Donnerstag, 17.Mai 2012
"Wenn dir die Zuversicht ausgeht, erfinde sie"
Vieles hat Sten Nadolny in diesem Roman auch über sich selbst geschrieben, wesentliche Lebensstationen dieses Weitling sind seine eigenen. Vor allem ist das Buch getragen von einer Liebe zu der Landschaft hier, zum See, den Menschen, einer Frau, die Astrid heißt. Ja, und von der Liebe zu einem Beruf, den man Schriftsteller nennt und der die permanente Möglichkeit der Selbsterfindung bietet. Ein Traumleben zu leben, neben dem eigenen. "Traumleben", so heißt auch der Großvater im Roman, dem der Enkel spät noch einmal begegnen darf und der ihn hört, als Einziger. Weil er etwas sieht, weil er etwas weiß, was andere nicht wissen: dass es ein anderes Leben gibt. Einen anderen Klang der Welt, neben diesem Rauschen der Gegenwart.
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Ein Schriftsteller geht noch einmal durch sein Leben. Sten Nadolny hat mit diesem Roman einen unglaublich poetischen, traurigen, liebevollen Möglichkeitsbericht seines eigenen Lebens geschrieben. Eine Bilanz voller Dankbarkeit und Angst und Staunen.
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Sten Nadolny erzählt von seinem Vater, von seinen Romanen, von dessen Lebenssatz: "Wenn dir die Zuversicht ausgeht, erfinde sie", hat er gesagt. Ein echter Nadolny-Satz.
VOLKER WEIDERMANN in der FAZ vom 13.05.2012 über das neue Buch von Sten Nadolny: "Weitlings Sommerfrische".
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Sonntag, 22.April 2012
Der Barbar
Fatalerweise liefert der Terminus »Barbar« das Paßwort, das den Zugang zu den Archiven des 20. Jahrhunderts öffnet.
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Es bezeichnet den Leistungsverächter, den Vandalen, den Statusleugner, den Ikonoklasten, den Verweigerer der Anerkennung für jede Art von Ranking-Regel und Hierarchie.
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Wer das 20. Jahrhundert verstehen will, muß stets den barbarischen Faktor im Auge behalten. Gerade für die jüngere Moderne war und blieb es typisch, eine Allianz zwischen Barbarei und Erfolg vor großem Publikum zuzulassen, anfangs mehr unter der Form von trampelhaftem Imperialismus, heute in den Kostümen der invasiven Vulgarität, die durch die Vehikel der Popularkultur in praktisch alle Bereiche vordringt.
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Daß die barbarische Position im Europa des 20. Jahrhunderts selbst unter den Vertretern der Hochkultur zeitweilig als wegweisend galt, bis hin zu einem Messianismus der Unbildung, ja einer Utopie des Neuanfangs auf der leeren Tafel der Ignoranz, illustriert das Ausmaß der Zivilisationskrise, die dieser Kontinent in den vergangenen einhundertfünzig Jahren durchlaufen hat - die Kulturrevolution nach unten inbegriffen, die in unseren Breiten das 20. Jahrhundert durchzieht und ihren Schatten auf das 21. Jahrhundert vorauswirft.
Peter Sloterdijk in seinem Buch "Du mußt dein Leben ändern".
Kategorien: Literatur, Philosophie, Politik, Psychologie
Sonntag, 15.April 2012
Das süße Nichtstun
Wer die Muße finden will, muss hart daran arbeiten. Das erfordert Charakterstärke.
„Die Idee der Muße ist ein Zustand entlastet von Zwecken außer sich selbst“, sagt der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa. „Das kann eine Tätigkeitsform sein, bei der man mit sich selbst vollkommen im Reinen ist – nicht gehetzt, aber auch nicht gelangweilt, herausgefordert, aber nicht überfordert.“ Ein Zustand also, in dem man einer Aktivität nachgeht, deren Anforderungen genau den eigenen Fähigkeiten entsprechen.
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Der Stellenwert, den wir heute der Erwerbsarbeit in unserem Leben einräumen, das Ausmaß, in dem wir uns auch im Privaten dem Diktat der Uhren unterwerfen: Das wäre den Menschen in vorindustrieller Zeit schlicht unverständlich erschienen. Ein Leben frei von Zwecken und Zwängen galt im Altertum als Ideal. Die Griechen nannten es scholé, wovon sich unsere inzwischen sehr zweckorientierte „Schule“ ableitet, die Römer verwendeten den Begriff otium.
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Erst die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs macht unentspannt
Auch das christliche Mittelalter erhob die Arbeit nicht zum Ideal. Die Zehn Gebote sagen nichts über sie – außer, wann sie zu ruhen habe: an den Feiertagen, die seinerzeit viel zahlreicher waren als heute. Habgier, Geiz, Gewinnstreben galten als Laster, beim Besuch gotischer Kathedralen blicken wir in ihre fratzenhaften Gesichter. In der ständischen Gesellschaft hatte jeder seinen gottgewollten Platz, das Konzept einer Karriere durch Leistung war noch nicht erfunden.
Der Stress begann, als die Idee von der Gleichheit aller Menschen aufkam. Wenn der französische Theoretiker Alexis de Tocqueville zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgerechnet Amerika als Vorreiter von Gleichmacherei und Freiheitsbedrohung brandmarkte, dann hatte er auch dies im Sinn: die allgemeine Geschäftigkeit, die durch die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs hervorgerufen wird, und die Unfreiheit, die sich aus der ständigen Zeitnot ergibt.
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Es erfordert Charakterstärke, sich auf die Muße einzulassen. „Man muss ziemlich viel mit sich anfangen können, wenn man aus dem Alltag des Berufslebens aussteigt“, sagt der Zeitforscher Karlheinz Geißler. „Man muss sich selbst genügen.“ Wer zur selbstbestimmten Muße finden wolle, der müsse erst durch die Langeweile hindurch.
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Wer sie angestrengt sucht, wird sie nicht finden.
Muße ist mehr als Nichtstun. Der Glücks- und Kreativitätsforscher Mihaly Csikszentmihalyi von der University of Chicago hat diesen ausbalancierten Zustand von Geist und Seele erforscht und mit seinen Konzept des „Flow“ die Wissenschaft nachhaltig beeinflusst. „Flow“ ist die Höchstform des Wohlgefühls, die ein Mensch erreichen kann. Es ist die Muße in Reinform. „Flow ist ein Gemütszustand, den wir erfahren, wenn wir in einer momentanen Tätigkeit vollkommen aufgehen“, sagt er. „Das Ego verschwindet, die Zeit fliegt. Jede Handlung, jede Bewegung und alle unsere Gedanken ergeben sich nur aus der vorangegangenen.“
Menschen vergessen den Hunger, die Müdigkeit, die Umwelt. Muße besteht nicht nur darin, die Zeit zu vergessen, sondern auch sich selbst. Dabei ist die Tätigkeit nicht ohne Ziel: ein Jazz-Stück komponieren, ein Bild malen, einen mathematischen Beweis führen. Muße ist ein Zustand maximaler menschlicher Konzentration, der erreicht wird, wenn man vollkommen aus seiner alltäglichen Realität heraustritt.
RALPH BOLLMANN UND INGE KLOEPFER in der FAZ vom 13.04.2012
Kategorien: Literatur, Philosophie, Politik, Psychologie
Dämmern in der Stunde der Dämonen
Lang ist es her, dass man sich zu einer Siesta zurückzog, um für den zweiten Teil des Tages gerüstet zu sein. Sollte man darauf nicht zurückkommen? Thierry Paquot lobt den Mittagsschlaf als Widerstandsakt.
