Donnerstag, 17.Mai 2012
"Wenn dir die Zuversicht ausgeht, erfinde sie"
Vieles hat Sten Nadolny in diesem Roman auch über sich selbst geschrieben, wesentliche Lebensstationen dieses Weitling sind seine eigenen. Vor allem ist das Buch getragen von einer Liebe zu der Landschaft hier, zum See, den Menschen, einer Frau, die Astrid heißt. Ja, und von der Liebe zu einem Beruf, den man Schriftsteller nennt und der die permanente Möglichkeit der Selbsterfindung bietet. Ein Traumleben zu leben, neben dem eigenen. "Traumleben", so heißt auch der Großvater im Roman, dem der Enkel spät noch einmal begegnen darf und der ihn hört, als Einziger. Weil er etwas sieht, weil er etwas weiß, was andere nicht wissen: dass es ein anderes Leben gibt. Einen anderen Klang der Welt, neben diesem Rauschen der Gegenwart.
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Ein Schriftsteller geht noch einmal durch sein Leben. Sten Nadolny hat mit diesem Roman einen unglaublich poetischen, traurigen, liebevollen Möglichkeitsbericht seines eigenen Lebens geschrieben. Eine Bilanz voller Dankbarkeit und Angst und Staunen.
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Sten Nadolny erzählt von seinem Vater, von seinen Romanen, von dessen Lebenssatz: "Wenn dir die Zuversicht ausgeht, erfinde sie", hat er gesagt. Ein echter Nadolny-Satz.
VOLKER WEIDERMANN in der FAZ vom 13.05.2012 über das neue Buch von Sten Nadolny: "Weitlings Sommerfrische".
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Sonntag, 22.April 2012
Der Barbar
Fatalerweise liefert der Terminus »Barbar« das Paßwort, das den Zugang zu den Archiven des 20. Jahrhunderts öffnet.
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Es bezeichnet den Leistungsverächter, den Vandalen, den Statusleugner, den Ikonoklasten, den Verweigerer der Anerkennung für jede Art von Ranking-Regel und Hierarchie.
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Wer das 20. Jahrhundert verstehen will, muß stets den barbarischen Faktor im Auge behalten. Gerade für die jüngere Moderne war und blieb es typisch, eine Allianz zwischen Barbarei und Erfolg vor großem Publikum zuzulassen, anfangs mehr unter der Form von trampelhaftem Imperialismus, heute in den Kostümen der invasiven Vulgarität, die durch die Vehikel der Popularkultur in praktisch alle Bereiche vordringt.
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Daß die barbarische Position im Europa des 20. Jahrhunderts selbst unter den Vertretern der Hochkultur zeitweilig als wegweisend galt, bis hin zu einem Messianismus der Unbildung, ja einer Utopie des Neuanfangs auf der leeren Tafel der Ignoranz, illustriert das Ausmaß der Zivilisationskrise, die dieser Kontinent in den vergangenen einhundertfünzig Jahren durchlaufen hat - die Kulturrevolution nach unten inbegriffen, die in unseren Breiten das 20. Jahrhundert durchzieht und ihren Schatten auf das 21. Jahrhundert vorauswirft.
Peter Sloterdijk in seinem Buch "Du mußt dein Leben ändern".
Kategorien: Literatur, Philosophie, Politik, Psychologie
Sonntag, 15.April 2012
Das süße Nichtstun
Wer die Muße finden will, muss hart daran arbeiten. Das erfordert Charakterstärke.
„Die Idee der Muße ist ein Zustand entlastet von Zwecken außer sich selbst“, sagt der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa. „Das kann eine Tätigkeitsform sein, bei der man mit sich selbst vollkommen im Reinen ist – nicht gehetzt, aber auch nicht gelangweilt, herausgefordert, aber nicht überfordert.“ Ein Zustand also, in dem man einer Aktivität nachgeht, deren Anforderungen genau den eigenen Fähigkeiten entsprechen.
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Der Stellenwert, den wir heute der Erwerbsarbeit in unserem Leben einräumen, das Ausmaß, in dem wir uns auch im Privaten dem Diktat der Uhren unterwerfen: Das wäre den Menschen in vorindustrieller Zeit schlicht unverständlich erschienen. Ein Leben frei von Zwecken und Zwängen galt im Altertum als Ideal. Die Griechen nannten es scholé, wovon sich unsere inzwischen sehr zweckorientierte „Schule“ ableitet, die Römer verwendeten den Begriff otium.
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Erst die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs macht unentspannt
Auch das christliche Mittelalter erhob die Arbeit nicht zum Ideal. Die Zehn Gebote sagen nichts über sie – außer, wann sie zu ruhen habe: an den Feiertagen, die seinerzeit viel zahlreicher waren als heute. Habgier, Geiz, Gewinnstreben galten als Laster, beim Besuch gotischer Kathedralen blicken wir in ihre fratzenhaften Gesichter. In der ständischen Gesellschaft hatte jeder seinen gottgewollten Platz, das Konzept einer Karriere durch Leistung war noch nicht erfunden.
Der Stress begann, als die Idee von der Gleichheit aller Menschen aufkam. Wenn der französische Theoretiker Alexis de Tocqueville zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgerechnet Amerika als Vorreiter von Gleichmacherei und Freiheitsbedrohung brandmarkte, dann hatte er auch dies im Sinn: die allgemeine Geschäftigkeit, die durch die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs hervorgerufen wird, und die Unfreiheit, die sich aus der ständigen Zeitnot ergibt.
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Es erfordert Charakterstärke, sich auf die Muße einzulassen. „Man muss ziemlich viel mit sich anfangen können, wenn man aus dem Alltag des Berufslebens aussteigt“, sagt der Zeitforscher Karlheinz Geißler. „Man muss sich selbst genügen.“ Wer zur selbstbestimmten Muße finden wolle, der müsse erst durch die Langeweile hindurch.
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Wer sie angestrengt sucht, wird sie nicht finden.
Muße ist mehr als Nichtstun. Der Glücks- und Kreativitätsforscher Mihaly Csikszentmihalyi von der University of Chicago hat diesen ausbalancierten Zustand von Geist und Seele erforscht und mit seinen Konzept des „Flow“ die Wissenschaft nachhaltig beeinflusst. „Flow“ ist die Höchstform des Wohlgefühls, die ein Mensch erreichen kann. Es ist die Muße in Reinform. „Flow ist ein Gemütszustand, den wir erfahren, wenn wir in einer momentanen Tätigkeit vollkommen aufgehen“, sagt er. „Das Ego verschwindet, die Zeit fliegt. Jede Handlung, jede Bewegung und alle unsere Gedanken ergeben sich nur aus der vorangegangenen.“
Menschen vergessen den Hunger, die Müdigkeit, die Umwelt. Muße besteht nicht nur darin, die Zeit zu vergessen, sondern auch sich selbst. Dabei ist die Tätigkeit nicht ohne Ziel: ein Jazz-Stück komponieren, ein Bild malen, einen mathematischen Beweis führen. Muße ist ein Zustand maximaler menschlicher Konzentration, der erreicht wird, wenn man vollkommen aus seiner alltäglichen Realität heraustritt.
RALPH BOLLMANN UND INGE KLOEPFER in der FAZ vom 13.04.2012
Kategorien: Literatur, Philosophie, Politik, Psychologie
Dämmern in der Stunde der Dämonen
Lang ist es her, dass man sich zu einer Siesta zurückzog, um für den zweiten Teil des Tages gerüstet zu sein. Sollte man darauf nicht zurückkommen? Thierry Paquot lobt den Mittagsschlaf als Widerstandsakt.
