Sonntag, 22.April 2012
Der Barbar
Fatalerweise liefert der Terminus »Barbar« das Paßwort, das den Zugang zu den Archiven des 20. Jahrhunderts öffnet.
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Es bezeichnet den Leistungsverächter, den Vandalen, den Statusleugner, den Ikonoklasten, den Verweigerer der Anerkennung für jede Art von Ranking-Regel und Hierarchie.
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Wer das 20. Jahrhundert verstehen will, muß stets den barbarischen Faktor im Auge behalten. Gerade für die jüngere Moderne war und blieb es typisch, eine Allianz zwischen Barbarei und Erfolg vor großem Publikum zuzulassen, anfangs mehr unter der Form von trampelhaftem Imperialismus, heute in den Kostümen der invasiven Vulgarität, die durch die Vehikel der Popularkultur in praktisch alle Bereiche vordringt.
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Daß die barbarische Position im Europa des 20. Jahrhunderts selbst unter den Vertretern der Hochkultur zeitweilig als wegweisend galt, bis hin zu einem Messianismus der Unbildung, ja einer Utopie des Neuanfangs auf der leeren Tafel der Ignoranz, illustriert das Ausmaß der Zivilisationskrise, die dieser Kontinent in den vergangenen einhundertfünzig Jahren durchlaufen hat - die Kulturrevolution nach unten inbegriffen, die in unseren Breiten das 20. Jahrhundert durchzieht und ihren Schatten auf das 21. Jahrhundert vorauswirft.
Peter Sloterdijk in seinem Buch "Du mußt dein Leben ändern".
Kategorien: Literatur, Philosophie, Politik, Psychologie
Sonntag, 15.April 2012
Das süße Nichtstun
Wer die Muße finden will, muss hart daran arbeiten. Das erfordert Charakterstärke.
„Die Idee der Muße ist ein Zustand entlastet von Zwecken außer sich selbst“, sagt der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa. „Das kann eine Tätigkeitsform sein, bei der man mit sich selbst vollkommen im Reinen ist – nicht gehetzt, aber auch nicht gelangweilt, herausgefordert, aber nicht überfordert.“ Ein Zustand also, in dem man einer Aktivität nachgeht, deren Anforderungen genau den eigenen Fähigkeiten entsprechen.
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Der Stellenwert, den wir heute der Erwerbsarbeit in unserem Leben einräumen, das Ausmaß, in dem wir uns auch im Privaten dem Diktat der Uhren unterwerfen: Das wäre den Menschen in vorindustrieller Zeit schlicht unverständlich erschienen. Ein Leben frei von Zwecken und Zwängen galt im Altertum als Ideal. Die Griechen nannten es scholé, wovon sich unsere inzwischen sehr zweckorientierte „Schule“ ableitet, die Römer verwendeten den Begriff otium.
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Erst die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs macht unentspannt
Auch das christliche Mittelalter erhob die Arbeit nicht zum Ideal. Die Zehn Gebote sagen nichts über sie – außer, wann sie zu ruhen habe: an den Feiertagen, die seinerzeit viel zahlreicher waren als heute. Habgier, Geiz, Gewinnstreben galten als Laster, beim Besuch gotischer Kathedralen blicken wir in ihre fratzenhaften Gesichter. In der ständischen Gesellschaft hatte jeder seinen gottgewollten Platz, das Konzept einer Karriere durch Leistung war noch nicht erfunden.
Der Stress begann, als die Idee von der Gleichheit aller Menschen aufkam. Wenn der französische Theoretiker Alexis de Tocqueville zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgerechnet Amerika als Vorreiter von Gleichmacherei und Freiheitsbedrohung brandmarkte, dann hatte er auch dies im Sinn: die allgemeine Geschäftigkeit, die durch die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs hervorgerufen wird, und die Unfreiheit, die sich aus der ständigen Zeitnot ergibt.
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Es erfordert Charakterstärke, sich auf die Muße einzulassen. „Man muss ziemlich viel mit sich anfangen können, wenn man aus dem Alltag des Berufslebens aussteigt“, sagt der Zeitforscher Karlheinz Geißler. „Man muss sich selbst genügen.“ Wer zur selbstbestimmten Muße finden wolle, der müsse erst durch die Langeweile hindurch.
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Wer sie angestrengt sucht, wird sie nicht finden.
Muße ist mehr als Nichtstun. Der Glücks- und Kreativitätsforscher Mihaly Csikszentmihalyi von der University of Chicago hat diesen ausbalancierten Zustand von Geist und Seele erforscht und mit seinen Konzept des „Flow“ die Wissenschaft nachhaltig beeinflusst. „Flow“ ist die Höchstform des Wohlgefühls, die ein Mensch erreichen kann. Es ist die Muße in Reinform. „Flow ist ein Gemütszustand, den wir erfahren, wenn wir in einer momentanen Tätigkeit vollkommen aufgehen“, sagt er. „Das Ego verschwindet, die Zeit fliegt. Jede Handlung, jede Bewegung und alle unsere Gedanken ergeben sich nur aus der vorangegangenen.“
Menschen vergessen den Hunger, die Müdigkeit, die Umwelt. Muße besteht nicht nur darin, die Zeit zu vergessen, sondern auch sich selbst. Dabei ist die Tätigkeit nicht ohne Ziel: ein Jazz-Stück komponieren, ein Bild malen, einen mathematischen Beweis führen. Muße ist ein Zustand maximaler menschlicher Konzentration, der erreicht wird, wenn man vollkommen aus seiner alltäglichen Realität heraustritt.
RALPH BOLLMANN UND INGE KLOEPFER in der FAZ vom 13.04.2012
Kategorien: Literatur, Philosophie, Politik, Psychologie
Sonntag, 18.März 2012
Notendumping
Kompetenzorientierung, Bildungsstandards, Vergleichsarbeiten sind die modischen Zauberworte.
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Die Methoden angeblicher "Qualitätssicherung" des Unterrichts führen nicht zu mehr Wissen und Können, sondern kaschieren, dass Schüler immer weniger wissen und können.
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Seit dem "Pisa-Schock" wird behauptet, mit Bildungsstandards, kompetenzorientiertem Unterricht, Kerncurricula, Vergleichsarbeiten und zentralen Prüfungen bis hin zu Abiturstandards würde die Unterrichtsqualität verbessert.
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Doch von Jahr zu Jahr erhöht sich die Anzahl der Abiturienten mit der Traumnote 1,0 (oder besser) bei gleichzeitig gegen null sinkenden Durchfallquoten. Merkwürdig nur, dass die Stimmen aus Handwerk, Mittelstand und Universitäten nicht abreißen, die ein mangelndes und weiter sinkendes Qualifikationsniveau der Schulabsolventen beklagen.
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Sind das nur die Klagen der Ewiggestrigen, oder was geht hier vor?
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Eine erste Ernüchterung über die vermeintliche Lösung aller Bildungsprobleme durch "Kompetenzorientierung" ergab sich nach der an dieser Stelle vorgestellten Untersuchung zum Zentralabitur im Fach Biologie in Nordrhein-Westfalen: Unvorbereitete Neuntklässler hatten eine Abiturklausur problemlos bestanden. Das Geheimnis der ungeahnten Qualitätsexplosion? Alle Lösungen standen im Aufgabentext, man braucht nur "Lesekompetenz", um sie abzuschreiben.