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Der Mittag ist also eine gefährliche Stunde, und wer in ihr wegdämmert und auf schläfrige Reisen geht, der tut das nicht so sehr um der Reproduktion seiner Arbeitskraft willen, sondern tendenziell, um die ganze Lebens- und Weltmaschine zu verlassen. Da wird dann quasi der Mittagsschlaf als Widerstandsakt vollzogen, und „Mittagsschlaf als Widerstand“ ist in der Tat das vorletzte Kapitel des Essays überschrieben.
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Nun verfügt allerdings Thierry Paquot, Philosoph und Professor am Institut für Urbanismus an der Université Paris 12, über ausreichend Ironie, um kein Manifest zu schreiben, auch wenn dieses Kapitel mit dem Aufruf endet: „Schläferinnen und Schläfer, schlaft am Mittag!“ Eine neue Empört-euch!-Welle soll aber durch dieses Buch nicht ausgelöst werden und wäre gewiss seinem Thema auch völlig unangemessen.
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Ganz zum Schluss gibt es unter der Überschrift „Kein letztes Wort“ eine wunderbare Paraphrase auf Georges Perecs „Je me souviens“, in der sich Paquot an eigene - und fremde - Augenblicke des Mittagsschlafs erinnert: „Ich erinnere mich an einen unbequemen Mittagsschlaf in einem überfüllten Minibus zwischen Douala und Yaoundé“, oder: „Ich erinnere mich an eine sinnliche Siesta zu zweit ...“ Das sind Epiphanien, Bilder, wie auch das Buch selbst sich unter anderem dem Kommentar von themenverwandten Bildern widmet, von Giorgiones und Tizians „Schlummernder Venus“ über Brueghel des Älteren „Schlaraffenland“ bis zu Delacroix’ „Frauen von Algier in ihrem Gemach“.
JOCHEN SCHIMMANG in der FAZ vom 10.04.2012 über Thierry Paquot: „Die Kunst des Mittagsschlafs“.
Sonntag, 01.April 2012
Jedem Foxtrott wohnt ein Zauber inne
Von der Verteidigung des Individuums gegen die Vermassung der Zeit: Hermann Hesse ist der Dichter der Stunde. Denn über die Krise des modernen Menschen hat uns keiner mehr zu sagen.
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So geht es vielen Menschen beim ersten Eintritt in die Hermann-Hesse-Welt: Die Begeisterung streckt einen nieder, raubt das Bewusstsein oder schraubt es in Sphären empor, von denen man vorher nicht einmal ahnte, dass es sie gibt. Es ist nicht Hesses Fehler, dass viele Leser sich später dieses ersten Rausches schämen, sobald sie mit - wie sie selbst meinen - hellem, klarem, stilistisch und zynisch aufgeklärtem Leseverstand zu der frühen Begeisterung zurückkehren wollen und dabei scheitern. Hesse selbst sah sich in der Zeit vor seinem Tod vor beinahe fünfzig Jahren von Spöttern und Kritikern umgeben, die in den Zeitungen seine angeblichen Kinderverse, seine Blumensprache und Gärtnerseele, seine ganze strohhuthafte Heiligkeit verhöhnten.
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Sein ganzes Werk ist ja eine Verteidigung des Individuums gegen die Vermassung der Zeit, gegen jedes Glücksversprechen, das zur Ideologie wird.
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Auch das unschuldigste Glücksversprechen wird zum Terror, sobald es ideologisch wird.
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„Diese schäbige, stets enttäuschende oder öde Wirklichkeit ist auf keine andre Weise zu ändern, als indem wir sie leugnen, indem wir zeigen, daß wir stärker sind als sie.“
Das war der Kampf des Hermann Hesse sein ganzes Dichterleben lang. Das war seine Mission und sein Selbstbewusstsein. Er habe schon längst allen ästhetischen Ehrgeiz aufgegeben, schrieb er einem seiner Kritiker, „ich schreibe keine Dichtung, sondern Bekenntnis, so wie ein Ertrinkender oder Vergifteter sich nicht mit seiner Frisur beschäftigt oder mit der Modulation seiner Stimme“.
VOLKER WEIDERMANN in der FAZ vom 26.03.2012 über die beiden Biographien, die jetzt zum fünfzigsten Todestag von Hermann Hesse erschienen sind, die eine von Heimo Schwilk beim Piper Verlag, die andere von Gunnar Decker bei Hanser.
Freier Denker
Literatur bedeutete für Antonio Tabucchi keinen Beruf, sondern eine Passion.
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Der Autor selbst gab an, seine Faszination fürs Lusitanische stamme von einem Bändchen des großen portugiesischen Autors Fernando Pessoa, welches er bei einer Zugreise beim Gare de Lyon in Paris zufällig in die Hände bekam und das ihn an den Tejo zog. Pessoa, der multipersonale Dichter der ertragreichen Vergeblichkeit, der klassizistischen Zertrümmerung der Wahrheiten und der eitlen Einsicht in die eigene Unwichtigkeit wurde für Jahrzehnte zum Leitstern Tabucchis. Er widmete ihm zwei literarhistorische Sammelbände und etliche Werke, die ästhetisch deutlich von Pessoas Kosmos geprägt sind. Dass dieser lange vergessene Schriftsteller heute zu den ganz großen europäischen Geistern gezählt wird, ist auch Tabucchis Verdienst.
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Erzählungen wie sein Erstling „Indisches Nachtstück“ oder „Die Frau von Porto Pim“ siedelte er mit einem Augenzwinkern in Richtung Joseph Conrad in einem exotischen Niemandsland des Begehrens und der Suche an. Was wie eine Nachforschung nach unerreichbaren Frauen oder verschollenen Seeleuten beginnt, erweist sich als eine Reflexion über das eigene, fragile Ich.
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Die portugiesische Stimmung der Saudade - die wonnige Nostalgie nach einem nie erreichten Glück, die Trauer über den Verlust eines nie regierten Reiches - verführten den homo politicus Tabucchi aber nie, die realen Herrschaftsverhältnisse aus den Augen zu verlieren.
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„Es wird immer später“ heißt sein Roman von 2001, der auch in Deutschland Erfolg hatte und schon im Titel von der müden Melancholie des Autors zeugt, die irgendwann nicht mehr nur gespielt war. „Und wenn Fernando Pessoa bloß so getan hätte, als sei er Fernando Pessoa?“, mutmaßt Tabucchi, der die schicksalhafte Camouflage als schreibender Imitator seiner selbst ein Leben lang würdevoll und mit großem ästhetischem Ertrag betrieben hat. An diesem Sonntag ist er nach langer Krankheit in Lissabon gestorben.
DIRK SCHÜMER in der FAZ vom 25.03.2012 zum Tod von Antonio Tabucchi.
Sonntag, 18.März 2012
Café Condé.
Auf der Ebene des Werks freilich ist die Wiederkunft ein Faktum: Die bittersüße Melodie der Erinnerung, die Aufladung der Pariser Topographie mit historischer und persönlicher Bedeutung, die ewige Suche nach dem anderen, die Trauerarbeit ob der immer schon verlorenen Zeit - all das kehrt von Roman zu Roman wieder. Seine Leserschaft liebt ihn dafür, Modiano selbst hingegen fürchtet die Wiederholung, wie er in Interviews mitgeteilt hat. Nicht ganz zu Unrecht: Auch "Im Café der verlorenen Jugend" ist einer jener schmalen Bände, die den Leser für einen Nachmittag ins Paris der Nachkriegsjahre entführen. Wie gewohnt bietet er nostalgisches Vergnügen ohne Reue - auch ohne Erschütterung.
NIKLAS BENDER in der FAZ vom 16.03.2012 über Patrick Modiano: "Im
Café der verlorenen Jugend". Roman.
Sehnsucht des Kleinbürgers nach dem guten Leben.
Lolita in Flandern: Louis Paul Boon erzählt in seinem 1955 erstmals erschienenen Roman "Menuett" von der Sehnsucht des Kleinbürgers nach dem guten Leben.
