Donnerstag, 17.Mai 2012

"Wenn dir die Zuversicht ausgeht, erfinde sie"

Vieles hat Sten Nadolny in diesem Roman auch über sich selbst geschrieben, wesentliche Lebensstationen dieses Weitling sind seine eigenen. Vor allem ist das Buch getragen von einer Liebe zu der Landschaft hier, zum See, den Menschen, einer Frau, die Astrid heißt. Ja, und von der Liebe zu einem Beruf, den man Schriftsteller nennt und der die permanente Möglichkeit der Selbsterfindung bietet. Ein Traumleben zu leben, neben dem eigenen. "Traumleben", so heißt auch der Großvater im Roman, dem der Enkel spät noch einmal begegnen darf und der ihn hört, als Einziger. Weil er etwas sieht, weil er etwas weiß, was andere nicht wissen: dass es ein anderes Leben gibt. Einen anderen Klang der Welt, neben diesem Rauschen der Gegenwart.
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Ein Schriftsteller geht noch einmal durch sein Leben. Sten Nadolny hat mit diesem Roman einen unglaublich poetischen, traurigen, liebevollen Möglichkeitsbericht seines eigenen Lebens geschrieben. Eine Bilanz voller Dankbarkeit und Angst und Staunen.
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Sten Nadolny erzählt von seinem Vater, von seinen Romanen, von dessen Lebenssatz: "Wenn dir die Zuversicht ausgeht, erfinde sie", hat er gesagt. Ein echter Nadolny-Satz.

VOLKER WEIDERMANN in der FAZ vom 13.05.2012 über das neue Buch von Sten Nadolny: "Weitlings Sommerfrische".

20:34 Uhr (Letzte Änderung: Donnerstag, 17.Mai 2012 20:42)
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie

Sonntag, 22.April 2012

Der Barbar

Fatalerweise liefert der Terminus »Barbar« das Paßwort, das den Zugang zu den Archiven des 20. Jahrhunderts öffnet.
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Es bezeichnet den Leistungsverächter, den Vandalen, den Statusleugner, den Ikonoklasten, den Verweigerer der Anerkennung für jede Art von Ranking-Regel und Hierarchie.
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Wer das 20. Jahrhundert verstehen will, muß stets den barbarischen Faktor im Auge behalten. Gerade für die jüngere Moderne war und blieb es typisch, eine Allianz zwischen Barbarei und Erfolg vor großem Publikum zuzulassen, anfangs mehr unter der Form von trampelhaftem Imperialismus, heute in den Kostümen der invasiven Vulgarität, die durch die Vehikel der Popularkultur in praktisch alle Bereiche vordringt.
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Daß die barbarische Position im Europa des 20. Jahrhunderts selbst unter den Vertretern der Hochkultur zeitweilig als wegweisend galt, bis hin zu einem Messianismus der Unbildung, ja einer Utopie des Neuanfangs auf der leeren Tafel der Ignoranz, illustriert das Ausmaß der Zivilisationskrise, die dieser Kontinent in den vergangenen einhundertfünzig Jahren durchlaufen hat - die Kulturrevolution nach unten inbegriffen, die in unseren Breiten das 20. Jahrhundert durchzieht und ihren Schatten auf das 21. Jahrhundert vorauswirft.

Peter Sloterdijk in seinem Buch "Du mußt dein Leben ändern".

11:17 Uhr (Letzte Änderung: Donnerstag, 17.Mai 2012 20:43)
Kategorien: Literatur, Philosophie, Politik, Psychologie