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Wie Wissen und Können als Grundlage realer Bildung entstehen und wie dies im Unterricht zu erreichen ist, weiß man seit langem. Wieso lässt man Lehrern nicht die Freiheit dazu, und wieso flickt man weiter an den längst bröselnden Fassaden Potemkinscher Bildungsdörfer?
Hans Peter Klein und Jochen Krautz in der FAZ vom 15.03.2012.
Hans Peter Klein lehrt Didaktik der Biowissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und ist derzeit als Gastprofessor am College of New Jersey. Jochen Krautz lehrt Kunstpädagogik und Kunstdidaktik an der Alanus-Hochschule.
Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen.
Am Ende sitzt auch Renate, aus allen Zusammenhängen, Bindungen und technischen Netzen herausgefallen, in einer Pension am Stadtrand von Samara und schreibt ihre Geschichte auf.
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„Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen“ ist ein meisterhaftes Abbild unserer Gesellschaft, das ihre Abgründe freilegt und dabei so spannend ist, dass es zugleich eine famose Selbstbehauptung ist in der Mediengesellschaft, deren Kräfte es auslotet. Wenn Schreiben auf diese Weise zum Mittel der Selbstversicherung wird, derweil alle anderen Gewissheiten weggebrochen sind, dann besteht Hoffnung.
WIEBKE POROMBKA in der FAZ vom 07.03.2012 über Thomas von Steinaecker: „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen.“ Roman. S. Fischer Verlag.
Mittwoch, 14.März 2012
We gamble and we just hope.
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Auch die Stillen, Nachdenklichen fürchteten, er sei dabei, die Regeln zu schleifen, die ihr Land groß gemacht hätten, die einfachen, harten Regeln der Siedler und Pioniere. In den Plains hörte ich drei Sätze immer wieder: Ich will keine Regierung, die mir sagt, wie ich leben, wirtschaften, vorsorgen soll. Ich will ein Leben auf eigene Faust, wie es meine Vorväter suchten, als sie in dieses Land kamen. Und ich will nicht für die sorgen, die nicht für sich selbst sorgen.
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<<Wissen Sie was? Wir spielen. Wir spielen und hoffen es geht gut.>>
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Die Spielernatur als süßes Geheimnis der puritanischen Ethik, das hatte mir noch niemand verraten, schon gar nicht so freimütig wie Carol in der Küche.
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Spielen und hoffen, Einsatz und Glück, darum ging es und bei ihr klang das Wort "hope" härter als in den Reden aus Washington, nicht so schwämerisch
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Wolfgang Büscher in seinem Buch "Hartland - Zu Fuß durch Amerika".
Kategorien: Literatur, Philosophie, Politik, Psychologie
Donnerstag, 01.März 2012
Erfolgswege
Mehrfach hatte Friedrich August von Hayek festgestellt, dass der freie Markt keine soziale Gerechtigkeit hervorbringt. Am Markt kann es fair zugehen, also nach Regeln, die für alle gelten, die Preise hingegen ergeben sich aus Angebot und Nachfrage. Der Arbeitslohn entspreche nicht der Leistung, die der Arbeiter erbringt, sondern sei besser zu verstehen als der Anreiz, eine bestimmte Stelle anzunehmen, nämlich dort, wo es ein geringes Angebot, aber eine hohe Nachfrage nach Arbeitskraft gibt. Das Leistungsprinzip, die Annahme, dass Leistung zum Erfolg führt, ist dann lediglich Überbau, der den Markt gerecht erscheinen lässt und somit legitimiert.
LEANDER STEINKOPF in der FAZ vom 29.02.2012
Samstag, 11.Februar 2012
Reden können Menschen befreien
Je zynischer eine Gesellschaft wird, die wichtige politische Reden nur noch als Sonntagsreden wahrnimmt, je abgestumpfter sie auf Bekenntnisse und öffentliche Versprechungen reagiert, desto wichtiger ist es, daran zu erinnern, dass der Staat dort, wo er öffentlich redet oder reden lässt, im tiefsten Sinne des Wortes Gutes tun kann. Die öffentliche Rede ist fast der einzige Moment, wo das kalte Ungeheuer des Staates dem Bürger seine Seele zeigt.
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Wir, junge Redakteure dieser Zeitung, haben das erlebt. Diffus zwar, viel zu unbelehrt und in seiner ganzen Wirkung erst später wirklich begriffen, aber schon damals in seiner emotionalen Wucht unabweisbar. Am 8.Mai 1985 hielt Richard von Weizsäcker seine berühmte Rede zum Kriegsende. Dass sie wirkungsvoll, ja, historisch werden würde, war sofort klar.
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Es war keine Woche später, als Marcel Reich-Ranicki in der Redaktionskonferenz diese Rede nicht nur lobte, wie nur er zu loben versteht. Nein, man spürte an ihm eine geradezu existentielle Erleichterung, keine Erlösung, aber ein wirkliches Aufatmen, und jeder, der mit ihm damals redete, bemerkte, dass Reich-Ranicki wirklich befreit wirkte.
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Da sprach auch Richard von Weizsäcker, der nur wenige Monate vor Reich-Ranicki in einem anderen Stadtteil Berlins das Abitur gemacht hatte und nun im Namen Deutschlands um Vergebung bat.
FRANK SCHIRRMACHER in der FAZ vom 26.01.2012 über die Rede von Marcel Reich-Ranicki im Bundestag.
Dienstag, 24.Januar 2012
Dogmatismus und „Freiheit der Kritik“
Wir schreiten als eng geschlossenes Häuflein, uns fest an den Händen haltend, auf steilem und mühevollem Wege dahin. Wir sind von allen Seiten von Feinden umgeben und müssen fast stets unter ihrem Feuer marschieren. Wir haben uns, nach frei gefaßtem Beschluß, eben zu dem Zweck zusammengetan, um gegen die Feinde zu kämpfen und nicht in den benachbarten Sumpf zu geraten, dessen Bewohner uns von Anfang an dafür schalten, daß wir uns zu einer besonderen Gruppe vereinigt und den Weg des Kampfes und nicht den der Versöhnung gewählt haben.
W.I.Lenin, Was tun?
Montag, 16.Januar 2012
Ein präsidiales Selbstmissverständnis
Die Abschaffung des Bürgers passt ganz ausgezeichnet zum Selbstbild einer politischen Klasse, die sich nicht als Teil eines demokratischen Gemeinwesens versteht, sondern vermutlich als so etwas wie Manager einer Bevölkerung, die man prinzipiell für infantil und wenig einsichtsfähig hält.
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Denn in modernen, funktional differenzierten Gesellschaften lernen ihre Mitglieder, wie sie flexibel zwischen unterschiedlichsten Rollen hin- und herwechseln und diese zugleich sorgfältig auseinanderhalten können. Von einem Vater wird nicht dasselbe Verhalten erwartet wie von einem Liebhaber, einem Skatfreund, einem Wissenschaftler, einem Patienten in der Sprechstunde beim Arzt, einem Festredner oder einem Freizeitsportler - all dies kann man aber in einer Person sein.