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Boons ganzes Werk ist vom rigorosen Zweifel an der Humanität und Liebesfähigkeit der Menschen geprägt, überall sah er Brutalität, Elend und Hoffnungslosigkeit.
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"Jeder von uns ist eine Insel, von verräterischem Wasser umschlossen, und was wir alle zusammen erreicht haben, ist nichts als Zufall", lautet einer der letzten Sätze des Romans.
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Es ist die Fragilität des menschlichen Lebens selbst, die sein Erzähler betrauert, während ihm jeder Satz und jede Wahrnehmung zweifelhaft scheinen und als einzig lebendiger, hoffnungsvoll anarchischer Impuls das sexuelle Begehren bleibt.
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"Menuett" ist zweifellos Boons persönlichstes Buch.
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Das Leben erscheint ihm als leidenschaftliche Jagd, der stets ihr Gegenstand entrinnt, weil er zum größten Teil ein Sehnsuchtsbild im Kopf des Jägers ist und seinen kümmerlichen realen Rest die irdische Inbesitznahme längst zerstört hat.
NICOLE HENNEBERG in der FAZ vom 15.03.2012 über Louis Paul Boon: "Menuett". Roman.
Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen.
Am Ende sitzt auch Renate, aus allen Zusammenhängen, Bindungen und technischen Netzen herausgefallen, in einer Pension am Stadtrand von Samara und schreibt ihre Geschichte auf.
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„Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen“ ist ein meisterhaftes Abbild unserer Gesellschaft, das ihre Abgründe freilegt und dabei so spannend ist, dass es zugleich eine famose Selbstbehauptung ist in der Mediengesellschaft, deren Kräfte es auslotet. Wenn Schreiben auf diese Weise zum Mittel der Selbstversicherung wird, derweil alle anderen Gewissheiten weggebrochen sind, dann besteht Hoffnung.
WIEBKE POROMBKA in der FAZ vom 07.03.2012 über Thomas von Steinaecker: „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen.“ Roman. S. Fischer Verlag.
Mittwoch, 14.März 2012
We gamble and we just hope.
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Auch die Stillen, Nachdenklichen fürchteten, er sei dabei, die Regeln zu schleifen, die ihr Land groß gemacht hätten, die einfachen, harten Regeln der Siedler und Pioniere. In den Plains hörte ich drei Sätze immer wieder: Ich will keine Regierung, die mir sagt, wie ich leben, wirtschaften, vorsorgen soll. Ich will ein Leben auf eigene Faust, wie es meine Vorväter suchten, als sie in dieses Land kamen. Und ich will nicht für die sorgen, die nicht für sich selbst sorgen.
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<<Wissen Sie was? Wir spielen. Wir spielen und hoffen es geht gut.>>
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Die Spielernatur als süßes Geheimnis der puritanischen Ethik, das hatte mir noch niemand verraten, schon gar nicht so freimütig wie Carol in der Küche.
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Spielen und hoffen, Einsatz und Glück, darum ging es und bei ihr klang das Wort "hope" härter als in den Reden aus Washington, nicht so schwämerisch
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Wolfgang Büscher in seinem Buch "Hartland - Zu Fuß durch Amerika".
Kategorien: Literatur, Philosophie, Politik, Psychologie
Freitag, 09.März 2012
Morgue und andere Gedichte
Der Wilmersdorfer Ein-Mann-Verleger Alfred Richard Meyer wollte das „wirre Manuskript“ schon wegwerfen, als ihm der angehängte Zyklus derart ins Auge stach, dass er „aufschrie“, wie es in seinen Erinnerungen heißt.
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Benn konnte sich im Frühjahr 1912 über die starke Wirkung der Gedichte nicht freuen, wie aus einem erst vor fünf Jahren aufgetauchten Brief hervorgeht (F.A.Z. vom 11. Januar 2007) - allerdings nicht, weil „ein paar Spießer, Familienväter, Oberfeldärzte u. ähnliche Kanaken aus ihrer Ruhe gestört“ wurden, sondern weil er, trotz durchaus auch positiver Kritik, dieser Zusammenstellung niemals zugestimmt hätte: Er fühlte sich von seinem Verleger „schamlos ausgenutzt“ und bedauerte die Veröffentlichung. Das alles rieche „nach Sensation“ und schmecke „nach Kino“.
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Viel später erst liefert Benn poetologisch gut klingende Erklärungen, dass etwa die Gedichte damals in Moabit im Dämmerzustand wie von selbst „aufstiegen, sich heraufwarfen“, und leistete damit seiner jahrzehntelangen Rezeption als Rausch-Künstler Vorschub. Aber auch die Diagnose vom amoralischen, kalten Artisten, der sich mit zynischer Distanz das menschliche Leid vom Hals hielt, ist nur ein Teil der Wahrheit. Aufschluss gibt das eher unbekannte Gedicht „Mutter“, das ein Jahr später im Nachfolgeband „Söhne“ erschien. Darin ist von Rausch, Rache oder Kälte keine Spur, sondern nur von Schmerz und Trauer. Benn trägt den Verlust wie eine „Wunde“ auf der Stirn, „die sich nicht schließt“. Oft bemerke er das (Mutter-)Mal nicht einmal mehr, „nur manchmal plötzlich bin ich blind und spüre / Blut im Munde“. Im Sinne dieses „Mutter-Mals“ wird es Zeit, Benns “Morgue“-Gedichte gegen lange gültige Vorgaben zu lesen.
FRIEDERIKE REENTS in der FAZ vom 08.03.2012 über das Buch von Gottfried Benn: „Morgue und andere Gedichte“. Mit Zeichnungen von Georg Baselitz. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2012.
Donnerstag, 01.März 2012
Gutgeschriebene Verluste
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Sein Lieblingsmotto kommt von Kierkegaard: "Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden." Im Rückspiegel tauchen dann zahlreiche Versäumnisse und Verfehlungen auf - Verluste, die gutgeschrieben werden wollen. Allem voran der notorisch verbummelte Lebenslauf. Seht ihn an, den Niemandsmann, "eingedreht in eine eschersche Selbstbezichtigungsspirale ohne Anfang und Ende, festgesessen in immergleichen Cafés".
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Am Anfang steht eine amüsante, menschenkundige Porträtgalerie der Dauergäste im Café Fler, diesem Schöneberger Reservat der "Übriggebliebenen", die noch im höheren Alter das ambulante Wohnzimmer dem familiären Heim vorziehen. Da sitzen sie, in gegenseitigem Respekt und tischferner Distanz,
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Das liest man gern, aber es ist nicht romanfüllend. So tritt nach fünfzig Seiten Ella ins Café: eine prächtige Lady im Abendkleid, dazu zwanzig Jahre jünger. Sie kann sich für den Erzähler erwärmen, diesen Langzeitsingle, der mit seiner Sechzigjährigkeit hadert und schon befürchtete, dass sein Liebesleben endgültig Schlagseite bekommt: von Eros zu Caritas.
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Nach kurzen Schüben des Glücks aber entwickelt sich daraus eine Beziehungskomödie der ständigen Verstimmungen. Der Prozess gegenseitiger Adaption, der zum Verlieben gehört, erweist sich als schwierig - sind im höheren Alter doch allerhand Marotten als "Zierleisten der Persönlichkeit" längst ausgebildet und lassen sich nicht einfach abschlagen. Der Autor ist auch im Leben ein Ironiker, sie dagegen eine Frau starker Gefühlsausbrüche. Ihre Bestätigungssucht und seine "mörderische Skepsis" ergeben ein veritables "Mismatch". Der "sich selbst zum Geistesmenschen erhebende Geringverdiener" ist nicht mehr zum gemeinsamen Nestbau zu überreden. Ella ihrerseits laboriert am Männerhass, seit sie mit ihrer Tochter von deren Erzeuger sitzengelassen und zur Alleinerziehenden gemacht wurde. Und so liegt bei aller Komik auch viel Melancholie über dem späten, mit feiner Psychologie ausgeleuchteten Liebesversuch.