Sonntag, 15.April 2012

Das süße Nichtstun

Wer die Muße finden will, muss hart daran arbeiten. Das erfordert Charakterstärke.
„Die Idee der Muße ist ein Zustand entlastet von Zwecken außer sich selbst“, sagt der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa. „Das kann eine Tätigkeitsform sein, bei der man mit sich selbst vollkommen im Reinen ist – nicht gehetzt, aber auch nicht gelangweilt, herausgefordert, aber nicht überfordert.“ Ein Zustand also, in dem man einer Aktivität nachgeht, deren Anforderungen genau den eigenen Fähigkeiten entsprechen.
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Der Stellenwert, den wir heute der Erwerbsarbeit in unserem Leben einräumen, das Ausmaß, in dem wir uns auch im Privaten dem Diktat der Uhren unterwerfen: Das wäre den Menschen in vorindustrieller Zeit schlicht unverständlich erschienen. Ein Leben frei von Zwecken und Zwängen galt im Altertum als Ideal. Die Griechen nannten es scholé, wovon sich unsere inzwischen sehr zweckorientierte „Schule“ ableitet, die Römer verwendeten den Begriff otium.
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Erst die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs macht unentspannt
Auch das christliche Mittelalter erhob die Arbeit nicht zum Ideal. Die Zehn Gebote sagen nichts über sie – außer, wann sie zu ruhen habe: an den Feiertagen, die seinerzeit viel zahlreicher waren als heute. Habgier, Geiz, Gewinnstreben galten als Laster, beim Besuch gotischer Kathedralen blicken wir in ihre fratzenhaften Gesichter. In der ständischen Gesellschaft hatte jeder seinen gottgewollten Platz, das Konzept einer Karriere durch Leistung war noch nicht erfunden.
Der Stress begann, als die Idee von der Gleichheit aller Menschen aufkam. Wenn der französische Theoretiker Alexis de Tocqueville zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgerechnet Amerika als Vorreiter von Gleichmacherei und Freiheitsbedrohung brandmarkte, dann hatte er auch dies im Sinn: die allgemeine Geschäftigkeit, die durch die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs hervorgerufen wird, und die Unfreiheit, die sich aus der ständigen Zeitnot ergibt.
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Es erfordert Charakterstärke, sich auf die Muße einzulassen. „Man muss ziemlich viel mit sich anfangen können, wenn man aus dem Alltag des Berufslebens aussteigt“, sagt der Zeitforscher Karlheinz Geißler. „Man muss sich selbst genügen.“ Wer zur selbstbestimmten Muße finden wolle, der müsse erst durch die Langeweile hindurch.
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Wer sie angestrengt sucht, wird sie nicht finden.
Muße ist mehr als Nichtstun. Der Glücks- und Kreativitätsforscher Mihaly Csikszentmihalyi von der University of Chicago hat diesen ausbalancierten Zustand von Geist und Seele erforscht und mit seinen Konzept des „Flow“ die Wissenschaft nachhaltig beeinflusst. „Flow“ ist die Höchstform des Wohlgefühls, die ein Mensch erreichen kann. Es ist die Muße in Reinform. „Flow ist ein Gemütszustand, den wir erfahren, wenn wir in einer momentanen Tätigkeit vollkommen aufgehen“, sagt er. „Das Ego verschwindet, die Zeit fliegt. Jede Handlung, jede Bewegung und alle unsere Gedanken ergeben sich nur aus der vorangegangenen.“
Menschen vergessen den Hunger, die Müdigkeit, die Umwelt. Muße besteht nicht nur darin, die Zeit zu vergessen, sondern auch sich selbst. Dabei ist die Tätigkeit nicht ohne Ziel: ein Jazz-Stück komponieren, ein Bild malen, einen mathematischen Beweis führen. Muße ist ein Zustand maximaler menschlicher Konzentration, der erreicht wird, wenn man vollkommen aus seiner alltäglichen Realität heraustritt.

RALPH BOLLMANN UND INGE KLOEPFER in der FAZ vom 13.04.2012

17:02 Uhr (Letzte Änderung: Sonntag, 15.April 2012 17:06)
Kategorien: Literatur, Philosophie, Politik, Psychologie