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Man geht nicht in der jeweiligen Rolle auf, sondern kann gerade aus der einen Rolle heraus kritisch betrachten, was man in der anderen zu tun gezwungen ist. Die meisten Bewohner moderner Gesellschaften können das, oft sind sie sogar zur Selbstironie fähig. Möglich, dass das Problem des Bundespräsidenten exakt an dieser Stelle liegt.
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Von Charakterstärke zeugt die Strategie, immer gerade so viel zuzugeben, wie ohnehin schon heraus gekommen ist, auch im Privaten nicht, aber das würde einen nicht weiter interessieren, wenn man mit dieser Person nichts zu tun hätte.
Mit dem Bundespräsidenten hat man aber etwas zu tun.
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Tatsächlich ist die ganze Angelegenheit so quälend, weil hier offenbar jemandem die Fähigkeit zur Rollendistanz abgeht. Man versteht dieses stoische Ertragen von Spott, Häme und Kritik nur dann, wenn einer keinen Unterschied zwischen seiner privaten Person und seiner funktionalen Rolle macht. Dann steht und fällt auch die Person mit dem Amt, und deshalb darf es nicht aufgegeben werden.
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In seinem Fernsehinterview hat Christian Wulff gesagt: „Man ist Mensch, und man macht Fehler.“ Exakt dieser Satz offenbart sein Selbstmissverständnis. „Menschlich“ hat wahrscheinlich kaum jemand etwas gegen ihn; ich jedenfalls nicht, zumal ich ihn gar nicht kenne. Ich würde daher auch nie auf die Idee kommen, an ihn als private Person irgendeine Kritik zu richten. Er müsste nur als Bundespräsident zurücktreten.
HARALD WELZER in der FAZ vom 16.01.2012.
Sonntag, 15.Januar 2012
Sehnsucht nach der Luxuswelt der Reichen
Damals schrieb ich im "Spiegel" (und man möge mir dieses Selbstzitat nachsehen): "Wie immer diese Wahl ausgeht, die Regierung wird Schaden nehmen. Sollte Gauck gewinnen, demonstriert es ihre Uneinigkeit und Schwäche. Gewinnt Christian Wulff, werden wir der Koalition diesen Sieg nicht verzeihen."
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Der Kampf, der um Christian Wulff derzeit tobt, ist in Wahrheit ein Kampf um die politische Kultur in diesem Land, um die Machtanmaßung der Parteien, die zunehmende Missachtung des Parlaments durch die Bundeskanzlerin, um die durchsichtigen Taktierereien der Regierung wie der Opposition, die lieber eine staatliche Institution wie das Amt des Bundespräsidenten zu Bruch gehen lassen, als auf kurzfristige Machtvorteile zu verzichten.
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Vielleicht glauben die Zweitchancebefürworter inzwischen, es sei gleichgültig, wer Christian Wulff folgen würde, weil ihre Stimme ohnehin nicht gehört wird, weil es das gleiche parteipolitische Gerangel mit deprimierendem Ergebnis geben würde wie beim letzten Mal. Vielleicht aber fallen ihnen auch nur ihre eigenen kleinen Betrügereien ein und sie halten ihre Nachsicht für einen Akt christlicher Nächstenliebe.
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Oder sie denken an Gerhard Schröder, dessen Freundschaft zum AWD-Gründer Carsten Maschmeyer als Vorbild für Wulffs Aufstieg in die Hannoveraner Geldgesellschaft gedient haben mag. Bei Wikipedia steht: "Bundeskanzler Schröder trat im Jahr 2004 vor AWD-Führungskräften auf und soll laut einer internen AWD-Mitarbeiterzeitung erklärt haben: ,Sie als AWD-Mitarbeiter erfüllen eine staatsersetzende Funktion. Sichern Sie die Rente Ihrer Mandanten, denn der Staat kann es nicht.' Diese Nähe zur Regierung Schröder habe dazu geführt, dass viele Kunden dem AWD vertraut hätten.
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Was ist da passiert? Wann hatte die Bundesrepublik in ihrer Geschichte vor Gerhard Schröder überhaupt jemals mit diesem Ruch von Korruption in höchsten politischen Ämtern zu tun? Sicher gab es Skandale, Spendenaffären, Amtsanmaßung: aber es ging nicht um persönliche Bereicherung oder gar die Sehnsucht nach der Luxuswelt der Reichen. Woran liegt es, dass jetzt keine Partei dem Einbruch des Halbseidenen entgegentritt?
MONIKA MARON in ihrem Artikel "Der Einbruch des Halbseidenen in die Politik" in der FAZ vom 09.01.2012.
Mittwoch, 23.November 2011
Die Lüge von der Systemrelevanz.
Es gibt Äußerungen, die so erhellend sind, dass man sie sich merken muss. Am 3.Februar 1996 erklärte der damalige Präsident der Deutschen Bundesbank Hans Tietmeyer in Davos, er habe bisweilen den Eindruck, „dass sich die meisten Politiker immer noch nicht darüber im Klaren sind, wie sehr sie bereits heute unter der Kontrolle der Finanzmärkte stehen und sogar von diesen beherrscht werden“. Dies sollte keine Kritik sein, Tietmeyer stellte das bestätigend fest. Wo blieben die Proteste der Politiker? Wo blieb der Aufschrei der Öffentlichkeit?
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Fünfzehn Jahre nach Tietmeyers wohl eher gedankenloser Einlassung meldeten sich deutsche Unternehmenschefs zu Wort. Der Vorstandsvorsitzende von Bosch, Franz Fehrenbach, beklagte im September, die Finanzmärkte seien wieder kurz davor, die Weltwirtschaft in eine neue Krise zu reißen; man könne in der Realwirtschaft schuften und machen – gegen die Spekulation komme man nicht an.
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Er spricht sich ähnlich wie andere Manager für eine schärfere Regulierung der Banken aus und plädiert dafür, viele Finanztransaktionen zu verbieten, die nichts mehr mit realen Geschäften zu tun haben. Doch die Politik wagt es nicht, die Ausweitung des Kapitalmarktes zum Finanzcasino und die Vorherrschaft der Investmentbanker und Spekulanten in Frage zu stellen. Lobby und PR haben es geschafft, dass die Finanzindustrie sich ein besonders dickes Stück vom Volkseinkommen abschneiden konnte.
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Wenn die Demokratie so in Not gerät, sucht man nach Rettungsankern. Vielleicht wacht das kritische Bürgertum in Deutschland doch noch einmal auf. Vielleicht melden sich die mit wirklicher Wertschöpfung beschäftigten Unternehmer lauter zu Wort. Ein Pakt gegen Zyniker, Spieler und Spekulanten, ein Pakt aller Werte schaffenden und an Werten orientierten Bürgerinnen und Bürger ist vonnöten. Er reicht von Wertkonservativen bis zur demokratischen Linken. Deren Auffassungsunterschiede sind angesichts der Bedrohung gering.
Albrecht Müller (Leiter des Planungsstabs unter den Kanzlern Brandt und Schmidt) in der FAZ vom 23.11.2011.
Heute ist er Herausgeber von www.NachDenkSeiten.de.