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Cailloux schreibt die existentiellen "Verluste" gut, indem er gut über sie schreibt, mit einem wunderbar halbtrockenen Humor, der über manch peinlichen Abgrund hinweghilft. Das Buch lebt von seiner Sprache, seinem Parlando-Ton und einer Ironie, die nicht den Boden wegzieht, sondern stabilisierend wirkt, wo der Boden sehr dünn ist.
WOLFGANG SCHNEIDER in der FAZ vom 28.02 2012 über das Buch "Gutgeschriebene Verluste" von Bernd Cailloux.
Samstag, 11.Februar 2012
Demenz als Sabotage
Am Frühstückstisch gerät der Tag zum ersten Mal ins Stocken. Die alte Frau hat vergessen, was es mit dem Stückchen Butter auf sich hat, das sie zwischen Zeigefinger und Daumen hält. Erstaunt betrachtet sie es, bis der alte Mann, der ihr gegenübersitzt, auf den Teller deutet und ihr hilft, die Butter mit dem Messer auf dem aufgeschnittenen Brötchen zu verteilen. Als sie genussvoll den ersten Bissen nimmt, blinzelt sie ihn dankbar an. Doch der zarte Moment ist nur von kurzer Dauer. Die Frau hält inne, wendet den Blick ab und starrt leer aus dem Fenster. Ängstlich beobachtet der Mann die Frau, mit der er die längste Zeit seines Lebens verbracht hat: "Er hoffte, dass sie sich nicht jetzt, am Tisch, beim Frühstück, während des Essens einkotete. Daran konnte er sich einfach nicht gewöhnen."
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Damit ist der Rahmen abgesteckt: Péter Farkas erzählt in dem Roman "Acht Minuten" von einem älteren Ehepaar, dessen Alltag durch eine Demenzerkrankung bestimmt ist.
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Interessant ist, dass Farkas anders als andere Autoren bewusst auf eine verlässliche, vermeintlich "gesunde" Außenperspektive verzichtet. Sein Erzähler leidet ebenfalls unter ersten Anzeichen einer Demenz. Die Erinnerungen an das Leben als Akademiker, das er offenbar einst geführt hat, haben sich fast vollständig in Luft aufgelöst. Er ahnt, dass er genau wie seine Frau, die er täglich wäscht, anzieht und füttert, eines Tages ebenfalls sein Kurzzeitgedächtnis verlieren wird - und diesem Moment, in dem das Ich zerbricht, "wie eine Skulptur aus Sand", sieht er gerade erwartungsvoll entgegen.
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Eine der schönsten Stellen in dem Buch ist die, als zwei der "selbsternannten Aufseher" die Möbel in der Wohnung des Ehepaares umstellen, um vermeintlich einfachere, sicherere Wege zu schaffen - und dabei auch gleich die Betten an zwei gegenüberliegende Wände des Schlafzimmers rücken. In der folgenden Nacht wacht der Mann auf. "Schwankend, mit geschlossenen Augen" durchquert seine Frau das Zimmer, ihre Decke hinter sich herziehend, suchend und tastend, bis sie schließlich an seinem Bett angekommen ist, sich neben ihm auf die viel zu schmale Matratze legt und sich an ihn schmiegt. So wird die Liebe in Zeiten der staatlichen Pflegeversicherung noch einmal zum Akt der Rebellion: Péter Farkas hat einen berührenden und zugleich kämpferischen Roman über zwei Menschen geschrieben, die mit ihren "hutzligen Körpern" und ihrem "selbstvergessenen Glück" jenem gesellschaftlichen Normativ den Kampf ansagen, in dem das Alter insgesamt als chronische Krankheit erscheint.
KOLJA MENSING in der FAZ vom 09.02.2012 über das Buch "Acht Minuten" von Péter Farkas.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Wozu lesen?
Unsere kulturelle Existenz verändert sich: Die seit langem angekündigte "visuelle Wende" findet gerade statt, vor allem dank der tragbaren Bildschirme. Erst mobile Bilder können die Menschen so recht einhüllen, ihre Sinnes- und Denkgewohnheiten verändern - ein flimmernder Kokon, der sich um uns legt, ob zu Tisch, im Zug oder im Bett. Im Licht technischer Evolution werden alte Medien neu betrachtet: In dem Moment, in dem das iPad seinen Siegeszug antritt, wird das Buch wortreich verabschiedet oder nostalgisch beschworen. Das gilt auch für die Kulturtechniken, die sich mit diesen Medien herausgebildet haben. Charles Dantzig wendet sich der ehrwürdigsten jener Techniken zu und stellt die Sinnfrage: "Wozu lesen?" So der Titel seines schönen Bandes, der gleich Dutzende Antworten gibt. Er bietet eine beiläufig-geistreiche Verteidigung des Schmökerns und ist - wie könnte es anders sein - eine anregende Lektüre.
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"Wozu lesen?" präsentiert Dantzig von seiner besten Seite: eine Gelegenheit für den deutschen Leser, sich mit einem Essayisten bekannt zu machen, der in seiner Jugend in einen Kessel mit Esprit gefallen sein muss.
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Aus geistigen Volten und maliziösem Frohsinn kristallisiert sich das Bild eines anspruchsvollen Anarchisten heraus: "Lektüre ist unvernünftig. Es gibt weitaus wichtigere Dinge, sagen die wichtigen Leute. Das stimmt. Und mit diesem Wissen lesen wir leise pfeifend weiter in den Büchern, die uns um eitlen Ruhm und nichtigen Reichtum bringen." Lesen hat andere Vorzüge: Es macht frei, es schafft "Unempfindlichkeit gegenüber den Dingen des Lebens". In Anlehnung an Prousts Erinnerungsmotiv setzt Dantzig die Lektüre als Ideal: "Lesen ist dieser Moment der Ewigkeit, den ein paar Einzelgänger miteinander teilen in einem immateriellen und etwas bizarren Raum, nämlich im Geiste." Hierin liegt sein Verdienst: Dantzig beschwört die Attraktivität einer diskreten Kulturerfahrung, ihre Leidenschaft, ihre Flüchtigkeit, ihre befreiende Wirkung.
NIKLAS BENDER in der FAZ vom 31.01.2012 über das Buch "Wozu lesen?" von Charles Dantzig.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Sonntag, 29.Januar 2012
Ein Eichhörnchen auf Wanderschaft
Nico Bleutge hat Gyrdir Eliassons jüngsten Gedichtband und seinen gerade auf Deutsch erschienenen Roman "Ein Eichhörnchen auf Wanderschaft" gelesen und findet in beiden Büchern die gleiche Sinnlichkeit und gleitende Verbindung von Traumwelt und Realität. Im Roman, der 1987 im Original herauskam, verwandelt sich ein Junge in ein Eichhörnchen und durchlebt seine Ängste und Fantasien aus der Perspektive eines Tieres, erklärt der Rezensent. Die Märchen- und Traumelemente verbinden Eliasson mit großem Geschick mit der erzählten Realität, stellt der Rezensent eingenommen fest. Für ihn manifestieren sich in der Erzählweise des isländischen Autors "romantische Ideen", die er hier fortgeführt sieht. Mit der Übersetzung ins Deutsche durch Gert Kreutzer zeigt sich Bleutge zufrieden, weil er darin einen "eingängigen Ton" vernimmt, der in seinen Augen von solider Übersetzungsleistung zeugt.
Nico Bleutge in der SZ (Perlentaucher) vom 11.10.2011 über das Buch "Ein Eichhörnchen auf Wanderschaft" von Gyrdir Eliasson.