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Der Mittag ist also eine gefährliche Stunde, und wer in ihr wegdämmert und auf schläfrige Reisen geht, der tut das nicht so sehr um der Reproduktion seiner Arbeitskraft willen, sondern tendenziell, um die ganze Lebens- und Weltmaschine zu verlassen. Da wird dann quasi der Mittagsschlaf als Widerstandsakt vollzogen, und „Mittagsschlaf als Widerstand“ ist in der Tat das vorletzte Kapitel des Essays überschrieben.
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Nun verfügt allerdings Thierry Paquot, Philosoph und Professor am Institut für Urbanismus an der Université Paris 12, über ausreichend Ironie, um kein Manifest zu schreiben, auch wenn dieses Kapitel mit dem Aufruf endet: „Schläferinnen und Schläfer, schlaft am Mittag!“ Eine neue Empört-euch!-Welle soll aber durch dieses Buch nicht ausgelöst werden und wäre gewiss seinem Thema auch völlig unangemessen.
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Ganz zum Schluss gibt es unter der Überschrift „Kein letztes Wort“ eine wunderbare Paraphrase auf Georges Perecs „Je me souviens“, in der sich Paquot an eigene - und fremde - Augenblicke des Mittagsschlafs erinnert: „Ich erinnere mich an einen unbequemen Mittagsschlaf in einem überfüllten Minibus zwischen Douala und Yaoundé“, oder: „Ich erinnere mich an eine sinnliche Siesta zu zweit ...“ Das sind Epiphanien, Bilder, wie auch das Buch selbst sich unter anderem dem Kommentar von themenverwandten Bildern widmet, von Giorgiones und Tizians „Schlummernder Venus“ über Brueghel des Älteren „Schlaraffenland“ bis zu Delacroix’ „Frauen von Algier in ihrem Gemach“.
JOCHEN SCHIMMANG in der FAZ vom 10.04.2012 über Thierry Paquot: „Die Kunst des Mittagsschlafs“.
Sonntag, 18.März 2012
Sechs Tage bis zum Weltuntergang.
Herz der Finsternis und ästhetische Offenbarung: In Béla Tarrs meisterlichem Film „Das Turiner Pferd“ wird der Reichtum der abendländischen Kunst in die öde Wohnzimmerstube hineingeholt.
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Wenn der ungarische Regisseur Tarr erklärt, nach dem „Turiner Pferd“ wolle er seinen Beruf an den Nagel hängen, dann klingt diese Ankündigung, anders als bei seinen Kollegen Steven Soderbergh oder Mel Gibson, nicht nach Koketterie; vielmehr wirkt sie wie die notwendige Konsequenz seiner filmischen Arbeit. Denn am letzten der sechs apokalyptischen Tage, von denen „Das Turiner Pferd“ erzählt, gibt es keine Hoffnung mehr - der Brunnen ist versiegt, das Feuer erloschen, das Zugtier weigert sich zu ziehen, die Welt geht aus wie eine Kerze.
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Denn Tarrs Film braucht kein Vehikel außer seiner mühelos durch die Räume gleitenden Kamera, er kann auch ohne Zugpferd gehen. Und vielleicht gibt es ja doch noch ein Leben nach dem Weltuntergang, den „Das Turiner Pferd“ mit seltener Meisterschaft zelebriert. Nur als ästhetische Erscheinung, hat Nietzsche erklärt, bevor er dem Droschkengaul um den Hals fiel, sei die Welt „ewig gerechtfertigt“. Seinen Rücktritt als Regisseur sollte sich Béla Tarr noch einmal überlegen.
ANDREAS KILB in der FAZ vom 17.03.2012 über Béla Tarrs „Das Turiner Pferd“.
Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen.
Am Ende sitzt auch Renate, aus allen Zusammenhängen, Bindungen und technischen Netzen herausgefallen, in einer Pension am Stadtrand von Samara und schreibt ihre Geschichte auf.
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„Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen“ ist ein meisterhaftes Abbild unserer Gesellschaft, das ihre Abgründe freilegt und dabei so spannend ist, dass es zugleich eine famose Selbstbehauptung ist in der Mediengesellschaft, deren Kräfte es auslotet. Wenn Schreiben auf diese Weise zum Mittel der Selbstversicherung wird, derweil alle anderen Gewissheiten weggebrochen sind, dann besteht Hoffnung.
WIEBKE POROMBKA in der FAZ vom 07.03.2012 über Thomas von Steinaecker: „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen.“ Roman. S. Fischer Verlag.
Mittwoch, 14.März 2012
We gamble and we just hope.
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Auch die Stillen, Nachdenklichen fürchteten, er sei dabei, die Regeln zu schleifen, die ihr Land groß gemacht hätten, die einfachen, harten Regeln der Siedler und Pioniere. In den Plains hörte ich drei Sätze immer wieder: Ich will keine Regierung, die mir sagt, wie ich leben, wirtschaften, vorsorgen soll. Ich will ein Leben auf eigene Faust, wie es meine Vorväter suchten, als sie in dieses Land kamen. Und ich will nicht für die sorgen, die nicht für sich selbst sorgen.
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<<Wissen Sie was? Wir spielen. Wir spielen und hoffen es geht gut.>>
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Die Spielernatur als süßes Geheimnis der puritanischen Ethik, das hatte mir noch niemand verraten, schon gar nicht so freimütig wie Carol in der Küche.
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Spielen und hoffen, Einsatz und Glück, darum ging es und bei ihr klang das Wort "hope" härter als in den Reden aus Washington, nicht so schwämerisch
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Wolfgang Büscher in seinem Buch "Hartland - Zu Fuß durch Amerika".
Kategorien: Literatur, Philosophie, Politik, Psychologie
Samstag, 11.Februar 2012
Demenz als Sabotage
Am Frühstückstisch gerät der Tag zum ersten Mal ins Stocken. Die alte Frau hat vergessen, was es mit dem Stückchen Butter auf sich hat, das sie zwischen Zeigefinger und Daumen hält. Erstaunt betrachtet sie es, bis der alte Mann, der ihr gegenübersitzt, auf den Teller deutet und ihr hilft, die Butter mit dem Messer auf dem aufgeschnittenen Brötchen zu verteilen. Als sie genussvoll den ersten Bissen nimmt, blinzelt sie ihn dankbar an. Doch der zarte Moment ist nur von kurzer Dauer. Die Frau hält inne, wendet den Blick ab und starrt leer aus dem Fenster. Ängstlich beobachtet der Mann die Frau, mit der er die längste Zeit seines Lebens verbracht hat: "Er hoffte, dass sie sich nicht jetzt, am Tisch, beim Frühstück, während des Essens einkotete. Daran konnte er sich einfach nicht gewöhnen."
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Damit ist der Rahmen abgesteckt: Péter Farkas erzählt in dem Roman "Acht Minuten" von einem älteren Ehepaar, dessen Alltag durch eine Demenzerkrankung bestimmt ist.
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Interessant ist, dass Farkas anders als andere Autoren bewusst auf eine verlässliche, vermeintlich "gesunde" Außenperspektive verzichtet. Sein Erzähler leidet ebenfalls unter ersten Anzeichen einer Demenz. Die Erinnerungen an das Leben als Akademiker, das er offenbar einst geführt hat, haben sich fast vollständig in Luft aufgelöst. Er ahnt, dass er genau wie seine Frau, die er täglich wäscht, anzieht und füttert, eines Tages ebenfalls sein Kurzzeitgedächtnis verlieren wird - und diesem Moment, in dem das Ich zerbricht, "wie eine Skulptur aus Sand", sieht er gerade erwartungsvoll entgegen.