Mittwoch, 02.November 2011
Papandreou tut das Richtige
Wer das Volk fragt, wird zur Bedrohung Europas. Das ist die Botschaft der Märkte und seit vierundzwanzig Stunden auch der Politik. Wir erleben den Kurssturz des Republikanischen.
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Im Minutentakt las man am Dienstag, wie Banker und Politiker drohten und drohen, die Börsen brachen ein. Die Botschaft war eindeutig: Die Griechen müssten dumm sein, wenn sie ja sagten. Und Papandreou ein Hasardeur, weil er sie fragte. Doch ehe die Panik-Spirale des Schreckens sich weiter und weiter dreht, ist es gut, einen Schritt zurückzutreten, um klar zu sehen, was sich hier vor unser aller Augen abspielt. Es ist das Schauspiel einer Degeneration jener Werte und Überzeugungen, die einst in der Idee Europas verkörpert schienen.
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Man muss nicht alle Beziehungen des Witzes zum Unterbewussten kennen, um zu verstehen, wie massiv gerade moralische Übereinkünfte der Nachkriegszeit im Namen einer höheren, einer finanzökonomischen Vernunft zerstört werden.
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In Deutschland, wir erinnern uns, verstand man unter Demokratie noch vor wenigen Tagen den Parlamentsvorbehalt. Erzwungen von unserem obersten Gericht und begrüßt von allen Parteien. Deswegen musste sogar ein EU-Gipfel vertagt werden. Nichts ist davon für Griechenland noch gültig.
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Es wird immer klarer, dass das, was Europa im Augenblick erlebt, keine Episode ist, sondern ein Machtkampf zwischen dem Primat des Ökonomischen und dem Primat des Politischen.
Frank Schirrmacher in seinem Artikel "Demokratie ist Ramsch", FAZ vom 01.11.2011
Montag, 19.September 2011
Der deutsche Donner
Das Christenthum - und das ist sein schönstes Verdienst - hat jene brutale germanische Kampflust einigermaßen besänftigt, konnte sie jedoch nicht zerstören, und wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwuth [.] Der Gedanke geht der That voraus, wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freylich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn Ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wißt: der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. Bey diesem Geräusche werden die Adler aus der Luft todt niederfallen, und die Löwen in der fernsten Wüste Afrikas werden die Schwänze einkneifen und sich in ihre königlichen Höhlen verkriechen. Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revoluzion nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte."
Heinrich
Heine, "Zur
Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland", 1834, Online-Text,
Projekt Gutenberg-DE.
Im Jahre 1992, zur selben Zeit, als Bosnien in den Bürgerkrieg schlitterte, erschien das aus einem Essay hervorgegangene Buch "The End of History and the Last Man" (Das Ende der Geschichte) des Amerikaners Francis Fukuyama. Der damals vierzigjährige Politik-Professor aus Chicago vertrat die These, dass mit dem Kollaps des totalitären Sowjet-Imperiums und dem Sieg der liberalen westlichen Demokratien das Zeitalter der ideologischen, sozialen, kulturellen und realen Kriege abgeschlossen, das heißt, das Ende der Geschichte erreicht sei.
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Fukuyamas Entwurf, der sich an Hegels Geschichtsphilosophie eines sich dialektisch entfaltenden Weltgeists orientiert, ist nicht lediglich die singuläre Fehleinschätzung eines naiven Utopisten. Sie spiegelt die Lebensrealität des durchschnittlichen westlichen Lohnintellektuellen. Dieser ist Teil eines kleinen, selbstreferentiellen, nach eigenen Ritualen sich verständigenden Milieus, das sich an Worten, Abstraktionen, kanonisierten Theorien nährt. Seine existentiellen Erschütterungen sind ausgebliebene Beförderungen, Buchverträge, Hypothekarzinserhöhungen, Kollegenneid, eine geheime Affäre mit einer Studentin, eine Prostataoperation. Der Lärm, das unübersichtliche Gewühl, die Phantasmen der übrigen Welt dringen kaum zu ihm vor. Sie liegen jenseits seiner Erfahrung, sein rationales Denksystem lässt nur die Wahrnehmung anderer rationaler Systeme zu. In scholastischer Manier Ideen und blutleere Begriffsarchitektur überschätzend, war es folgerichtig, dass die akademischen Auguren von jeder der epochalen Verwerfungen der letzten Jahrzehnte überrascht wurden.
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Anders als die Ordnungsmodelle der Professoren ist die reale Welt chaotisch und ihre Zukunft nicht berechenbar. Die Geschichte gehorcht keiner immanenten Vernunft, sondern mäandert blind und planlos durch die Zeit, ein spektakulärer, verschwenderischer Umzug ohne Ziel oder höhere Absicht. Sie wird gemacht von Menschen, von hochintelligenten, sinnbedürftigen, moralbegabten, aber unzuverlässigen Wesen, die jederzeit imstande sind zu zerstören, was sie erschaffen haben, barocke Figuren, auf der einen Schulter ein Teufel, auf der anderen ein Engel. Der Bestand der Humangesellschaften ist nicht verankert in einem angeborenen, naturwüchsigen Set sozialer Verhaltensweisen oder in einem unverbrüchlichen göttlichen Sittenkodex, sondern hängt ab von fragilen, frei gewählten Regeln und Werten. Und so, wie Einzelne immer wieder die zivilisatorischen Gesetze brechen, können auch ganze Kollektive den Verlockungen der Allmacht, des Triumphs, des Endzeitrausches erliegen. Diese Einsicht zu ignorieren, führt im besten Fall zu intellektuellen Blamagen, wie Fukuyama erleben musste, im schlimmsten Fall aber zu gesellschaftlichen Katastrophen.
Eugen Sorg, "Die Lust am Bösen", 2011
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie
Sonntag, 14.August 2011
Political Correctness
Der Zweiundsiebzigjährige, der seit dem 20. April 2005 nicht mehr das Amt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten ausübt, das er vierzehn vorzügliche und segensreiche Jahre bekleidete und aus dem er von jüngeren, rasenderen, nach allen Seiten besinnungslos lospreschenden, dümmeren, längst gescheiterten Nachwuchsklembemberleshubern gemobbt und gebissen wurde, dieser ältere, aufrechte Herr, ein Expolitiker, erzielt gerade, was aktive Politiker gern immer erzielen würden, aber in ihrer rasenden Unruhe nie erreichen: wahre Wirkung.
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In einem Interview hat er einmal bekannt, dass er das Leben nicht als einen sinnlosen Kreislauf empfinde, sondern als Bahn, „die auf ein Ziel ausgerichtet ist“. Bei seiner Verabschiedung vom Amt des Ministerpräsidenten meinte er, dass er seinen Rücktritt auch annehme „aus der Hand Gottes, denn er hat meinen Eingang bestimmt, und er bestimmt auch meinen Ausgang.“ So reden im politischen Geschäft normalerweise Heuchler oder Wahnsinnige. Erwin Teufel aber ist wohl der einzige Politiker, dem man den gläubigen Katholiken und die glaubensvolle Normalrede glaubt und abnimmt.