Sehnsucht
Ein "getriebener Reisender in Sachen Literatur" wurde Herman Bang genannt,
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Bangs Leben ist von Verlusten geprägt.
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Tine ist eine typische Bang-Figur: sensibel, einsam, voll Sehnsucht nach einem erfüllten Leben. Ihr steht eine vollkommen verständnislose Gesellschaft gegenüber, die solchen Menschen die Daseinsberechtigung verweigert.
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Zwar wurde der exzentrische Dichter schnell zum Inbegriff des blasierten, herausfordernden Dandys - aufden Fotos und Karikaturen in Lothar Müllers Überblick über Bangs Leben (der zum ersten Kennenlernen gut geeignet ist) können wir das studieren. Doch aus Sodom kam er nicht, noch weniger hat er Sodomitisches beschrieben. Bei kaum einem anderen Schriftsteller gibt es diese flirrende Melancholie, diese nervöse Atmosphäre, diese unstillbare Sehnsucht nach menschlicher Anerkennung. Seine Helden waren Frauen, weil Frauen seine weibliche Seite eben am besten verkörperten.
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Sie haben ihre Idee von der Welt und vom Leben, sie haben ihre Sehnsucht, sie lassen nicht von ihr ab, aber diese Sehnsucht lässt auch nicht von ihnen ab. Sie sind in ihr gefangen. Es sind eigenwillige Frauen, aber nicht unbedingt starke, sie setzen ihren Willen ja nicht durch: Bangs Frauen nehmen sich das Leben wie Tine oder sterben an gebrochenem Herzen wie Katinka in "Am Weg". Gert Ueding nannte Herman Bang in dieser Zeitung einmal einen "Flaubert des Fin de Siècle".
PETER URBAN-HALLE in der FAZ vom 27.01.2012 über Herman Bang.
Montag, 16.Januar 2012
Lob der verbeulten Lebensläufe
Auf Wackwitz' eigenen Werdegang scheint Hegels schnaufender Realismus zuzutreffen: "Diese Kämpfe nun aber sind in der modernen Welt nichts Weiteres als die Lehrjahre, die Erziehung des Individuums an der vorhandenen Wirklichkeit." Doch das Ziel aller Bildung besteht für den Erzähler gerade in der Ziellosigkeit. So ist "Neue Menschen" zuletzt ein Trostbuch, ein Lob der verbeulten Lebensläufe. Der einzige, gleichsam spielerische Ausweg aus den Verführungen zur Teleologie besteht darin, die seit Augustinus in heiligem Eifer praktizierten Konversionen ausschließlich als performative Ereignisse zu zelebrieren, sie aus dem Leben in die Kunst zurückzuholen, ohne je zu einem Stillstand zu gelangen: "Wir machen weiter. Wir fangen immer noch einmal an (unsere Art von Romantik)."
OLIVER JUNGEN in der FAZ vom 21.11.2005 über das Buch "Neue Menschen" von Stephan Wackwitz.
Sonntag, 15.Januar 2012
Schulung
Die Vergesellschaftung durch Schulung, wie sie hierzulande geschieht, ist die Verdummung a priori, nach der kaum ein Lernen mehr Aussicht bietet, daß die Dinge irgendwann besser würden [...]. Im Grunde glaubt kein Mensch mehr, daß heutiges Lernen «Probleme» von morgen löst; fast sicher ist, daß es sie auslöst.
Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft Bd. 1, aus der Zitate Sammlung von Andreas Tenzer.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Samstag, 03.Dezember 2011
Vom Ende einer Geschichte
...wendet er sich hier der Frage zu, wie viel von unserer Erinnerung im Grunde Selbsttäuschung ist, wie viel Menschen voneinander wissen können und welche Verantwortung ihnen mit diesem Wissen übertragen wird.
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Was hier erzählt wird, ist das Kondensat eines Lebens, das ohne größere Amplituden geführt wurde und auf das sein Protagonist doch nur voll Reue, Wehmut und Scham zurückblicken kann.
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„Vom Ende einer Geschichte“ ist eine ergreifende philosophische Reflexion über die seelischen Schäden, die selbst der vorsichtigste Mensch erleidet und die wir uns wissentlich oder unwissentlich zufügen, und darüber, wie wir mit diesen Beschädigungen umgehen, uns ihnen stellen, sie zu heilen oder zu verdrängen suchen.
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„Es sollte uns doch klar sein, dass die Zeit nicht wie ein Fixativ wirkt, sondern wie ein Lösungsmittel.“
Felicitas von Lovenberg in der FAZ vom 02.12.2011 über das Buch "Vom Ende einer Geschichte" von Julian Barnes.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Samstag, 26.November 2011
Melancholie der Egomanie
Es kennt keinen Sieger, dieses über siebzehn Runden währende Ringen zwischen Instinkt und Selbstentwurf, Letzteres zu verstehen als radikale Ich-Autarkie, als Ausscheren aus der Horde, weshalb der Preis auch das Arrangement mit der Vereinzelung zu sein scheint. Bedrohlich jedenfalls dämmert hinter den Figurenschicksalen in diesem klugen, feinsinnigen, ungeheuer verdichteten Erzählband die Entgesellschaftung herauf („das Wippen der Köpfe, jeder in seinem iPod-Takt“).
OLIVER JUNGEN in der FAZ vom 05.11.2011 über das Buchvon Ulrike Draesner: „Richtig liegen“. Geschichten in Paaren. Luchterhand Verlag, München 2011.
Mittwoch, 23.November 2011
Trugbilder
Der Wunsch nach einem Trugbild ist immer auch eine Flucht vor den allzu aufdringlichen Originalen. So schnitzte Ovids Pygmalion seine berühmte Skulptur aus "Abscheu vor den Gebrechen, mit denen die Natur das weibliche Gemüt so überreich bedacht hat". Venus erhörte denn auch nicht seine Bitte nach einer Gefährtin, die dieser Elfenbeinstatuette ähnlich sehe, sondern verwandelte das Abwehrbild in eine Frau, die der Bildhauer ehelichen und die ihm einen Sohn gebären sollte.
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Wer, wie Ovids Pygmalion, das selbstverfertigte Püppchen heiratet, kann eine wirkliche Ehe führen und einen echten Sohn zeugen. Wer, wie Diderots Pygmalion, mit allen Sinnen von seinem Trugbild absorbiert ist, erfährt sich selbst und seine Welt auf neue Weise. Die Pygmalionik ist sicher keine Lehre vom geglückten Leben, umfasst aber eine vielfältige Topik zu dem Kunst und Leben so produktiv ineinander verflechtenden Vermögen der Selbsttäuschung. Die Geschichte der Trugbilder, die Stoichita anhand gelehrter und beobachtungsreicher Einzelinterpretationen aufspannt, liest sich auch deswegen mit großem Vergnügen, weil sie ganz unberührt ist vom überspannten Ton der Apologeten oder Apokalyptiker der Simulation. Sie erinnert uns vielmehr daran, wie geübt wir im Umgang mit Trugbildern sind.
Ralph Ubl in der FAZ vom 23.11.2011 über das Buch "Der Pygmalion-Effekt" von Victor I. Stoichita.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Für diejenigen, die poesiebegabt sind, ist Dichten gleichbedeutend mit Befreiung.
...erkennt die Aufklärungspsychiatrie im Melancholiker das Opfer einer von ihm selbst geschaffenen Wahnidee: Es ist diese Idee, die einem seelischen Fremdkörper gleich ein zerstörerisches Eigenleben führt und die es daher durch allerlei ärztliche Kunstgriffe und Überraschungseffekte auszuschalten gilt. Obwohl die therapeutischen Indikationen der Moderne endgültig mit den Theorien der "vorwissenschaftlichen" Epoche zu brechen scheinen, ortet Starobinski auch noch in ihnen Reste des älteren Substantialismus: "Die Psychiater geben von diesem Fremdkörper ein so konkretes, objektives, ,verdinglichtes' Bild, dass es Maßnahmen bedarf, die durchaus denjenigen ähneln, welche die Ärzte vergangener Zeiten gegen die schwarze Galle anwendeten."