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Eine der schönsten Stellen in dem Buch ist die, als zwei der "selbsternannten Aufseher" die Möbel in der Wohnung des Ehepaares umstellen, um vermeintlich einfachere, sicherere Wege zu schaffen - und dabei auch gleich die Betten an zwei gegenüberliegende Wände des Schlafzimmers rücken. In der folgenden Nacht wacht der Mann auf. "Schwankend, mit geschlossenen Augen" durchquert seine Frau das Zimmer, ihre Decke hinter sich herziehend, suchend und tastend, bis sie schließlich an seinem Bett angekommen ist, sich neben ihm auf die viel zu schmale Matratze legt und sich an ihn schmiegt. So wird die Liebe in Zeiten der staatlichen Pflegeversicherung noch einmal zum Akt der Rebellion: Péter Farkas hat einen berührenden und zugleich kämpferischen Roman über zwei Menschen geschrieben, die mit ihren "hutzligen Körpern" und ihrem "selbstvergessenen Glück" jenem gesellschaftlichen Normativ den Kampf ansagen, in dem das Alter insgesamt als chronische Krankheit erscheint.
KOLJA MENSING in der FAZ vom 09.02.2012 über das Buch "Acht Minuten" von Péter Farkas.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Wozu lesen?
Unsere kulturelle Existenz verändert sich: Die seit langem angekündigte "visuelle Wende" findet gerade statt, vor allem dank der tragbaren Bildschirme. Erst mobile Bilder können die Menschen so recht einhüllen, ihre Sinnes- und Denkgewohnheiten verändern - ein flimmernder Kokon, der sich um uns legt, ob zu Tisch, im Zug oder im Bett. Im Licht technischer Evolution werden alte Medien neu betrachtet: In dem Moment, in dem das iPad seinen Siegeszug antritt, wird das Buch wortreich verabschiedet oder nostalgisch beschworen. Das gilt auch für die Kulturtechniken, die sich mit diesen Medien herausgebildet haben. Charles Dantzig wendet sich der ehrwürdigsten jener Techniken zu und stellt die Sinnfrage: "Wozu lesen?" So der Titel seines schönen Bandes, der gleich Dutzende Antworten gibt. Er bietet eine beiläufig-geistreiche Verteidigung des Schmökerns und ist - wie könnte es anders sein - eine anregende Lektüre.
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"Wozu lesen?" präsentiert Dantzig von seiner besten Seite: eine Gelegenheit für den deutschen Leser, sich mit einem Essayisten bekannt zu machen, der in seiner Jugend in einen Kessel mit Esprit gefallen sein muss.
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Aus geistigen Volten und maliziösem Frohsinn kristallisiert sich das Bild eines anspruchsvollen Anarchisten heraus: "Lektüre ist unvernünftig. Es gibt weitaus wichtigere Dinge, sagen die wichtigen Leute. Das stimmt. Und mit diesem Wissen lesen wir leise pfeifend weiter in den Büchern, die uns um eitlen Ruhm und nichtigen Reichtum bringen." Lesen hat andere Vorzüge: Es macht frei, es schafft "Unempfindlichkeit gegenüber den Dingen des Lebens". In Anlehnung an Prousts Erinnerungsmotiv setzt Dantzig die Lektüre als Ideal: "Lesen ist dieser Moment der Ewigkeit, den ein paar Einzelgänger miteinander teilen in einem immateriellen und etwas bizarren Raum, nämlich im Geiste." Hierin liegt sein Verdienst: Dantzig beschwört die Attraktivität einer diskreten Kulturerfahrung, ihre Leidenschaft, ihre Flüchtigkeit, ihre befreiende Wirkung.
NIKLAS BENDER in der FAZ vom 31.01.2012 über das Buch "Wozu lesen?" von Charles Dantzig.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Reden können Menschen befreien
Je zynischer eine Gesellschaft wird, die wichtige politische Reden nur noch als Sonntagsreden wahrnimmt, je abgestumpfter sie auf Bekenntnisse und öffentliche Versprechungen reagiert, desto wichtiger ist es, daran zu erinnern, dass der Staat dort, wo er öffentlich redet oder reden lässt, im tiefsten Sinne des Wortes Gutes tun kann. Die öffentliche Rede ist fast der einzige Moment, wo das kalte Ungeheuer des Staates dem Bürger seine Seele zeigt.
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Wir, junge Redakteure dieser Zeitung, haben das erlebt. Diffus zwar, viel zu unbelehrt und in seiner ganzen Wirkung erst später wirklich begriffen, aber schon damals in seiner emotionalen Wucht unabweisbar. Am 8.Mai 1985 hielt Richard von Weizsäcker seine berühmte Rede zum Kriegsende. Dass sie wirkungsvoll, ja, historisch werden würde, war sofort klar.
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Es war keine Woche später, als Marcel Reich-Ranicki in der Redaktionskonferenz diese Rede nicht nur lobte, wie nur er zu loben versteht. Nein, man spürte an ihm eine geradezu existentielle Erleichterung, keine Erlösung, aber ein wirkliches Aufatmen, und jeder, der mit ihm damals redete, bemerkte, dass Reich-Ranicki wirklich befreit wirkte.
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Da sprach auch Richard von Weizsäcker, der nur wenige Monate vor Reich-Ranicki in einem anderen Stadtteil Berlins das Abitur gemacht hatte und nun im Namen Deutschlands um Vergebung bat.
FRANK SCHIRRMACHER in der FAZ vom 26.01.2012 über die Rede von Marcel Reich-Ranicki im Bundestag.
Montag, 16.Januar 2012
Lob der verbeulten Lebensläufe
Auf Wackwitz' eigenen Werdegang scheint Hegels schnaufender Realismus zuzutreffen: "Diese Kämpfe nun aber sind in der modernen Welt nichts Weiteres als die Lehrjahre, die Erziehung des Individuums an der vorhandenen Wirklichkeit." Doch das Ziel aller Bildung besteht für den Erzähler gerade in der Ziellosigkeit. So ist "Neue Menschen" zuletzt ein Trostbuch, ein Lob der verbeulten Lebensläufe. Der einzige, gleichsam spielerische Ausweg aus den Verführungen zur Teleologie besteht darin, die seit Augustinus in heiligem Eifer praktizierten Konversionen ausschließlich als performative Ereignisse zu zelebrieren, sie aus dem Leben in die Kunst zurückzuholen, ohne je zu einem Stillstand zu gelangen: "Wir machen weiter. Wir fangen immer noch einmal an (unsere Art von Romantik)."
OLIVER JUNGEN in der FAZ vom 21.11.2005 über das Buch "Neue Menschen" von Stephan Wackwitz.
Sonntag, 15.Januar 2012
Schulung
Die Vergesellschaftung durch Schulung, wie sie hierzulande geschieht, ist die Verdummung a priori, nach der kaum ein Lernen mehr Aussicht bietet, daß die Dinge irgendwann besser würden [...]. Im Grunde glaubt kein Mensch mehr, daß heutiges Lernen «Probleme» von morgen löst; fast sicher ist, daß es sie auslöst.
Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft Bd. 1, aus der Zitate Sammlung von Andreas Tenzer.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Samstag, 03.Dezember 2011
Vom Ende einer Geschichte
...wendet er sich hier der Frage zu, wie viel von unserer Erinnerung im Grunde Selbsttäuschung ist, wie viel Menschen voneinander wissen können und welche Verantwortung ihnen mit diesem Wissen übertragen wird.
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Was hier erzählt wird, ist das Kondensat eines Lebens, das ohne größere Amplituden geführt wurde und auf das sein Protagonist doch nur voll Reue, Wehmut und Scham zurückblicken kann.
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„Vom Ende einer Geschichte“ ist eine ergreifende philosophische Reflexion über die seelischen Schäden, die selbst der vorsichtigste Mensch erleidet und die wir uns wissentlich oder unwissentlich zufügen, und darüber, wie wir mit diesen Beschädigungen umgehen, uns ihnen stellen, sie zu heilen oder zu verdrängen suchen.