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Der Spott der Grinser und karrieremachenden Stühlesäger vom Schlage eines Günther Oettinger, der jetzt in Brüssel den Energiekommissar mimt, war ihm gewiss. Darüber, dass Teufel jeden Sonntag nicht nur mit dem Gesangbuch, sondern dazu mit dem Liturgie-Buch (dem sogenannten „Schott“) zur Kirche geht; dass er nicht in der Ministerpräsidentenvilla auf der Stuttgarter Solitude residierte, sondern täglich von Spaichingen mit der Regionalbahn „ins G’schäft“ (zum Regieren) fuhr; dass er in seinem Regierungsbüro eine Dose Nivea als einzigen, sichtbaren Luxus sich leistete.
Gerhard Stadelmaier in der FAZ vom 09.08.2011.
Samstag, 23.Juli 2011
Ironie
Wie der amerikanische Kulturkritiker und Journalist David Denby und der Historiker Arthur Marvick darlegten, waren die frühen sechziger Jahre der letzte, wirklich »ernsthafte« Moment in der amerikanischen Kultur. Während sich mit dem beginnenden globalen Kulturaustausch, vor allem mit Europa, und mit der Blüte von künstlerischen und politischen Subkulturen in New York und anderswo - von revolutionären Entwicklungen in der Kunstwelt über experimentelle Theatergruppen, architektonische Think Tanks bis zum Beginn erster feministischer und Civil-Rights-Bewegungen Amerikas kulturelle Landschaft radikal veränderte, sich die Zirkulation von Ideen beschleunigte und so der mediale Bedarf an Neuem und Spektakulärem radikal anstieg, war zu diesem Zeitpunkt doch die Populärkultur noch nicht allumfassend inthronisiert, regierte das Fernsehen noch nicht den Alltag der amerikanischen Haushalte, war die amerikanische Gesellschaft noch nicht kollektiv mit den Auswirkungen des Vietnam-Kriegs beschäftigt. Entertainment-Konglomerate hatten noch keine Kontrolle über die Massenkultur.
Ironie war ein Modus der Aggression, der die Wissenden vom Rest der Gesellschaft trennte, und noch kein Begleitgeräusch der medialen Bildüberschwemmung.
Daniel Schreiber in dem Buch "Susan Sontag - Geist und Glamour", erschienen im Aufbau Verlag.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Politik, Psychologie
Samstag, 11.Juni 2011
Frech und frei
Gauck, ein unpolitischer Strahlemann? Er kenne, so hatte Gauck unter dem Titel „Winter im Sommer - Frühling im Herbst“ in seinen Erinnerungen geschrieben, „den mitleidigen Blick jener, die meine beständige Freude an der westlichen Freiheit für naiv hielten, irgendwie rührend. Hundertmal hatte ich diesen Kultur-trifft-Natur-Blick von Ethnologen oder Feuilleton-Artisten aushalten müssen, die mich anschauten, als wäre ich gerade aus einer primitiven Kultur zugewandert“.
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„Wenn Hoffnung echt ist, riskiert sie etwas. Nicht Idylle, sondern Veränderung umgibt sie. Eine Schwester von ihr heißt Unruhe. Bitte erschrecken wir nicht, sondern bedenken wir, wohin uns die Ruhe gegenüber allem Unrecht geführt hatte! Die etablierte Christen- und Bürgergemeinschaft muss wohl lernen, ihren Unruhestiftern zu danken. Sie lehren uns: Finde dich nicht ab mit dem, was du vorfindest!“
Christian Geyer in der FAZ vom 05.06.2011
Samstag, 28.Mai 2011
Profilfelder
Es gibt Profilbretter, Reifenprofile und Profilneurosen, man kennt Rüben- und Weizenfelder, aber was zum Teufel sind Profilfelder?
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Profilfelder, so lernt man, müssen so allgemein formuliert sein, dass jede und jeder sich in ihnen umstandslos heimisch fühlt. Der Ausnahmezustand als Normalfall, das Allgemeine als Spezialität und die Dauerbeschäftigung gutbezahlter, bürokratiefrommer Sprachverhunzer mit geistlosen Abstru- und Monstrositäten.
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Karrierefördernd ist Kritik keinesfalls, weshalb sie als Mittel wissenschaftlicher Auseinandersetzung und Selbstverständigung (vulgo: Aufklärung) nirgends mehr stattfindet.
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Man möchte seine Ruhe, übt die Toleranz bis zur völligen Gleichgültigkeit und verteidigt den Opportunismus als moderne Lebensform. Profilfelder, das sind dementsprechend auf Dauer gestellte Forschungsschwerpunkte mit Alleinstellungsmerkmal, an denen jeder Anteil haben darf, der guten Willens ist, nette Kumpel hat und nicht lacht.
Georg Kamphausen in der FAZ vom 25.05.2011.
Donnerstag, 21.April 2011
An einem Samstag
Aleksandr Mindadzes Spielfilm „An einem Samstag“ erzählt von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl und welche Bedeutung sie für die Menschen hatte, die in der Umgebung wohnten. ... Es wäre der Film für den 11. März gewesen, für jenen Tag, als in Fukushima die atomare Kernschmelze anfing und anfangs noch niemand wahrhaben wollte, was sich dort abzuspielen begann. ... „An einem Samstag“ kommt deshalb wirklich zum falschen Zeitpunkt, denn man wird ihn reduzieren auf den Spielfilm zur Reaktorkatastrophe. Das ist er nicht. Er ist der Spielfilm zur Menschenkatastrophe - nicht nur der im Angesicht einer Kernschmelze, sondern auch gegenüber dem eigenen Verrat. Der Katastrophe dessen, was enttäuschtes Vertrauen bedeutet.
Andreas Platthaus in der FAZ vom 20.04.11 über den Film "An einem Samstag" von Aleksandr Mindadze.
Weitere Besprechung in der ZEIT vom 14.02.11 (also vor Fukushima!) von Carolin Ströbele.
Mittwoch, 13.April 2011
LIBERALISMUS
"Wir verteidigen die Sache der Freiheit, indem wir daran arbeiten, das Wort Liberalismus, das leider zur Stunde eher für ein Leben auf der Galeere der Habsucht steht, wieder zu einem Synonym für Generosität zu machen – und das Wort Liberalität zu einer Chiffre für die Sympathie mit allem, was Menschen von Despotien jeder Art emanzipiert."
Peter Sloterdijk in der ZEIT vom 07.04.2011
Dienstag, 05.April 2011
Fukushima und die Deutschen
Sie nennen es Hysterie
Jodtabletten sind hierzulande nicht ausverkauft, und auch von Auswanderungen ist nichts bekannt. Wohl aber will eine Mehrheit der Deutschen die Atomkraftwerke abschalten - aus gutem Grund. Über Fukushima und die Deutschen, die sich gerade wie sehr vernünftige Menschen verhalten.