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Die Geschichte der Melancholiebehandlung erweist sich somit als eine Aneinanderreihung von therapeutischen Rezepten, die auf irrationalen und spekulativen Substanzvorstellungen fußen. Die positivistische Entzauberung dieser Vorstellungen führt jedoch nicht, im Sinne einer Fortschrittsgeschichte, zur Beherrschung der Krankheit mit exakten wissenschaftlichen Methoden: Angesichts der fortdauernden Unzugänglichkeit der an Depressionen leidenden Menschen kann sich die Medizin letztlich nur mit der Rolle bescheiden, ihnen einen "Hilfsdienst" anzubieten.
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Wenn Starobinski etwa schreibt "pour ceux qui ont le don de poésie, la délivrance est poésie", übersetzt Oeschger weniger elegant, aber durchaus sinngemäß: "Für diejenigen, die poesiebegabt sind, ist Dichten gleichbedeutend mit Befreiung." In der neuen Version wird daraus: "Für die Mit-Poesie-Begabten ist Erleichterung Dichtung." Man kann nur hoffen, dass weitere Neuausgaben von Starobinskis medizinhistorischen Arbeiten in besseren Händen liegen werden.
Andreas Mayer in der FAZ vom 23.11.2011 über Jean Starobinskis "Geschichte der Melancholiebehandlung".
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Donnerstag, 10.November 2011
Gerechtfertigt zu sein, das war einmal das Wichtigste.
Die Universität Harvard hat Martin Walser eingeladen, eine Rede zum 9. November zu halten. Die Ansprache des Schriftstellers zielt ins Zentrum seines Selbstverständnisses.
Martin Walser in der FAZ vom 10.11.2011.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Freitag, 28.Oktober 2011
Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben.
Bastei Lübbe hat dem Frankfurter Eichborn-Verlag ein Kaufangebot unterbreitet. Beide Seiten sind euphorisch, obwohl aus der Fliege eine klitzekleine Mücke zu werden scheint.
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Auch Stefan Lübbe freut sich über den möglichen Zuwachs aus Frankfurt, findet er doch, dass Lübbe und Eichborn gut zusammenpassten - „weil wir ähnliche Verlagsphilosophien haben“.
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Bei wichtigen Entscheidungen, erzählte Stefan Lübbe einmal, verlasse er sich auf sein Bauchgefühl. Mit Eichborns Herbstprogramm verleibt er sich nun Welterklärungsbücher ein wie Katja Kullmanns Essay „Echtleben“, der Aufklärung in der Frage verspricht, „warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben“.
Sandra Kegel in der FAZ vom 26.10.2011.
Nils Minkmar in der FAZ vom 23.06.2011 über das Buch "Echtleben" von Katja Kullmann.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Freitag, 16.September 2011
Ich will nur noch das machen, was ich kann.
„Das Spiel mit der Sprache und den Figuren, die ich bin“, sagt Semi, sein Alter Ego, nachdem er in der Theater-AG des Internats seine Aggressionen dämpfen gelernt hat, „schützt mich davor, zu morden.“
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Das Theater, ..., ist der Abtritt, wo ich meine kleinbäuerlichen Komplexe als Realität verkaufe und dafür gefeiert werde.
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Nur beim Hadern erinnert sich Pankraz noch an die Blankverse von Hölderlin und Shakespeare: „Verfluchtes Erbe, schreit er, verfluchter Zwang. Ich will der Knecht nicht sein von diesem alten Krempel, den ihr verfluchten Ahnen hier gebündelt habt. Ich hasse dieses Haus und diesen Heimatkram. Ich will heraus, heraus aus allem, was ich muss. Ich will nur noch das machen, was ich kann.“
Martin Halter in der FAZ vom 16.11.2011 über das Buch „Mittelreich“ von Josef Bierbichler.
Samstag, 03.September 2011
Schöpferischer Nihilismus
"Schöpferischen Nihilismus, völlige Misanthropie", aber eben auch "aggressives Mitleid" hat er als Grundzüge seines Weltbilds bezeichnet.
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Besonders die Weigerung des Autors, klar in Gut und Böse, Opfer und Täter zu unterscheiden und vielmehr auf den allem zugrunde liegenden menschlichen "Sadismus" zu bestehen, scheint Schneider von diesem Roman zu überzeugen.
Wolfgang Schneider in der FAZ vom 01.09.2011 über das Buch "Das heile Haus" von Willem Frederik Hermans. Auszüge der Besprechung bei perlentaucher.de.
Dienstag, 23.August 2011
dirty realism
Von geheimen Sehnsüchten, Tagträumen und Selbsttäuschung erzählt Tobias Wolff in seinen neuen Storys, von Einzelgängern und Eigenbrötlern, von notorischen Lügnern, missratenen Söhnen und missgünstigen Nachbarn. Die Weisheit eines ganzen Lebens und tiefe Menschenkenntnis sprechen aus diesen Erzählungen.
"Unsere Geschichte beginnt" von Tobias Wolff im Berlin Verlag
Samstag, 23.Juli 2011
Ironie
Wie der amerikanische Kulturkritiker und Journalist David Denby und der Historiker Arthur Marvick darlegten, waren die frühen sechziger Jahre der letzte, wirklich »ernsthafte« Moment in der amerikanischen Kultur. Während sich mit dem beginnenden globalen Kulturaustausch, vor allem mit Europa, und mit der Blüte von künstlerischen und politischen Subkulturen in New York und anderswo - von revolutionären Entwicklungen in der Kunstwelt über experimentelle Theatergruppen, architektonische Think Tanks bis zum Beginn erster feministischer und Civil-Rights-Bewegungen Amerikas kulturelle Landschaft radikal veränderte, sich die Zirkulation von Ideen beschleunigte und so der mediale Bedarf an Neuem und Spektakulärem radikal anstieg, war zu diesem Zeitpunkt doch die Populärkultur noch nicht allumfassend inthronisiert, regierte das Fernsehen noch nicht den Alltag der amerikanischen Haushalte, war die amerikanische Gesellschaft noch nicht kollektiv mit den Auswirkungen des Vietnam-Kriegs beschäftigt. Entertainment-Konglomerate hatten noch keine Kontrolle über die Massenkultur.
Ironie war ein Modus der Aggression, der die Wissenden vom Rest der Gesellschaft trennte, und noch kein Begleitgeräusch der medialen Bildüberschwemmung.
Daniel Schreiber in dem Buch "Susan Sontag - Geist und Glamour", erschienen im Aufbau Verlag.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Politik, Psychologie
Freitag, 08.Juli 2011
Shane Drinion
In David Foster Wallaces Romanfragment „The Pale King“, das im April im amerikanischen Verlag Little, Brown erschien, gibt es eine Figur, die sich, wenn alles mit rechten Dingen zuginge, als neue archetypische Figur in die Weltliteratur einfügen müsste.
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Aber diese Figur wird wahrscheinlich übersehen werden, Shane Drinion wird sich zu den anderen Bewohnern des Romans gesellen. Denn er fügt sich mühelos unter seinen Gefährten ein, die ja alle in gewisser Hinsicht dasselbe Problem haben: Langeweile.
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Während des Gesprächs beginnt Drinion leicht zu schweben. Das passiert ihm immer, wenn er vollkommen „immersed“, also versunken ist, es ist ihm gar nicht bewusst.