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„Es sollte uns doch klar sein, dass die Zeit nicht wie ein Fixativ wirkt, sondern wie ein Lösungsmittel.“
Felicitas von Lovenberg in der FAZ vom 02.12.2011 über das Buch "Vom Ende einer Geschichte" von Julian Barnes.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Mittwoch, 23.November 2011
Trugbilder
Der Wunsch nach einem Trugbild ist immer auch eine Flucht vor den allzu aufdringlichen Originalen. So schnitzte Ovids Pygmalion seine berühmte Skulptur aus "Abscheu vor den Gebrechen, mit denen die Natur das weibliche Gemüt so überreich bedacht hat". Venus erhörte denn auch nicht seine Bitte nach einer Gefährtin, die dieser Elfenbeinstatuette ähnlich sehe, sondern verwandelte das Abwehrbild in eine Frau, die der Bildhauer ehelichen und die ihm einen Sohn gebären sollte.
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Wer, wie Ovids Pygmalion, das selbstverfertigte Püppchen heiratet, kann eine wirkliche Ehe führen und einen echten Sohn zeugen. Wer, wie Diderots Pygmalion, mit allen Sinnen von seinem Trugbild absorbiert ist, erfährt sich selbst und seine Welt auf neue Weise. Die Pygmalionik ist sicher keine Lehre vom geglückten Leben, umfasst aber eine vielfältige Topik zu dem Kunst und Leben so produktiv ineinander verflechtenden Vermögen der Selbsttäuschung. Die Geschichte der Trugbilder, die Stoichita anhand gelehrter und beobachtungsreicher Einzelinterpretationen aufspannt, liest sich auch deswegen mit großem Vergnügen, weil sie ganz unberührt ist vom überspannten Ton der Apologeten oder Apokalyptiker der Simulation. Sie erinnert uns vielmehr daran, wie geübt wir im Umgang mit Trugbildern sind.
Ralph Ubl in der FAZ vom 23.11.2011 über das Buch "Der Pygmalion-Effekt" von Victor I. Stoichita.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Für diejenigen, die poesiebegabt sind, ist Dichten gleichbedeutend mit Befreiung.
...erkennt die Aufklärungspsychiatrie im Melancholiker das Opfer einer von ihm selbst geschaffenen Wahnidee: Es ist diese Idee, die einem seelischen Fremdkörper gleich ein zerstörerisches Eigenleben führt und die es daher durch allerlei ärztliche Kunstgriffe und Überraschungseffekte auszuschalten gilt. Obwohl die therapeutischen Indikationen der Moderne endgültig mit den Theorien der "vorwissenschaftlichen" Epoche zu brechen scheinen, ortet Starobinski auch noch in ihnen Reste des älteren Substantialismus: "Die Psychiater geben von diesem Fremdkörper ein so konkretes, objektives, ,verdinglichtes' Bild, dass es Maßnahmen bedarf, die durchaus denjenigen ähneln, welche die Ärzte vergangener Zeiten gegen die schwarze Galle anwendeten."
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Die Geschichte der Melancholiebehandlung erweist sich somit als eine Aneinanderreihung von therapeutischen Rezepten, die auf irrationalen und spekulativen Substanzvorstellungen fußen. Die positivistische Entzauberung dieser Vorstellungen führt jedoch nicht, im Sinne einer Fortschrittsgeschichte, zur Beherrschung der Krankheit mit exakten wissenschaftlichen Methoden: Angesichts der fortdauernden Unzugänglichkeit der an Depressionen leidenden Menschen kann sich die Medizin letztlich nur mit der Rolle bescheiden, ihnen einen "Hilfsdienst" anzubieten.
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Wenn Starobinski etwa schreibt "pour ceux qui ont le don de poésie, la délivrance est poésie", übersetzt Oeschger weniger elegant, aber durchaus sinngemäß: "Für diejenigen, die poesiebegabt sind, ist Dichten gleichbedeutend mit Befreiung." In der neuen Version wird daraus: "Für die Mit-Poesie-Begabten ist Erleichterung Dichtung." Man kann nur hoffen, dass weitere Neuausgaben von Starobinskis medizinhistorischen Arbeiten in besseren Händen liegen werden.
Andreas Mayer in der FAZ vom 23.11.2011 über Jean Starobinskis "Geschichte der Melancholiebehandlung".
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Donnerstag, 10.November 2011
Gerechtfertigt zu sein, das war einmal das Wichtigste.
Die Universität Harvard hat Martin Walser eingeladen, eine Rede zum 9. November zu halten. Die Ansprache des Schriftstellers zielt ins Zentrum seines Selbstverständnisses.
Martin Walser in der FAZ vom 10.11.2011.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Mittwoch, 02.November 2011
Papandreou tut das Richtige
Wer das Volk fragt, wird zur Bedrohung Europas. Das ist die Botschaft der Märkte und seit vierundzwanzig Stunden auch der Politik. Wir erleben den Kurssturz des Republikanischen.
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Im Minutentakt las man am Dienstag, wie Banker und Politiker drohten und drohen, die Börsen brachen ein. Die Botschaft war eindeutig: Die Griechen müssten dumm sein, wenn sie ja sagten. Und Papandreou ein Hasardeur, weil er sie fragte. Doch ehe die Panik-Spirale des Schreckens sich weiter und weiter dreht, ist es gut, einen Schritt zurückzutreten, um klar zu sehen, was sich hier vor unser aller Augen abspielt. Es ist das Schauspiel einer Degeneration jener Werte und Überzeugungen, die einst in der Idee Europas verkörpert schienen.
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Man muss nicht alle Beziehungen des Witzes zum Unterbewussten kennen, um zu verstehen, wie massiv gerade moralische Übereinkünfte der Nachkriegszeit im Namen einer höheren, einer finanzökonomischen Vernunft zerstört werden.
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In Deutschland, wir erinnern uns, verstand man unter Demokratie noch vor wenigen Tagen den Parlamentsvorbehalt. Erzwungen von unserem obersten Gericht und begrüßt von allen Parteien. Deswegen musste sogar ein EU-Gipfel vertagt werden. Nichts ist davon für Griechenland noch gültig.
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Es wird immer klarer, dass das, was Europa im Augenblick erlebt, keine Episode ist, sondern ein Machtkampf zwischen dem Primat des Ökonomischen und dem Primat des Politischen.
Frank Schirrmacher in seinem Artikel "Demokratie ist Ramsch", FAZ vom 01.11.2011
Freitag, 28.Oktober 2011
Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben.
Bastei Lübbe hat dem Frankfurter Eichborn-Verlag ein Kaufangebot unterbreitet. Beide Seiten sind euphorisch, obwohl aus der Fliege eine klitzekleine Mücke zu werden scheint.
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Auch Stefan Lübbe freut sich über den möglichen Zuwachs aus Frankfurt, findet er doch, dass Lübbe und Eichborn gut zusammenpassten - „weil wir ähnliche Verlagsphilosophien haben“.
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Bei wichtigen Entscheidungen, erzählte Stefan Lübbe einmal, verlasse er sich auf sein Bauchgefühl. Mit Eichborns Herbstprogramm verleibt er sich nun Welterklärungsbücher ein wie Katja Kullmanns Essay „Echtleben“, der Aufklärung in der Frage verspricht, „warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben“.
Sandra Kegel in der FAZ vom 26.10.2011.
Nils Minkmar in der FAZ vom 23.06.2011 über das Buch "Echtleben" von Katja Kullmann.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Montag, 19.September 2011
Der deutsche Donner
Das Christenthum - und das ist sein schönstes Verdienst - hat jene brutale germanische Kampflust einigermaßen besänftigt, konnte sie jedoch nicht zerstören, und wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwuth [.] Der Gedanke geht der That voraus, wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freylich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn Ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wißt: der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. Bey diesem Geräusche werden die Adler aus der Luft todt niederfallen, und die Löwen in der fernsten Wüste Afrikas werden die Schwänze einkneifen und sich in ihre königlichen Höhlen verkriechen. Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revoluzion nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte."