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Denn Menschen schalten Atomkraftwerke ab, nicht weil sie im Dunkeln sitzen wollen, sondern weil sie wissen, dass nur das den notwendigen ökonomischen Handlungsdruck erzeugt, technologische Alternativen zu entwickeln. Man könnte erzählen, dass ein Land, aufgerüttelt durch den Schock, alles daransetzt, neue Erfindungen zu machen, die besten Köpfe zu gewinnen, Visionen zu verwirklichen, eine neue Gründerzeit zu befördern. Man könnte so erzählen, wie es das frühe zwanzigste Jahrhundert im stolzen und ungebrochenen Rückblick auf die Erfinderleistungen der Vergangenheit der Edison, Siemens und Benz tat: Sie alle hatten Geistesblitze, weil sie, zumindest meistens, der Welt etwas Gutes tun wollten. Viele Entdeckungen wurden nicht primär gemacht, weil Menschen Geld verdienen wollten, sondern weil sie ein Problem lösen wollten. Wer weiß, ob nicht irgendwo in irgendeinem Kinderkopf, der mitbekommt, dass die Gesellschaft nach Alternativen sucht, jetzt die Grundlagen dafür gelegt werden? Niemand weiß, ob diese Geschichte eines neuen Anfangs in allem gut endet, ob wir uns auf Risiken zubewegen, die heute keiner kennt. Doch dass die Kollateraleffekte größer sein könnten als die der Atomenergie, einschließlich des Endlagerproblems, ist bis zum Gegenbeweis höchst unglaubwürdig. Wer nennt das hysterisch? Nur die, die entmutigen wollen. In Wahrheit ist es genau das, was sehr vernünftige Leute tun würden.
Frank Schirrmacher in der FAZ vom 05.04.2011.
Samstag, 02.April 2011
Hilflosigkeit, Nichtwissen, Überforderung
Die Atomkatastrophe von Fukushima erschüttert die Technikgläubigkeit der Wissensgesellschaft - keiner weiß, was zu tun ist, wenn die Geräte versagen.
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Man malt sich ein ausgeklügeltes System von Wenn-dann-Abläufen aus, jede Menge Technik, die auf Abruf steht, ein konsolidiertes Wissen darüber, was auf keinen Fall hilft und was auf jeden Fall, Heere von Spezialisten aus Physik, Informatik, Materialwissenschaft und Ingenieurwesen, die das Allerschlimmste verhindern, wenn das Schlimmste eingetreten ist, sowie internationale Abkommen über Hilfemaßnahmen.
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„Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden“, sagt Mercier in „Dantons Tod“ bei Georg Büchner.
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Das Unglück von Fukushima hat uns insofern die Augen geöffnet: für die aberwitzige Hilflosigkeit, für das unglaubliche Nichtwissen, die völlige Überforderung, die in unseren technologischen Phantasien so wenig vorgesehen war wie in den Mitteilungen über den Charakter der Atomwirtschaft. Die Gesellschaft - die „Wissensgesellschaft“! - entpuppt sich als Kind, das mit Geräten spielt, von denen es nicht weiß, was geschieht, wenn sie kaputtgehen.
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In Japan, dem Erdbebenland, sei nicht das Unwahrscheinliche, sondern das Wahrscheinliche eingetreten, heißt es jetzt, auch wenn die Japaner das vorher wohl anders sahen. Und wenn hier ein Flieger in einen Atommeiler stürzen würde, wird man dann auch sagen, das Rhein-Main-Gebiet sei bekanntlich eine Hochfrequenzflugzone, Deutschland ein Verkehrsland, und insofern sei das Wahrscheinliche geschehen?
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Die Wahrscheinlichkeit ist nicht gestiegen. Sie ist erkannt. Und die Hilflosigkeit auch.
Jürgen Kaube in der FAZ vom 01.04.2011.
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie
Dienstag, 29.März 2011
Rhetorik und Realität
Die neun Gemeinplätze des Atomfreunds
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Jahrzehnte der Atomkraft-Debatte haben die Sprache manipuliert. Die Sätze, die wir während des Moratoriums hören, sind Ablenkungsmanöver. Sie formulieren Thesen, die keine sind, und beleidigen die öffentliche Vernunft. Eine Analyse der wichtigsten Versatzstücke.
Frank Schirrmacher in der FAZ vom 28.03.2001.
Donnerstag, 17.März 2011
Die Wiederkehr des Verdrängten
Es ist erstaunlich, in wie vielen Fragen, die ihre Selbsterhaltung betreffen, die Menschheit keinen Schritt vorankommt.
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Wie kommt es aber, dass der Schrecken eintreten muss, um als möglich zu erscheinen? Wie kommt es, mit anderen Worten, dass denkenden Wesen erst die eingetretene Wirklichkeit ihre Möglichkeit erweist? Für die Bundeskanzlerin enthalten die Geschehnisse in Japan die Lehre, das für unmöglich Gehaltene könne sehr wohl eintreten. Doch wer hat es ernsthaft für unmöglich gehalten, dass ein Erdbeben ein Atomkraftwerk zerstören kann? Auch der Begriff „unmöglich“ kann nicht beliebig verwendet werden.
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Insofern wäre erst eine Politik, die es wagte, jene Verzichte zu beziffern, die ein Leben ohne Kernenergie und die Komplettverfeuerung des Planeten bedeuten würde, etwas Neues, etwas Epochales.
Jürgen Kaube in der FAZ vom 17.03.2011 zur Atomkatastrophe in Japan.
Freitag, 11.März 2011
Böse Philosophen
Philip Blom hat mit seinem fesselnden philosophischen Panorama, mit seiner Schilderung der Welt der Intellektuellen in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts ein Tor zu neuer Befassung mit ihnen aufgestoßen. Erst wenn man den Kreis so weit schlägt, wie er es tut, kommen kulturgeschichtliche Zusammenhänge in den Blick, die von den heute üblichen monographischen Darstellungen nicht erfasst werden.
Henning Ritter in der FAZ vom 10.03.2011 über das Buch „Böse Philosophen“ von Philipp Blom.
Über das gute Leben
Stattdessen tauchen ständig neue, lebensvergessene Dringlichkeiten auf: Wenn Prioritäten wie Sicherheit, Gesundheit und Kosteneffizienz oder der sogenannte „europäische Hochschulraum“ in der Kultur der Gegenwart als vermeintlich höchste Güter nach ganz oben drängen, dann werden Lebensqualitäten wie Bürgerrechte, soziale Absicherung, Genuss, Würde, Eleganz und Intellektualität meist ohne Zögern und ohne jede Diskussion geopfert. Unbescholtene Menschen werden bei Sicherheitskontrollen wie Verbrecher behandelt und bis auf die Socken durchsucht. Regierungen verbieten uns das Rauchen, als ob wir Minderjährige wären.
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Wie Epikur fordert also auch Juvenal die Verdoppelung: Zum Leben genügt es nicht, bloß am Leben zu sein. Man muss auf lebendige Weise lebendig sein. Wenn man hingegen die Gründe zum Leben verliert, um das nackte Leben zu bewahren, dann ist das, was übrigbleibt, eben kein Leben mehr, sondern ein Dahinvegetieren von lebenden Toten.
Robert Pfaller in der FAZ vom 07.03.2011 über sein Buch „Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie“. Weitere Besprechung in der FAZ vom 25.03.2011 von Daniel Grinsted.
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie
Freitag, 25.Februar 2011
Der letzte Mohikaner
Hunderttausende von Nordafrikanern könnten demnächst an die Tür Europas klopfen. Einer hat es vorausgeahnt: Jean Raspail schrieb schon 1973 den visionären Roman einer Flüchtlings-Armada.