Dämmern in der Stunde der Dämonen

Lang ist es her, dass man sich zu einer Siesta zurückzog, um für den zweiten Teil des Tages gerüstet zu sein. Sollte man darauf nicht zurückkommen? Thierry Paquot lobt den Mittagsschlaf als Widerstandsakt.
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Der Mittag ist also eine gefährliche Stunde, und wer in ihr wegdämmert und auf schläfrige Reisen geht, der tut das nicht so sehr um der Reproduktion seiner Arbeitskraft willen, sondern tendenziell, um die ganze Lebens- und Weltmaschine zu verlassen. Da wird dann quasi der Mittagsschlaf als Widerstandsakt vollzogen, und „Mittagsschlaf als Widerstand“ ist in der Tat das vorletzte Kapitel des Essays überschrieben.
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Nun verfügt allerdings Thierry Paquot, Philosoph und Professor am Institut für Urbanismus an der Université Paris 12, über ausreichend Ironie, um kein Manifest zu schreiben, auch wenn dieses Kapitel mit dem Aufruf endet: „Schläferinnen und Schläfer, schlaft am Mittag!“ Eine neue Empört-euch!-Welle soll aber durch dieses Buch nicht ausgelöst werden und wäre gewiss seinem Thema auch völlig unangemessen.
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Ganz zum Schluss gibt es unter der Überschrift „Kein letztes Wort“ eine wunderbare Paraphrase auf Georges Perecs „Je me souviens“, in der sich Paquot an eigene - und fremde - Augenblicke des Mittagsschlafs erinnert: „Ich erinnere mich an einen unbequemen Mittagsschlaf in einem überfüllten Minibus zwischen Douala und Yaoundé“, oder: „Ich erinnere mich an eine sinnliche Siesta zu zweit ...“ Das sind Epiphanien, Bilder, wie auch das Buch selbst sich unter anderem dem Kommentar von themenverwandten Bildern widmet, von Giorgiones und Tizians „Schlummernder Venus“ über Brueghel des Älteren „Schlaraffenland“ bis zu Delacroix’ „Frauen von Algier in ihrem Gemach“.

JOCHEN SCHIMMANG in der FAZ vom 10.04.2012 über Thierry Paquot: „Die Kunst des Mittagsschlafs“.

16:46 Uhr
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie

Sonntag, 01.April 2012

Jedem Foxtrott wohnt ein Zauber inne

Von der Verteidigung des Individuums gegen die Vermassung der Zeit: Hermann Hesse ist der Dichter der Stunde. Denn über die Krise des modernen Menschen hat uns keiner mehr zu sagen.
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So geht es vielen Menschen beim ersten Eintritt in die Hermann-Hesse-Welt: Die Begeisterung streckt einen nieder, raubt das Bewusstsein oder schraubt es in Sphären empor, von denen man vorher nicht einmal ahnte, dass es sie gibt. Es ist nicht Hesses Fehler, dass viele Leser sich später dieses ersten Rausches schämen, sobald sie mit - wie sie selbst meinen - hellem, klarem, stilistisch und zynisch aufgeklärtem Leseverstand zu der frühen Begeisterung zurückkehren wollen und dabei scheitern. Hesse selbst sah sich in der Zeit vor seinem Tod vor beinahe fünfzig Jahren von Spöttern und Kritikern umgeben, die in den Zeitungen seine angeblichen Kinderverse, seine Blumensprache und Gärtnerseele, seine ganze strohhuthafte Heiligkeit verhöhnten.
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Sein ganzes Werk ist ja eine Verteidigung des Individuums gegen die Vermassung der Zeit, gegen jedes Glücksversprechen, das zur Ideologie wird.
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Auch das unschuldigste Glücksversprechen wird zum Terror, sobald es ideologisch wird.
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„Diese schäbige, stets enttäuschende oder öde Wirklichkeit ist auf keine andre Weise zu ändern, als indem wir sie leugnen, indem wir zeigen, daß wir stärker sind als sie.“
Das war der Kampf des Hermann Hesse sein ganzes Dichterleben lang. Das war seine Mission und sein Selbstbewusstsein. Er habe schon längst allen ästhetischen Ehrgeiz aufgegeben, schrieb er einem seiner Kritiker, „ich schreibe keine Dichtung, sondern Bekenntnis, so wie ein Ertrinkender oder Vergifteter sich nicht mit seiner Frisur beschäftigt oder mit der Modulation seiner Stimme“.