Heinrich
Heine, "Zur
Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland", 1834, Online-Text,
Projekt Gutenberg-DE.
Im Jahre 1992, zur selben Zeit, als Bosnien in den Bürgerkrieg schlitterte, erschien das aus einem Essay hervorgegangene Buch "The End of History and the Last Man" (Das Ende der Geschichte) des Amerikaners Francis Fukuyama. Der damals vierzigjährige Politik-Professor aus Chicago vertrat die These, dass mit dem Kollaps des totalitären Sowjet-Imperiums und dem Sieg der liberalen westlichen Demokratien das Zeitalter der ideologischen, sozialen, kulturellen und realen Kriege abgeschlossen, das heißt, das Ende der Geschichte erreicht sei.
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Fukuyamas Entwurf, der sich an Hegels Geschichtsphilosophie eines sich dialektisch entfaltenden Weltgeists orientiert, ist nicht lediglich die singuläre Fehleinschätzung eines naiven Utopisten. Sie spiegelt die Lebensrealität des durchschnittlichen westlichen Lohnintellektuellen. Dieser ist Teil eines kleinen, selbstreferentiellen, nach eigenen Ritualen sich verständigenden Milieus, das sich an Worten, Abstraktionen, kanonisierten Theorien nährt. Seine existentiellen Erschütterungen sind ausgebliebene Beförderungen, Buchverträge, Hypothekarzinserhöhungen, Kollegenneid, eine geheime Affäre mit einer Studentin, eine Prostataoperation. Der Lärm, das unübersichtliche Gewühl, die Phantasmen der übrigen Welt dringen kaum zu ihm vor. Sie liegen jenseits seiner Erfahrung, sein rationales Denksystem lässt nur die Wahrnehmung anderer rationaler Systeme zu. In scholastischer Manier Ideen und blutleere Begriffsarchitektur überschätzend, war es folgerichtig, dass die akademischen Auguren von jeder der epochalen Verwerfungen der letzten Jahrzehnte überrascht wurden.
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Anders als die Ordnungsmodelle der Professoren ist die reale Welt chaotisch und ihre Zukunft nicht berechenbar. Die Geschichte gehorcht keiner immanenten Vernunft, sondern mäandert blind und planlos durch die Zeit, ein spektakulärer, verschwenderischer Umzug ohne Ziel oder höhere Absicht. Sie wird gemacht von Menschen, von hochintelligenten, sinnbedürftigen, moralbegabten, aber unzuverlässigen Wesen, die jederzeit imstande sind zu zerstören, was sie erschaffen haben, barocke Figuren, auf der einen Schulter ein Teufel, auf der anderen ein Engel. Der Bestand der Humangesellschaften ist nicht verankert in einem angeborenen, naturwüchsigen Set sozialer Verhaltensweisen oder in einem unverbrüchlichen göttlichen Sittenkodex, sondern hängt ab von fragilen, frei gewählten Regeln und Werten. Und so, wie Einzelne immer wieder die zivilisatorischen Gesetze brechen, können auch ganze Kollektive den Verlockungen der Allmacht, des Triumphs, des Endzeitrausches erliegen. Diese Einsicht zu ignorieren, führt im besten Fall zu intellektuellen Blamagen, wie Fukuyama erleben musste, im schlimmsten Fall aber zu gesellschaftlichen Katastrophen.
Eugen Sorg, "Die Lust am Bösen", 2011
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie
Donnerstag, 01.September 2011
Freidenker
Dass Mauthners umfassende Geschichte der europäischen Freidenker, Abweichler, Kritiker, Exzentriker und Ketzer jetzt wieder zu haben ist, ist für Jauch die "Frohbotschaft" für alle Freunde des freien Denkens.
Ursula Pia Jauch in der SZ vom 29.08.2011 über das Buch "Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande".
Sonntag, 14.August 2011
Political Correctness
Der Zweiundsiebzigjährige, der seit dem 20. April 2005 nicht mehr das Amt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten ausübt, das er vierzehn vorzügliche und segensreiche Jahre bekleidete und aus dem er von jüngeren, rasenderen, nach allen Seiten besinnungslos lospreschenden, dümmeren, längst gescheiterten Nachwuchsklembemberleshubern gemobbt und gebissen wurde, dieser ältere, aufrechte Herr, ein Expolitiker, erzielt gerade, was aktive Politiker gern immer erzielen würden, aber in ihrer rasenden Unruhe nie erreichen: wahre Wirkung.
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In einem Interview hat er einmal bekannt, dass er das Leben nicht als einen sinnlosen Kreislauf empfinde, sondern als Bahn, „die auf ein Ziel ausgerichtet ist“. Bei seiner Verabschiedung vom Amt des Ministerpräsidenten meinte er, dass er seinen Rücktritt auch annehme „aus der Hand Gottes, denn er hat meinen Eingang bestimmt, und er bestimmt auch meinen Ausgang.“ So reden im politischen Geschäft normalerweise Heuchler oder Wahnsinnige. Erwin Teufel aber ist wohl der einzige Politiker, dem man den gläubigen Katholiken und die glaubensvolle Normalrede glaubt und abnimmt.
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Der Spott der Grinser und karrieremachenden Stühlesäger vom Schlage eines Günther Oettinger, der jetzt in Brüssel den Energiekommissar mimt, war ihm gewiss. Darüber, dass Teufel jeden Sonntag nicht nur mit dem Gesangbuch, sondern dazu mit dem Liturgie-Buch (dem sogenannten „Schott“) zur Kirche geht; dass er nicht in der Ministerpräsidentenvilla auf der Stuttgarter Solitude residierte, sondern täglich von Spaichingen mit der Regionalbahn „ins G’schäft“ (zum Regieren) fuhr; dass er in seinem Regierungsbüro eine Dose Nivea als einzigen, sichtbaren Luxus sich leistete.
Gerhard Stadelmaier in der FAZ vom 09.08.2011.
Samstag, 23.Juli 2011
Ironie
Wie der amerikanische Kulturkritiker und Journalist David Denby und der Historiker Arthur Marvick darlegten, waren die frühen sechziger Jahre der letzte, wirklich »ernsthafte« Moment in der amerikanischen Kultur. Während sich mit dem beginnenden globalen Kulturaustausch, vor allem mit Europa, und mit der Blüte von künstlerischen und politischen Subkulturen in New York und anderswo - von revolutionären Entwicklungen in der Kunstwelt über experimentelle Theatergruppen, architektonische Think Tanks bis zum Beginn erster feministischer und Civil-Rights-Bewegungen Amerikas kulturelle Landschaft radikal veränderte, sich die Zirkulation von Ideen beschleunigte und so der mediale Bedarf an Neuem und Spektakulärem radikal anstieg, war zu diesem Zeitpunkt doch die Populärkultur noch nicht allumfassend inthronisiert, regierte das Fernsehen noch nicht den Alltag der amerikanischen Haushalte, war die amerikanische Gesellschaft noch nicht kollektiv mit den Auswirkungen des Vietnam-Kriegs beschäftigt. Entertainment-Konglomerate hatten noch keine Kontrolle über die Massenkultur.
Ironie war ein Modus der Aggression, der die Wissenden vom Rest der Gesellschaft trennte, und noch kein Begleitgeräusch der medialen Bildüberschwemmung.