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Für die Unfähigkeit zum Widerstand und die Blindheit des Westens macht Raspail die höchste Ethik des Christentums, dessen Zivilisation er gleichzeitig verteidigen will, verantwortlich.
Jürg Altwegg in der FAZ vom 25.02.2011 über das Buch Das Heerlager der Heiligen von Jean Raspail.
Mittwoch, 19.Januar 2011
Das Gespenst des Kapitals
Jemand, der eine Ware nicht hat, sie weder erwartet oder haben will, verkauft diese Ware an jemanden, der diese Ware ebenso wenig erwartet oder haben will und sie auch tatsächlich nicht bekommt.
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Das bis dahin gültige Abkommen von Bretton Woods (1944), das den amerikanischen Dollar an die Umtauschrelation zum Gold koppelte, wird 1973 aufgekündigt. Dieser Schnitt, den Vogl als Demarkationslinie und Entstehungsgrundlage der ökonomischen condition postmoderne ausmacht, ist die Prämisse für ein Finanzverständnis, das „ein Regime flottierender Signifikanten ohne Anker und Maß, ohne die Sicherung durch ein transzendentales Signifikat“ etabliert.
Tomasz Kurianowicz in der FAZ vom 21.01.2011. Buch von Joseph Vogl: "Das Gespenst des Kapitals".
Mittwoch, 22.Dezember 2010
"homo aspergerus" - Das Weltbild von Wikileaks
Am liebsten ordentlich und einsam.
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Die eindeutige Lesbarkeit der Welt ist ein alter Menschheitstraum. Gegenwärtig wird er über die Plattform Wikileaks neu verhandelt. Julian Assange und seine Jünger sind dabei so etwas wie die autistischen Heimarbeiter der Transparenz.
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie
"homo aspergerus" - Der autistische Messias
Von medizinischer Seite wird das Asperger-Syndrom meist als „leichte Form des Autismus“ klassifiziert. Jetzt erklärt ein im Internet veröffentlichter Artikel diesen Mangel zu einer positiven Mutation: eine neue Übermenschenlehre.
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie
Montag, 13.Dezember 2010
In Berlin wird der "Pfeifenraucher des Jahres" gekürt
"Schon Nietzsche, einer von Safranskis Porträtierten, hat gesagt, dass nach dem Tod Gottes die Gesundheit sich zu einer Göttin erhebe. Wenn es einen höheren Sinn des Lebens gäbe, der über das reine Überleben hinausginge, könnte die Gesundheit nicht derart zum Götzen werden. In einer Gesellschaft aber, die Gesundheit zur Religion erhoben hat, wird der Raucher immer tiefer in seine Ghettos gedrängt. Sie heißen Raucherclub, Bürgersteig oder eigene vier Wände."
Bericht im Spiegel (48/2010).
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie
Macht und Geld
"Eine wahre Elite würde eine Stellung über den Klassen, Interessen, Leidenschaften, Bosheiten und Torheiten der Menschen einnehmen. Sie würde sich auszeichnen durch ein exemplarisches und langsam reifendes Leben der entsagungsvollen Leistung für das Ganze, der unantastbaren Integrität und (...) durch unerschütterlichen Mut im Eintreten für das Wahre und Rechte."
Wilhelm Röpke, Nationalökonom
Klingt wie aus einem Märchen, stammt aber aus dem Buch “Gestatten: Elite - Auf den Spuren der Mächtigen von morgen“ von Julia Friedrichs.
Rezension in der FAZ vom 24.02.2008.
Samstag, 02.Oktober 2010
Lesen ist nicht genug
Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ ist ein klassischer Bildungsroman: Mittelbegabter, fauler Junge entdeckt die Literatur und rettet sich selbst. Jetzt verachtet er alle, die nicht so geworden sind wie er.
Sarrazin hängt der großen sozialdemokratischen Erzählung vom Aufstieg durch Lektüre an. So verliebt ist er in diese Geschichte, die auch seine Geschichte ist, dass er so gut wie alle Zeichen einer globalisierten und unübersichtlichen Gegenwart als Unheilsbringer sieht. Er ist ein moderner Faust: Um den schönen historischen Augenblick zu bewahren, würde er einen Pakt mit dem Teufel eingehen.
Nils Minkmar in der FAZ vom 21.09.2010
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie
Samstag, 11.September 2010
Die wahre Geschichte über Thilo S.
... und wie immer ist die Deutsche Bahn daran schuld.
Seit Wochen versuchen Wissenschaftler, Politiker und Bürger den Konflikt "aufzulösen". Dabei ist die Wahrheit eine einfache Geschichte.
Leon de Winter in der Süddeutschen Zeitung vom 08.09.2010.
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie
Montag, 06.September 2010
Feigheit vor dem Wort
Das Wichtigste, sagte Willy Brandt in einer seiner letzten Reden, sei ihm immer die Freiheit gewesen. Er fügte hinzu: "Ohne Wenn und Aber."
Klaus von Dohnanyi zur Sarrazin-Debatte in Süddeutsche Zeitung vom 06.09.2010.
Freitag, 02.Juli 2010
Die Spitzentitel der Kandidaten
Heute wird in Berlin der neue Bundespräsident gewählt. Nach dem Motto „Sage mir, was du liest und ich sage dir, wer du bist“ haben wir einen letzten Lackmustest durchgeführt und herausgefunden, welches die Lieblingsromane der Kandidaten sind. Was die Antworten über Christian Wulff und Joachim Gauck verraten.
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„Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry ist das Buch für den Allesfühler und Jedenumarmer, das Buch, bei dem einem schon nach den ersten Seiten gemütlich-puschelige Wollsocken an den Füßen wachsen. Wenn Christian Wulff ins Schloß Bellevue einziehen sollte, könnte er den Amtseid auf sein Lieblingsbuch ablegen: Es ist die Bibel aller Weichstapler.
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Gaucks Lieblingsbuch erzählt von einem Mann, der erkennen muss, dass auch auf der richtigen Seite falsch gehandelt wird, sich in seinen Idealen aber nicht beirren lässt, der heroisch in einen aussichtslosen Kampf geht, weil er das Richtige tun will, auch wenn er weiß, dass am Ende nicht viel dabei herauskommen wird.
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Hubert Spiegel in der FAZ vom 30.06.2010.
Mittwoch, 30.Juni 2010
Ein offener Brief des CSU-Bundestagsabgeordneten Peter Gauweiler an den Bundespräsidenten a.D. Horst Köhler
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Der Bundespräsident ist auch der staatliche Hüter der Verfassung. Konnten Sie eine solche Aushöhlung des Stabilitäts- und Wachstumspaktes wirklich zwischen Freitagnacht und Samstagmorgen auf ihre Unbedenklichkeit ausreichend prüfen, wie es das Grundgesetz verlangt?
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Sonntag, 27.Juni 2010
Schweizer Imperialismus - Wir wollen Deutschland!
Eine Ohrfeige für Gaddafi: Während das libysche Staatsoberhaupt die Schweiz unter ihren Nachbarstaaten aufteilen will, planen konservative Politiker nun eine Vergrößerung des Alpenlandes.
Jürg Altwegg in der FAZ vom 25.06.2010.
