anders als die Ordnungsmodelle der Professoren ist die reale Welt chaotisch und ihre Zukunft nicht berechenbar. Die Geschichte gehorcht keiner immanenten Vernunft, sondern mäandert blind und planlos durch die Zeit, ein spektakulärer, verschwenderischer Umzug ohne Ziel oder höhere Absicht. Sie wird gemacht von Menschen, von hochintelligenten, sinnbedürftigen, moralbegabten, aber unzuverlässigen Wesen, die jederzeit imstande sind zu zerstören, was sie erschaffen haben, barocke Figuren, auf der einen Schulter ein Teufel, auf der anderen ein Engel. Der Bestand der Humangesellschaften ist nicht verankert in einem angeborenen, naturwüchsigen Set sozialer Verhaltensweisen oder in einem unverbrüchlichen göttlichen Sittenkodex, sondern hängt ab von fragilen, frei gewählten Regeln und Werten. Und so, wie Einzelne immer wieder die zivilisatorischen Gesetze brechen, können auch ganze Kollektive den Verlockungen der Allmacht, des Triumphs, des Endzeitrausches erliegen. Diese Einsicht zu ignorieren, führt im besten Fall zu intellektuellen Blamagen, wie Fukuyama erleben musste, im schlimmsten Fall aber zu gesellschaftlichen Katastrophen.
Eugen Sorg, "Die Lust am Bösen", 2011
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie
Freitag, 16.September 2011
Ich will nur noch das machen, was ich kann.
„Das Spiel mit der Sprache und den Figuren, die ich bin“, sagt Semi, sein Alter Ego, nachdem er in der Theater-AG des Internats seine Aggressionen dämpfen gelernt hat, „schützt mich davor, zu morden.“
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Das Theater, ..., ist der Abtritt, wo ich meine kleinbäuerlichen Komplexe als Realität verkaufe und dafür gefeiert werde.
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Nur beim Hadern erinnert sich Pankraz noch an die Blankverse von Hölderlin und Shakespeare: „Verfluchtes Erbe, schreit er, verfluchter Zwang. Ich will der Knecht nicht sein von diesem alten Krempel, den ihr verfluchten Ahnen hier gebündelt habt. Ich hasse dieses Haus und diesen Heimatkram. Ich will heraus, heraus aus allem, was ich muss. Ich will nur noch das machen, was ich kann.“
Martin Halter in der FAZ vom 16.11.2011 über das Buch „Mittelreich“ von Josef Bierbichler.
Montag, 05.September 2011
The New mac Mini!
... spätestens jetzt wird es Zeit Apple Aktien zu kaufen - vielleicht sind Sie ja gerade mit Gewinn aus Gold ausgestiegen und haben liquide Mittel?
Samstag, 03.September 2011
Die Welt auf Distanz halten
Wen sie liebt, wird sie in den Abgrund ziehen: Valeria Golino spielt in Giuseppe Piccionis "Giulia geht abends nie aus" eine Frau auf der Suche nach der Liebe als unbedingter Leidenschaft. Sie kollidiert mit einem Männertypus, der Katastrophen erzeugen muss.
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Dieser Stärke-Schwäche-Kontrast charakterisiert nicht nur das Geschlechterverhältnis, sondern den dramatischen Bau der Welt. Die Frau agiert in der Arena des Lebens, also im Zentrum von Beunruhigung und Tragik. Der Mann driftet durchs Dasein und beschäftigt sich mit seinen Phantasmen.
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Die Guido-Figur steht unter dem Bann fataler Liebesunfähigkeit. Sie variiert einen Männertypus des italienischen Kinos, den der Schriftsteller in Antonionis "La Notte" ideal verkörperte. Fellinis Drehbuchautor Ennio Flaiano - auf ihn gibt es bei Piccioni einen versteckten Hinweis - hat ihn immer wieder erforscht und geschildert. ... Er will sich die Welt auf Distanz halten, sein Getriebensein als künstlerische Kontemplation verklären. Er betrachtet Leben und Welt als Stoffsammlung für seine Phantasien und opfert sie ihnen. Meisterlich demonstriert Piccioni sein Verhängnis: Wo er zum Akteur wird, erzeugt er Katastrophen.
Rainer Gansera in der SZ vom 31.08.2011 über den Film "Giulia geht abends nie aus" von Giuseppe Piccioni.
Schöpferischer Nihilismus
"Schöpferischen Nihilismus, völlige Misanthropie", aber eben auch "aggressives Mitleid" hat er als Grundzüge seines Weltbilds bezeichnet.
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Besonders die Weigerung des Autors, klar in Gut und Böse, Opfer und Täter zu unterscheiden und vielmehr auf den allem zugrunde liegenden menschlichen "Sadismus" zu bestehen, scheint Schneider von diesem Roman zu überzeugen.
Wolfgang Schneider in der FAZ vom 01.09.2011 über das Buch "Das heile Haus" von Willem Frederik Hermans. Auszüge der Besprechung bei perlentaucher.de.