Daniel Schreiber in dem Buch "Susan Sontag - Geist und Glamour", erschienen im Aufbau Verlag.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Politik, Psychologie
Samstag, 11.Juni 2011
Frech und frei
Gauck, ein unpolitischer Strahlemann? Er kenne, so hatte Gauck unter dem Titel „Winter im Sommer - Frühling im Herbst“ in seinen Erinnerungen geschrieben, „den mitleidigen Blick jener, die meine beständige Freude an der westlichen Freiheit für naiv hielten, irgendwie rührend. Hundertmal hatte ich diesen Kultur-trifft-Natur-Blick von Ethnologen oder Feuilleton-Artisten aushalten müssen, die mich anschauten, als wäre ich gerade aus einer primitiven Kultur zugewandert“.
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„Wenn Hoffnung echt ist, riskiert sie etwas. Nicht Idylle, sondern Veränderung umgibt sie. Eine Schwester von ihr heißt Unruhe. Bitte erschrecken wir nicht, sondern bedenken wir, wohin uns die Ruhe gegenüber allem Unrecht geführt hatte! Die etablierte Christen- und Bürgergemeinschaft muss wohl lernen, ihren Unruhestiftern zu danken. Sie lehren uns: Finde dich nicht ab mit dem, was du vorfindest!“
Christian Geyer in der FAZ vom 05.06.2011
Sonntag, 22.Mai 2011
Die Arroganz der Depressiven
„Le Havre“ von Kaurismäki.
Wer von dem Finnen nichts Neues mehr erwartet hatte, sah sich getäuscht, obwohl „Le Havre“ ein typischer Kaurismäki ist: stilisiert bis zum fast völligen Stillstand, in blau und rot angemalten Sets gefilmt, die aussehen, als seien sie gerade aufgebaut worden – die Welt der kleinen Leute aus farbigen Bretterbuden.
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Die Liebe, die Kaurismäki zu seinen Figuren zeigt, überwältigte auch das Publikum, das vor Begeisterung tobte.
„Melancholia“ von Lars von Trier.
In der Ouvertüre zeigt uns von Trier zu Klängen aus Wagners „Tristan“ einen Schlossgarten am Meer, Pferde, die durch die Landschaft galoppieren, eine Braut, die ihr Kleid und mit ihm das Unterholz, das sich in ihm verfangen hat, hinter sich herzieht. Im All kündigt sich eine Planetenkollision an, die Erde wird zerbersten. Und von Trier zeigt uns, was unmittelbar zuvor geschieht – wie Charlotte Gainsbourg mit einem Kind auf dem Arm in den Rasen sinkt, ebenso wie ein Pferd. Alles extrem verlangsamt und von einer bissigen Schönheit, in der, jedenfalls was den Filmemacher angeht, kein Schrecken liegt. Die Welt endet, na und?
Film Besprechnungen von Verena Lueken und Artikel von Andreas Kilb in der FAZ vom 19.05.2011 zum Fall Lars von Trier.
Sonntag, 17.April 2011
Flachland
Flachland stellt die Relativität der Wirklichkeit schlechthin dar, und aus diesem Grunde möchte man wünschen, dass das Buch von jungen Menschen gelesen werde. Die Geschichte der Menschheit zeigt, dass es kaum eine mörderischere, despotischere Idee gibt als den Wahn einer "wirklichen" Wirklichkeit (womit natürlich die eigene Sicht gemeint ist), mit all den schrecklichen Folgen, die sich aus dieser wahnhaften Grundannahme dann streng logisch ableiten lassen. Die Fähigkeit, mit relativen Wahrheiten zu leben, mit Fragen, auf die es keine Antworten gibt, mit dem Wissen, nichts zu wissen, und mit den paradoxen Ungewissheiten der Existenz, dürfte dagegen das Wesen menschlicher Reife und der daraus folgenden Toleranz für andere sein.
Auszug aus dem Buch "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?" von Paul Watzlawick zu der Geschichte "Flachland" von Edwin A. Abbot.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Samstag, 02.April 2011
Hilflosigkeit, Nichtwissen, Überforderung
Die Atomkatastrophe von Fukushima erschüttert die Technikgläubigkeit der Wissensgesellschaft - keiner weiß, was zu tun ist, wenn die Geräte versagen.
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Man malt sich ein ausgeklügeltes System von Wenn-dann-Abläufen aus, jede Menge Technik, die auf Abruf steht, ein konsolidiertes Wissen darüber, was auf keinen Fall hilft und was auf jeden Fall, Heere von Spezialisten aus Physik, Informatik, Materialwissenschaft und Ingenieurwesen, die das Allerschlimmste verhindern, wenn das Schlimmste eingetreten ist, sowie internationale Abkommen über Hilfemaßnahmen.
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„Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden“, sagt Mercier in „Dantons Tod“ bei Georg Büchner.
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Das Unglück von Fukushima hat uns insofern die Augen geöffnet: für die aberwitzige Hilflosigkeit, für das unglaubliche Nichtwissen, die völlige Überforderung, die in unseren technologischen Phantasien so wenig vorgesehen war wie in den Mitteilungen über den Charakter der Atomwirtschaft. Die Gesellschaft - die „Wissensgesellschaft“! - entpuppt sich als Kind, das mit Geräten spielt, von denen es nicht weiß, was geschieht, wenn sie kaputtgehen.
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In Japan, dem Erdbebenland, sei nicht das Unwahrscheinliche, sondern das Wahrscheinliche eingetreten, heißt es jetzt, auch wenn die Japaner das vorher wohl anders sahen. Und wenn hier ein Flieger in einen Atommeiler stürzen würde, wird man dann auch sagen, das Rhein-Main-Gebiet sei bekanntlich eine Hochfrequenzflugzone, Deutschland ein Verkehrsland, und insofern sei das Wahrscheinliche geschehen?
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Die Wahrscheinlichkeit ist nicht gestiegen. Sie ist erkannt. Und die Hilflosigkeit auch.
Jürgen Kaube in der FAZ vom 01.04.2011.
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie
Freitag, 11.März 2011
Böse Philosophen
Philip Blom hat mit seinem fesselnden philosophischen Panorama, mit seiner Schilderung der Welt der Intellektuellen in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts ein Tor zu neuer Befassung mit ihnen aufgestoßen. Erst wenn man den Kreis so weit schlägt, wie er es tut, kommen kulturgeschichtliche Zusammenhänge in den Blick, die von den heute üblichen monographischen Darstellungen nicht erfasst werden.
Henning Ritter in der FAZ vom 10.03.2011 über das Buch „Böse Philosophen“ von Philipp Blom.
Über das gute Leben
Stattdessen tauchen ständig neue, lebensvergessene Dringlichkeiten auf: Wenn Prioritäten wie Sicherheit, Gesundheit und Kosteneffizienz oder der sogenannte „europäische Hochschulraum“ in der Kultur der Gegenwart als vermeintlich höchste Güter nach ganz oben drängen, dann werden Lebensqualitäten wie Bürgerrechte, soziale Absicherung, Genuss, Würde, Eleganz und Intellektualität meist ohne Zögern und ohne jede Diskussion geopfert. Unbescholtene Menschen werden bei Sicherheitskontrollen wie Verbrecher behandelt und bis auf die Socken durchsucht. Regierungen verbieten uns das Rauchen, als ob wir Minderjährige wären.
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Wie Epikur fordert also auch Juvenal die Verdoppelung: Zum Leben genügt es nicht, bloß am Leben zu sein. Man muss auf lebendige Weise lebendig sein. Wenn man hingegen die Gründe zum Leben verliert, um das nackte Leben zu bewahren, dann ist das, was übrigbleibt, eben kein Leben mehr, sondern ein Dahinvegetieren von lebenden Toten.
Robert Pfaller in der FAZ vom 07.03.2011 über sein Buch „Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie“. Weitere Besprechung in der FAZ vom 25.03.2011 von Daniel Grinsted.