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Sein Shane Drinion ist eine Art Anti-Bartleby. Melvilles Jahrhundertfigur verhält sich zur Welt vor allem durch ihre berühmt gewordene Zauberformel „I would prefer not to“. Mit seinem „Ich möchte lieber nicht“ schält der Kanzleischreiber Bartleby sich langsam aus der Welt heraus, bis er in planetarer Abgeschiedenheit und Nacktheit irgendwo in einem völlig unwichtigen Eck des Universums seine letzten Tage verbringt. Shane Drinions Zauberformel dagegen könnte lauten: „Is there some extra information I need to understand this?“, also: „Benötige ich noch irgendeine zusätzliche Information, um das hier zu verstehen?“
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Nein, es ist tatsächlich der Zustand eines voll ausgelasteten Bewusstseins, Aufmerksamkeit und Sinn. Mehr geht tatsächlich nicht? Schrecklich: zu sehen, wozu man auf Erden als menschliches Ding verdammt ist.
Der Schriftsteller Clemens J. Setz über „The Pale King“ von David Foster Wallace in der FAZ vom 08.07.2011
Donnerstag, 07.Juli 2011
Das Cafe
Deshalb hat er als einzige Spezies dieser Erde das Café erfunden, das menschliche Substitut für das In-den-Bäumen-Hängen oder Auf-der-Weide-Liegen, Labsal der Zivilisation, eine Erfindung, die Gehrer angesichts seiner körperlichen Erschöpfung an diesem ersten Tag gerne in Anspruch nimmt. (Es ist erschreckend provisorisch, was uns vom Tier unterscheidet...)
Rolf Dobelli in seinem Roman "Und was machen Sie beruflich?".
Kategorien: Allgemein, Literatur, Psychologie
Samstag, 11.Juni 2011
Bequemlichkeit und Sehnsucht
Man kann Reisen, um anzukommen. Man kann aber auch Reisen, um wieder heimzukommen.
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Das Fragezeichen ist für Cees Nooteboom das Zeichen des Reisenden. Jeder Reisende weiß, dass das Fragezeichen kein Widerhaken in der Seele des Heimkehrenden ist, nicht das schmerzliche Symbol des Scheiterns, sondern im Gegenteil die Garantie für einen neuen Aufbruch in die Welt. Denn käme man mit lauter Antworten statt Fragen zurück, mit letzten Erkenntnissen statt der Sehnsucht des ersten Mals, hätte man irgendwann keinen Grund mehr zu reisen. Und das ist nicht nur für Cees Nooteboom der größte denkbare Schrecken.
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Nooteboom bleibt sich im „Schiffstagebuch“ treu. Sein Mantra lautet Selbstbeschränkung: „Die Welt gehört den anderen, du darfst sie dir ansehen, um sie besser zu verstehen – oder um dich selbst besser zu verstehen –, aber du kannst diese Welt nicht werden.“ Er ist kein Grübler auf Reisen, kein faustischer Intellektueller, der die inneren Zusammenhänge der Welt erkennen will. Das wäre für ihn anmaßend. Lieber relativiert er seine Betrachtungen immer wieder, indem er von sich selbst sagt, dass er immer ein Besucher auf Durchreise sei, denn „stets bleibt das unbekannt, was du gerade betrachtest“. So beschränkt er sich auf die Beschreibung des Fremden, die immer präzise, geschliffen, scharfsinnig und elegant, aber eben auch etwas flüchtig und anekdotisch ist.
Jakob Strobel y Serra in der FAZ vom 10.06.2011 über das Buch "Schiffstagebuch" von Cees Nooteboom.
Samstag, 04.Juni 2011
Himmelreich
Nicht schon wieder eine dieser Geschichten, ein Mann und eine jüngere Frau, und die einzige Herausforderung, die darin besteht, das Ganze mit Anstand rückgängig zu machen. - Doch diese Geschichte verläuft anders. Überraschend anders.
Die Versetzung nach New York kam wie gerufen: Philipp Himmelreich konnte mit einem Streich seine Ehe retten und sich der leidenschaftlichen Affäre mit der jüngeren Buchhändlerin Josephine entziehen. Im Flugzeug, auf 30000 Fuß Höhe, gewinnt er endlich wieder einen klaren Kopf. Und gibt sich noch ein letztes Mal all diesen schönen Phantasien hin. Ich denke sie, weil ich es mir leisten kann – weil keine Gefahr besteht, dass die Geschichte mit Josephine je weitergehen wird –, denkt Himmelreich jedenfalls. Er schwelgt in der romantischen Vorstellung, wie er, statt nach New York zu reisen, am Flughafen Zürich entführt wird, von Josephine. Wie er als Geisel mit ihr in einem alten VW-Bus quer durch Europa reisen, wochenlang über den Atlantik in die Neue Welt segeln muss – und wie er sich allmählich in das Gegenteil seiner selbst verwandelt. Seine Existenz in New York scheint davon unbehelligt, seine Erfolge als Banker, das Leben mit seiner Frau Anna, die zu ihm zurückgefunden hat. Dann aus heiterem Himmel eine Vorladung vom FBI: Josephine wurde als vermisst gemeldet – und man habe zwingende Indizien, dass Himmelreich sie entführte. Plötzlich übernimmt die Phantasie und beginnt, sein Leben auf verblüffende Weise umzukrempeln. Eine virtuose Geschichte, scharfsinnig und poetisch.
Aus dem Roman "Himmelreich" von Rolf Dobelli im Diogenes Verlag.
Strada dello Studienrat
Gernhardt verspürt ein Abgrenzungsbedürfnis. Aber er gibt ihm nicht nach, indem er aufzählt, was ihn, den Veteranen, von den Neuankömmlingen unterscheidet, sondern er geht ihm auf den Grund, indem er die Gemeinsamkeiten benennt: „Es sind nicht ganz meine Kreise, doch meinen Kreisen nahe Kreise. Unsere Werte – Entdecken, Exclusivität, Simplizität – decken sich zum Teil, das entwertet meine Werte. Der Spiegeleffekt: So sehen mich die anderen möglicherweise ebenfalls. Die Feindseligkeit, die ich ihnen gegenüber empfinde, ist gegen mich selber gerichtet (auch) . . . Fazit: Richtig hassen kann man nur, was man kennt.“ Dann aber wechselt der Gedankengang unvermittelt in die Sphären der künstlerischen Produktion: „In alldem, was ich satirisch packen kann, steckt etwas von mir.“ Vier Jahre nach dieser Szene erscheint das Theaterstück mit dem geradezu sprichwörtlich gewordenen Titel: „Die Toscana-Therapie“.
Hubert Spiegel in der FAZ vom 03.06.2011 über das Buch „Toscana Mia“ von Robert Gernhardt.
Samstag, 28.Mai 2011
Das unperfekte, menschliche Selbst
In einer kürzlich erschienen Ausgabe des „New Yorker“ hat der Schriftsteller Jonathan Franzen einen Essay veröffentlicht, der eine bedrückende, sprachlos machende Auseinandersetzung mit dem Selbstmord seines Freundes, des amerikanischen Schriftstellers David Foster Wallace, ist.
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Das Verstörende an seiner Existenz, so schreibt Franzen in dem Essay, sei der Umstand gewesen, dass Wallace den Narzissmus aus seinen Texten (“Everything and More“) zur eigenen Lebensmaxime stilisierte. David Foster Wallace habe in einem unstillbaren Drang nach Perfektion aufgehört, an sein unperfektes, menschliches Selbst zu glauben.
Der Rat, den uns Jonathan Franzen an die Hand gibt, ist zugleich ein Plädoyer für den Zauber unlösbarer Komplikationen, für alle Schwächen, Unvollständigkeiten und Lücken, die wir im täglichen Umgang mit uns selbst erfahren müssen. Wer dies zu akzeptieren lernt, kann Freiheit in ihren Grenzen gestalten und so mit Bescheidenheit der existentiellen Leere entgegenwirken. Und was der Schriftsteller da behauptet, bestätigen jetzt Soziologen mit fundierten Analysen.