Freitag, 18.Juni 2010
Der Große Legendenstreich - Martin Walser zu Köhlers Abschied
"Von den Medien Selbstaufklärung zu erwarten ist, wie das Sprichwort sagt, so aussichtsreich, wie Ziegeln die Röte abzuwaschen. Aber vielleicht stimmt ja alles, und Horst Köhler ist für diesen Hickhackbetrieb tatsächlich nicht simpel genug, also einfach zu fein. Was das für diesen unseren Betrieb bedeutet, ist leider kein Rätsel."
Martin Walser in der FAZ vom 16.06.2010
Mittwoch, 19.Mai 2010
Zurück zur EWG
"Es wäre schön, wenn man in den europäischen Mitgliedstaaten, die die Zeche zahlen müssen, jetzt ein Referendum abhalten würde. Zur Frage, ob die EWG ohne Euro nicht eine weit bessere Alternative für Frieden und Wohlstand in Europa wäre als die unter dem Euro stöhnende EU. Für die dann arbeitslosen Brüsseler Technokraten würde sich gewiss Beschäftigung als Kellner in griechischen Restaurants finden".
Essay von Leon de Winter im Spiegel.
Sonntag, 16.Mai 2010
Die Alternative
Ein Blick zurück aus dem Jahr 2013 - Philip Plickert versetzt sich in der FAZ ins Jahr 2013 und blickt zurück auf die aktuelle Krise.
"Keine Alternative? Leider hielt sich die Geschichte nicht an die Vorgaben der Politik, die eine Rettung Griechenlands und des Euro versprach und dafür bereit war, die Grundregeln des Euro-Vertrags zu brechen. Hinter der rissigen Fassade war vom ursprünglichen Währungskonzept von Maastricht nicht mehr viel übrig".
Freitag, 30.April 2010
Wir sind alle Kreter
Griechenland muss glaubwürdiger werden, heißt es jetzt überall. Schluss mit dem Geseufze: Wir sollten endlich damit beginnen, mit den Lebenslügen unserer Gesellschaft aufzuräumen.
Denn alle regen sich jetzt darüber auf, dass die Griechen gelogen haben.
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Doch die Aufregung ist selbst Teil der Lüge. Wir alle sind Kreter, jedenfalls, was das Lügen angeht, nicht so sehr in Sachen Selbstbezichtigung.
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„Nehmen Sie einer Durchschnittsgesellschaft die Lebenslüge, und Sie nehmen ihr zugleich die politische Ordnung“, könnte man Ibsen variieren.
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Zu diesen Lebenslügen gehört der ganze rhetorische Aufwand, den wir mit unseren Rationalitätsfiktionen treiben. Angeblich leben wir ja in einer Gesellschaft der permanenten Beobachtung und Überwachung, des unausgesetzten Evaluierens und Zertifizierens. Bezahlt werden die entsprechenden Agenturen jedenfalls. Angeblich leben wir auch in einer Wissensgesellschaft. War um lacht denn niemand, wenn solche Begriffe verwendet werden?
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Durch komplexe Überlegungen weisen wir nach, dass Schulden Investitionen in die Zukunft sind, dass Europa eine tolle Sache ist oder dass Flugbenzin, die Steigerung der Autoproduktion, Stand-by-Schaltungen und subventionierte Viehhaltung am Klimawandel nicht schuld sein können. Die Chinesen und die Amerikaner, seufzen wir, weil es uns die Regierung so vorgeseufzt hat, müssten sich endlich bewegen. Und Griechenland müsse glaubwürdig werden. So glaubwürdig wie wir, wie Banken, wie Talkmaster, wie ein Abiturzeugnis, wie Kanzlerinnen, wie Kreter.
Jürgen Kaube in der FAZ vom 28.04.2010.
Mittwoch, 21.April 2010
Der gefährlichste Mann in Amerika
„Man lernt etwas über seine Mitmenschen, das man gar nicht wissen wollte: Dass sie zwar zuhören, es verstehen und daraus lernen, aber dann weiter ignorieren.“
Daniel Ellsberg versorgte die Presse mit geheimen Dokumenten zum Vietnam-Krieg aus dem Regierungsstab Richard Nixons. Arte zeigt heute die schillernde Laufbahn dieses Antihelden.
Besprechung in der FAZ. Wiederholung in Arte am 24.04.2010 um 16:15 oder direkt bei Arte.
Montag, 05.April 2010
Humanismus ist ein Aberglaube
Der britische Philosoph John Gray über den Fortschrittsmythos, die Suche nach dem Sinn der Geschichte und den menschlichen Hang zur Selbstzerstörung.
Interview im Spiegel.
Dienstag, 09.März 2010
Einer wurde gewonnen
"Bei uns liegt viel Talent brach, weil man es nicht fördert. Es wird alles heruntergeschraubt auf Mittelmaß. Aber wenn man herausragende Persönlichkeiten will, dann muss man jemanden auch mal herausragen lassen, statt nur die Gemeinsamkeiten mit den anderen zu suchen."
Christoph Waltz in der Süddeutsche Zeitung.
Mittwoch, 03.März 2010
John Gray: Politik der Apokalypse
Die Politik des 20. Jahrhunderts ist ein Kapitel der Religionsgeschichte. Mit dieser Einsicht leitet John Gray seinen Abriss moderner politischer Ideen von der Antike bis in die Gegenwart ein. Furios und in verblüffender Evidenz stellt Gray dar, wie sehr sich islamische oder christliche Fundamentalisten und neoliberale Turbokapitalisten, die Jakobiner im Frankreich des späten 18. Jahrhunderts, die Nationalsozialisten und die US-amerikanische Bush-Regierung ähneln. Die von Utopien geschundene Welt lässt sich im 21. Jahrhundert nur noch durch eine globale Realpolitik vor dem Untergang bewahren.
Besprechung und Leseprobe beim Perlentaucher.
Donnerstag, 04.Februar 2010
Mehr Licht in Deutschland
Die deutsche Variante der Aufklärung wird im Ausland gern unterschätzt, falls sie überhaupt als kohärente Bewegung zur Kenntnis genommen wird. Im Lande selbst hatte sie lange eine schlechte Presse, denn es gab eine Tradition, bei der man dem Grundsatz klaren Selbstdenkens und individueller Freiheit "tiefere", "deutschere" Werte vorgezogen hat, mit schlimmen, auch politischen Folgen. T.J. Reed, intimer Kenner der deutschen Geistesgeschichte, zeichnet in einem großen historischen Essay die Geschichte der deutschen Aufklärung im europäischen Zusammenhang nach. Dabei erlaubt der "Blick von außen" auf Deutschland manch ungewöhnliche Akzentuierung. Doch Aufklärung ist für Reed kein bloß historisches Ereignis. Hier wurden die Grundlagen der modernen Gesellschaft formuliert, deren Anspruch bis in die Gegenwart gilt. (Klappentext)
Donnerstag, 26.November 2009
Mittwoch, 21.Oktober 2009
Philosophen zum Thema Wirtschaft
Zusammenfassung des amüsanten Streits zwischen Peter Sloterdijk und Axel Honneth in ZEIT und FAZ.
Freitag, 16.Oktober 2009
Samstag, 26.September 2009
Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen
Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“ sollen in diesem Herbst neu erscheinen. Die Streitbarkeit des Unpolitischen (FAZ)