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie
Sonntag, 06.März 2011
Er kannte hundert Eichhörnchen persönlich
Sich forschend vom Hundertsten ins Tausendste bewegen
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Ein lebenskluges Buch über die Poesie des Sammelns: Fredrik Sjöbergs faszinierender Essay rankt sich um das Leben von Gustaf Eisen, einem vergessenen Universalgenie, mit dem er die Welt entdeckt.
Michael Adrian in der FAZ vom 04.03.2011 über das Buch "Der Rosinenkönig" von Fredrik Sjöberg.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Freitag, 25.Februar 2011
Der letzte Mohikaner
Hunderttausende von Nordafrikanern könnten demnächst an die Tür Europas klopfen. Einer hat es vorausgeahnt: Jean Raspail schrieb schon 1973 den visionären Roman einer Flüchtlings-Armada.
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Für die Unfähigkeit zum Widerstand und die Blindheit des Westens macht Raspail die höchste Ethik des Christentums, dessen Zivilisation er gleichzeitig verteidigen will, verantwortlich.
Jürg Altwegg in der FAZ vom 25.02.2011 über das Buch Das Heerlager der Heiligen von Jean Raspail.
Mittwoch, 22.Dezember 2010
"homo aspergerus" - Das Weltbild von Wikileaks
Am liebsten ordentlich und einsam.
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Die eindeutige Lesbarkeit der Welt ist ein alter Menschheitstraum. Gegenwärtig wird er über die Plattform Wikileaks neu verhandelt. Julian Assange und seine Jünger sind dabei so etwas wie die autistischen Heimarbeiter der Transparenz.
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie
"homo aspergerus" - Der autistische Messias
Von medizinischer Seite wird das Asperger-Syndrom meist als „leichte Form des Autismus“ klassifiziert. Jetzt erklärt ein im Internet veröffentlichter Artikel diesen Mangel zu einer positiven Mutation: eine neue Übermenschenlehre.
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie
Ästhetik des Bösen
Die Weltliteratur ist böse dran
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Nur die Kunst im Sinn? Das kann finster enden: Eine mächtige Studie erklärt, wie das Böse in die Literatur gerät. Trotz teuflischer Zitierwut ist Peter-André Alt ein beachtliches Werk über die Ästhetik des Bösen gelungen.
Artikel in der FAZ vom 02.10.2010 von Rolf Dähn.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Montag, 13.Dezember 2010
In Berlin wird der "Pfeifenraucher des Jahres" gekürt
"Schon Nietzsche, einer von Safranskis Porträtierten, hat gesagt, dass nach dem Tod Gottes die Gesundheit sich zu einer Göttin erhebe. Wenn es einen höheren Sinn des Lebens gäbe, der über das reine Überleben hinausginge, könnte die Gesundheit nicht derart zum Götzen werden. In einer Gesellschaft aber, die Gesundheit zur Religion erhoben hat, wird der Raucher immer tiefer in seine Ghettos gedrängt. Sie heißen Raucherclub, Bürgersteig oder eigene vier Wände."
Bericht im Spiegel (48/2010).
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie
Donnerstag, 28.Oktober 2010
Samstag, 02.Oktober 2010
Lesen ist nicht genug
Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ ist ein klassischer Bildungsroman: Mittelbegabter, fauler Junge entdeckt die Literatur und rettet sich selbst. Jetzt verachtet er alle, die nicht so geworden sind wie er.
Sarrazin hängt der großen sozialdemokratischen Erzählung vom Aufstieg durch Lektüre an. So verliebt ist er in diese Geschichte, die auch seine Geschichte ist, dass er so gut wie alle Zeichen einer globalisierten und unübersichtlichen Gegenwart als Unheilsbringer sieht. Er ist ein moderner Faust: Um den schönen historischen Augenblick zu bewahren, würde er einen Pakt mit dem Teufel eingehen.
Nils Minkmar in der FAZ vom 21.09.2010
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie
Samstag, 11.September 2010
Die wahre Geschichte über Thilo S.
... und wie immer ist die Deutsche Bahn daran schuld.
Seit Wochen versuchen Wissenschaftler, Politiker und Bürger den Konflikt "aufzulösen". Dabei ist die Wahrheit eine einfache Geschichte.
Leon de Winter in der Süddeutschen Zeitung vom 08.09.2010.
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie
Dienstag, 31.August 2010
Nichts, was man fürchten müsste
„Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn“, ist zum Beispiel so eine Idee von Julian und zugleich der erste Satz seines Buchs. „Sentimentaler Quatsch“, sagt Jonathan dazu. „Ich kann ja nachvollziehen, warum jemand so etwas sagt (setz für 'Götter' mal versuchsweise 'Dodos' oder 'Yetis' ein), aber ich für meinen Teil bin mit der Lage der Dinge ganz zufrieden.“
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Montag, 12.Juli 2010
"Stil ist das Einzige im Leben, das bleibt"
Kaum einer verkörpert exzessive Charaktere so beunruhigend wie John Malkovich. Jetzt macht der Schauspieler Männermode. Ein Gespräch über Stil und Schönheit, über die Faszination des Bösen und die Bürden eines Lebens unterwegs.
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Sie scheinen es sehr ernst zu nehmen. Sie kümmern sich von den Entwürfen bis zur Korrektur der Prototypen um viele Dinge selbst.
Ich nehme eigentlich gar nichts ernst.
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Sind Sie so eitel wie der Malkovich in „Being John Malkovich“?
Eitelkeit ist mehr etwas für junge Menschen. Ich will nicht wie ein Stadtstreicher aussehen. Aber ich bin, wie ich bin, und daran habe ich mich gewöhnt.
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Was ist für Sie Stil?
Stil ist das Einzige im Leben, das bleibt. Man heiratet, man wird geschieden. Man verdient erst hiermit, dann damit Geld. Stil ist etwas Konstantes. Das kann Kleidung einschließen, gewisse Äußerlichkeiten. Aber eigentlich bezeichnet Stil die Art und Weise, wie wir uns durch die Welt bewegen.
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Lassen Sie mich meine Frage noch einmal anders formulieren: Ist die Eindeutigkeit, das Zeitlose von Stil und Ästhetik für Sie ein Gegengewicht zur menschlichen Ambivalenz?
Auf jeden Fall.
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Das übersteigt die Ambivalenz.
Und die Banalität des täglichen Lebens, seine Vulgarität, seine nervtötende Blödheit.
Julia Schaaf in der FAZ vom 12.07.2010.
Freitag, 30.April 2010
Wir sind alle Kreter
Griechenland muss glaubwürdiger werden, heißt es jetzt überall. Schluss mit dem Geseufze: Wir sollten endlich damit beginnen, mit den Lebenslügen unserer Gesellschaft aufzuräumen.
Denn alle regen sich jetzt darüber auf, dass die Griechen gelogen haben.
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Doch die Aufregung ist selbst Teil der Lüge. Wir alle sind Kreter, jedenfalls, was das Lügen angeht, nicht so sehr in Sachen Selbstbezichtigung.
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„Nehmen Sie einer Durchschnittsgesellschaft die Lebenslüge, und Sie nehmen ihr zugleich die politische Ordnung“, könnte man Ibsen variieren.
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Zu diesen Lebenslügen gehört der ganze rhetorische Aufwand, den wir mit unseren Rationalitätsfiktionen treiben. Angeblich leben wir ja in einer Gesellschaft der permanenten Beobachtung und Überwachung, des unausgesetzten Evaluierens und Zertifizierens. Bezahlt werden die entsprechenden Agenturen jedenfalls. Angeblich leben wir auch in einer Wissensgesellschaft. War um lacht denn niemand, wenn solche Begriffe verwendet werden?