Tomasz Kurianowicz rezensiert das Buch "Kreation und Depression" in der FAZ vom 23.05.2011.
Sonntag, 17.April 2011
Flachland
Flachland stellt die Relativität der Wirklichkeit schlechthin dar, und aus diesem Grunde möchte man wünschen, dass das Buch von jungen Menschen gelesen werde. Die Geschichte der Menschheit zeigt, dass es kaum eine mörderischere, despotischere Idee gibt als den Wahn einer "wirklichen" Wirklichkeit (womit natürlich die eigene Sicht gemeint ist), mit all den schrecklichen Folgen, die sich aus dieser wahnhaften Grundannahme dann streng logisch ableiten lassen. Die Fähigkeit, mit relativen Wahrheiten zu leben, mit Fragen, auf die es keine Antworten gibt, mit dem Wissen, nichts zu wissen, und mit den paradoxen Ungewissheiten der Existenz, dürfte dagegen das Wesen menschlicher Reife und der daraus folgenden Toleranz für andere sein.
Auszug aus dem Buch "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?" von Paul Watzlawick zu der Geschichte "Flachland" von Edwin A. Abbot.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Freitag, 15.April 2011
Die große Verschwendung
Doch dahinter entdeckt er das Drama eines Mannes, der von sich und der Welt angeekelt, noch einmal von einer großen Selbstverschwendung träumt und sich dadurch ruiniert.
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Aber zuerst und vor allem ist Schömels Roman das Drama eines Mannes, der von einer letzten romantischen Selbstverschwendung träumt, der Amour fou, die alles Geschwafel und alle Schattenbilder von Politik und Medien, Internetpornographie und Eventkultur über den Haufen wirft. Emotional ausgedorrt und intellektuell ausgekühlt von seinem Welt- und Selbstekel, will Glabrecht noch einmal Feuer fangen und Wärme abgreifen und verbrennt sich dabei vollends. Der letzte Strohhalm war kein Leuchtturm in der Wüste, nur die Fata Morgana eines verzweifelten Zynikers.
Martin Halter in der FAZ vom 15.04.2011 über das Buch "Die große Verschwendung" von Wolfgang Schömel.
Sonntag, 06.März 2011
Er kannte hundert Eichhörnchen persönlich
Sich forschend vom Hundertsten ins Tausendste bewegen
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Ein lebenskluges Buch über die Poesie des Sammelns: Fredrik Sjöbergs faszinierender Essay rankt sich um das Leben von Gustaf Eisen, einem vergessenen Universalgenie, mit dem er die Welt entdeckt.
Michael Adrian in der FAZ vom 04.03.2011 über das Buch "Der Rosinenkönig" von Fredrik Sjöberg.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Montag, 21.Februar 2011
Eugen Sorg: Die Lust am Bösen
Eugen Sorg ist Kriegsreporter. Er sieht die Gewaltexzesse im zerfallenen Jugoslawien und stellt sich die Frage, warum wir uns ständig bemühen, dem Bösen den Stachel der Schuld zu ziehen. Weshalb gibt es für jeden Amoklauf, für jeden Mord, für jedes Attentat immer eine biographische oder gesellschaftspolitische Entschuldigung? Und in der Tat: Das triumphierende Grinsen von SS-Soldaten nach einem gerade vollbrachtem Massenmord, wie es auf Fotografien aus dem Zweiten Weltkrieg zu sehen ist, gibt durchaus Grund zu der Annahme, dass das Böse im Menschen lediglich auf einen willkommenen Anlass wartet, hervorzubrechen - und also durchaus nicht einfach das Produkt einer zutiefst ungerechten Welt ist, die den Menschen erst böse macht.
Svenja Flaßpöhler in Deutschland Radio. Besprechung des Buchs Die Lust am Bösen von Eugen Sorg.
Mittwoch, 22.Dezember 2010
Ästhetik des Bösen
Die Weltliteratur ist böse dran
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Nur die Kunst im Sinn? Das kann finster enden: Eine mächtige Studie erklärt, wie das Böse in die Literatur gerät. Trotz teuflischer Zitierwut ist Peter-André Alt ein beachtliches Werk über die Ästhetik des Bösen gelungen.
Artikel in der FAZ vom 02.10.2010 von Rolf Dähn.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Donnerstag, 28.Oktober 2010
Dienstag, 31.August 2010
Der Himmel ist kein Ort
"Die kühle Prosa der Enttäuschung macht ihm derzeit in Deutschland keiner nach."
Nichts, was man fürchten müsste
„Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn“, ist zum Beispiel so eine Idee von Julian und zugleich der erste Satz seines Buchs. „Sentimentaler Quatsch“, sagt Jonathan dazu. „Ich kann ja nachvollziehen, warum jemand so etwas sagt (setz für 'Götter' mal versuchsweise 'Dodos' oder 'Yetis' ein), aber ich für meinen Teil bin mit der Lage der Dinge ganz zufrieden.“
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Montag, 05.April 2010
Böse Schutzengel, doppelte Welten
Markus Gasser: "Das Königreich im Meer". Daniel Kehlmanns Geheimnis.
Besprechung in der FAZ.
Mittwoch, 17.März 2010
Frankfurter Buddha
Christoph Poschenrieder: Die Welt ist im Kopf
"Man hat es hier mit Temperamenten zu tun, die am Ende vielleicht gar nicht so verschieden waren; Schopenhauers Triebhaftigkeit ist spätestens seit Thomas Mann, ja schon seit Nietzsche ein Gemeinplatz seiner Wirkungsgeschichte. Poschenrieder kontrastiert sie auf spannungsfördernde Art: den misstrauischen Eckensteher aus Deutschland und den englischen Don Juan, den ein verwegener gesellschaftlicher Glanz umgibt. Dies bettet er ein in die damalige politische Situation: Venedig, das an Österreich gefallen war, barg Spitzel, die überall Verschwörung witterten und auch die beiden Geistesriesen deren verdächtigten (in Wirklichkeit wurde nur Byron observiert)".
Besprechnung in der FAZ.
Dienstag, 29.Dezember 2009
Dies ist die einzige Welt, die wir haben
"Die Kehrseite der Medaille, oder dasselbe Glück, ist eine Art Zerstreutheit. Manchmal erschreckt mich die ungeheure Leichtigkeit, mit der ich aufbreche, mich von Menschen und Banden löse. Abschied nehme ohne Bedauern und ohne Freude. Wer Abschied nehmen kann, kann sich eigentlich nie langweilen. Aber es ist vielleicht ein bisschen schwer zu erklären, warum das so sein muss. Fünfzig Jahre lang hatte ich Frau Sorgedahl völlig vergessen. Ihre schönen weißen Arme, ihren Schoß, der sich füllte und feucht wurde, ihre Seufzer und ihre lauten, rehartigen Schreie, ihre starken Arme um meine jungen Hüften. Ihre langen roten Zöpfe, die manchmal in meinen Mund gerieten, auf die ich biss als würde ich sie nie mehr loslassen. Diese Frau Sorgedahl, die das Tor zum mehr Leben war, hatte ich ganz einfach vergessen. Wie konnte ich Frau Sorgedahl vergessen? Ich beherrsche also eine Kunst: behutsam alle Bande zu lösen".
Sonntag, 15.November 2009
Vom Aufenthalt
„Sexus ohne Metaphysik ist die abscheulichste aller säkularisierter Herrlichkeit.“
Freitag, 16.Oktober 2009
Samstag, 26.September 2009
Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen
Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“ sollen in diesem Herbst neu erscheinen. Die Streitbarkeit des Unpolitischen (FAZ)