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Durch komplexe Überlegungen weisen wir nach, dass Schulden Investitionen in die Zukunft sind, dass Europa eine tolle Sache ist oder dass Flugbenzin, die Steigerung der Autoproduktion, Stand-by-Schaltungen und subventionierte Viehhaltung am Klimawandel nicht schuld sein können. Die Chinesen und die Amerikaner, seufzen wir, weil es uns die Regierung so vorgeseufzt hat, müssten sich endlich bewegen. Und Griechenland müsse glaubwürdig werden. So glaubwürdig wie wir, wie Banken, wie Talkmaster, wie ein Abiturzeugnis, wie Kanzlerinnen, wie Kreter.
Jürgen Kaube in der FAZ vom 28.04.2010.
Montag, 05.April 2010
Humanismus ist ein Aberglaube
Der britische Philosoph John Gray über den Fortschrittsmythos, die Suche nach dem Sinn der Geschichte und den menschlichen Hang zur Selbstzerstörung.
Interview im Spiegel.
Mittwoch, 17.März 2010
Frankfurter Buddha
Christoph Poschenrieder: Die Welt ist im Kopf
"Man hat es hier mit Temperamenten zu tun, die am Ende vielleicht gar nicht so verschieden waren; Schopenhauers Triebhaftigkeit ist spätestens seit Thomas Mann, ja schon seit Nietzsche ein Gemeinplatz seiner Wirkungsgeschichte. Poschenrieder kontrastiert sie auf spannungsfördernde Art: den misstrauischen Eckensteher aus Deutschland und den englischen Don Juan, den ein verwegener gesellschaftlicher Glanz umgibt. Dies bettet er ein in die damalige politische Situation: Venedig, das an Österreich gefallen war, barg Spitzel, die überall Verschwörung witterten und auch die beiden Geistesriesen deren verdächtigten (in Wirklichkeit wurde nur Byron observiert)".
Besprechnung in der FAZ.
Mittwoch, 03.März 2010
John Gray: Politik der Apokalypse
Die Politik des 20. Jahrhunderts ist ein Kapitel der Religionsgeschichte. Mit dieser Einsicht leitet John Gray seinen Abriss moderner politischer Ideen von der Antike bis in die Gegenwart ein. Furios und in verblüffender Evidenz stellt Gray dar, wie sehr sich islamische oder christliche Fundamentalisten und neoliberale Turbokapitalisten, die Jakobiner im Frankreich des späten 18. Jahrhunderts, die Nationalsozialisten und die US-amerikanische Bush-Regierung ähneln. Die von Utopien geschundene Welt lässt sich im 21. Jahrhundert nur noch durch eine globale Realpolitik vor dem Untergang bewahren.
Besprechung und Leseprobe beim Perlentaucher.
Donnerstag, 04.Februar 2010
Mehr Licht in Deutschland
Die deutsche Variante der Aufklärung wird im Ausland gern unterschätzt, falls sie überhaupt als kohärente Bewegung zur Kenntnis genommen wird. Im Lande selbst hatte sie lange eine schlechte Presse, denn es gab eine Tradition, bei der man dem Grundsatz klaren Selbstdenkens und individueller Freiheit "tiefere", "deutschere" Werte vorgezogen hat, mit schlimmen, auch politischen Folgen. T.J. Reed, intimer Kenner der deutschen Geistesgeschichte, zeichnet in einem großen historischen Essay die Geschichte der deutschen Aufklärung im europäischen Zusammenhang nach. Dabei erlaubt der "Blick von außen" auf Deutschland manch ungewöhnliche Akzentuierung. Doch Aufklärung ist für Reed kein bloß historisches Ereignis. Hier wurden die Grundlagen der modernen Gesellschaft formuliert, deren Anspruch bis in die Gegenwart gilt. (Klappentext)
Dienstag, 17.November 2009
Ein systemischer Selbstversuch
Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen über dieselben beunruhigen die Menschen. (Epiktet, ca. 50 n.Chr. / Handbüchlein der Ethik)
Artikel in Systemische Praxis: Sei unglücklich! Den beschriebenen abendlichen Tätigkeiten würde ich gerne noch "EMail-Abrufen" hinzufügen.
God is a DJ
... und am Schluß flüchtet auch er.
Kategorien: Film, Philosophie, Psychologie
Sonntag, 15.November 2009
Grüße aus Heidelberg
„Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, damit ist gemeint, dass sich Wahrheit und Lüge gegenseitig bedingen: Wer von Wahrheit spricht, macht den anderen direkt oder indirekt zu einem Lügner. Diese beiden Begriffe gehören zu einer Kategorie des Denkens, aus der ich gerne heraustreten würde, um eine ganz neue Sicht und Einsicht zu ermöglichen. Meine Auffassung ist, dass die Rede von der Wahrheit katastrophale Folgen hat und die Einheit der Menschheit zerstört. Der Begriff bedeutet - man denke nur an die Kreuzzüge, die endlosen Glaubenskämpfe und die grauenhaften Spielformen der Inquisitions - Kriege. Man muss daran erinnern, wie viele Millionen von Menschen verstümmelt, gefoltert und verbrannt worden sind, um die Wahrheitsidee gewalttätig durchzusetzen.“
Heinz von Foerster in einem Interview mit Bernhard Pörksen 1997. (Vordenker)
Tritt der Autor wirklich aus der "üblichen" Kategorie des Denkens heraus? Indirekt definiert auch der Autor hier eine Wahrheit - eine durch und durch ehrenwerte, wünschenswerte und liebenswerte Wahrheit:
Die Einheit der Menschheit.
Er definiert sie, um Dinge zu verändern bzw. zu bewegen. Er kämpft für diese Wahrheit, wenn auch nicht mit den zitierten grauenhaften Mitteln, die immer wieder in der Geschichte der Menschheit Anwendung finden. Er kämpft mit Intelligenz, Stil und Würde - aber er kämpft dafür. Wäre ihm diese Wahrheit nicht wichtig, gäbe es nicht seine Arbeit, sein Sendungsbewusstsein, sein Engagement. Er würde ohne Empathie, ohne Anteilnahme "leben". Er wäre im besten Sinne Der Fremde von Albert Camus.
Gibt es diese Einheit der Menschen? Verlassen wir den Makrokosmos der Geschichte und Politik. Wir alle wünschen uns diese Einheit und es gelingt uns schon im Mikrokosmos der persönlichen (Liebes-) Beziehung mit einem anderen Menschen nur selten, bis gar nicht. Kennen wir nicht alle "Beziehungen" in denen Kreuzzüge, Glaubenskämpfe, Inquisition und Kriege stattfinden. Ist diese Einheit überhaupt eine Wahrheit?
Andere Wahrheiten sind "Homo homini lupus" (Titus Maccius Plautus, Thomas Hobbes), oder für die Rousseau Anhänger, die bei Hobbes sowieso abschalten, "Die Hölle, das sind die anderen" (Sartre ).
Meine Wahrheit wäre "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen" (Camus). Das Absurde ist, wir - die Menschen - sind keine Einheit und wir werden immer Kriege um diese Einheit führen, weil wir sie uns wünschen. Es geht nur um eines:
Die Liebe
Wir leben also nicht für das Machbare, sondern für das Wünschenswerte.
Und, um jetzt einmal wieder auf den Teppich zurück zu kommen: Mit wem
würden sie lieber abends in ihrer Stammkneipe ein Bier trinken? Camus
oder Sartre?
Von Mann zu Mann: Camus sieht einfach besser aus!
Und Heinz von Foerster hat natürlich recht - auch ich bin ein Lügner. Der wahre Grund für diese Zeilen ist ein einziger Mensch. Mit dem verbindet mich Liebe, Krieg und alles was das Leben spürbar macht. An wen dachte wohl Herr Foerster bei seinem Artikel? Lügen sie nicht ...
Mittwoch, 21.Oktober 2009
Philosophen zum Thema Wirtschaft
Zusammenfassung des amüsanten Streits zwischen Peter Sloterdijk und Axel Honneth in ZEIT und FAZ.