VOLKER WEIDERMANN in der FAZ vom 26.03.2012 über die beiden Biographien, die jetzt zum fünfzigsten Todestag von Hermann Hesse erschienen sind, die eine von Heimo Schwilk beim Piper Verlag, die andere von Gunnar Decker bei Hanser.

19:02 Uhr
Kategorien: Literatur, Psychologie

Freier Denker

Literatur bedeutete für Antonio Tabucchi keinen Beruf, sondern eine Passion.
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Der Autor selbst gab an, seine Faszination fürs Lusitanische stamme von einem Bändchen des großen portugiesischen Autors Fernando Pessoa, welches er bei einer Zugreise beim Gare de Lyon in Paris zufällig in die Hände bekam und das ihn an den Tejo zog. Pessoa, der multipersonale Dichter der ertragreichen Vergeblichkeit, der klassizistischen Zertrümmerung der Wahrheiten und der eitlen Einsicht in die eigene Unwichtigkeit wurde für Jahrzehnte zum Leitstern Tabucchis. Er widmete ihm zwei literarhistorische Sammelbände und etliche Werke, die ästhetisch deutlich von Pessoas Kosmos geprägt sind. Dass dieser lange vergessene Schriftsteller heute zu den ganz großen europäischen Geistern gezählt wird, ist auch Tabucchis Verdienst.
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Erzählungen wie sein Erstling „Indisches Nachtstück“ oder „Die Frau von Porto Pim“ siedelte er mit einem Augenzwinkern in Richtung Joseph Conrad in einem exotischen Niemandsland des Begehrens und der Suche an. Was wie eine Nachforschung nach unerreichbaren Frauen oder verschollenen Seeleuten beginnt, erweist sich als eine Reflexion über das eigene, fragile Ich.
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Die portugiesische Stimmung der Saudade - die wonnige Nostalgie nach einem nie erreichten Glück, die Trauer über den Verlust eines nie regierten Reiches - verführten den homo politicus Tabucchi aber nie, die realen Herrschaftsverhältnisse aus den Augen zu verlieren.
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„Es wird immer später“ heißt sein Roman von 2001, der auch in Deutschland Erfolg hatte und schon im Titel von der müden Melancholie des Autors zeugt, die irgendwann nicht mehr nur gespielt war. „Und wenn Fernando Pessoa bloß so getan hätte, als sei er Fernando Pessoa?“, mutmaßt Tabucchi, der die schicksalhafte Camouflage als schreibender Imitator seiner selbst ein Leben lang würdevoll und mit großem ästhetischem Ertrag betrieben hat. An diesem Sonntag ist er nach langer Krankheit in Lissabon gestorben.

DIRK SCHÜMER in der FAZ vom 25.03.2012 zum Tod von Antonio Tabucchi.

18:52 Uhr
Kategorien: Literatur, Psychologie

Sonntag, 18.März 2012

Café Condé.

Auf der Ebene des Werks freilich ist die Wiederkunft ein Faktum: Die bittersüße Melodie der Erinnerung, die Aufladung der Pariser Topographie mit historischer und persönlicher Bedeutung, die ewige Suche nach dem anderen, die Trauerarbeit ob der immer schon verlorenen Zeit - all das kehrt von Roman zu Roman wieder. Seine Leserschaft liebt ihn dafür, Modiano selbst hingegen fürchtet die Wiederholung, wie er in Interviews mitgeteilt hat. Nicht ganz zu Unrecht: Auch "Im Café der verlorenen Jugend" ist einer jener schmalen Bände, die den Leser für einen Nachmittag ins Paris der Nachkriegsjahre entführen. Wie gewohnt bietet er nostalgisches Vergnügen ohne Reue - auch ohne Erschütterung.


NIKLAS BENDER in der FAZ vom 16.03.2012 über Patrick Modiano: "Im Café der verlorenen Jugend". Roman.

11:34 Uhr
Kategorien: Literatur, Psychologie

Sehnsucht des Kleinbürgers nach dem guten Leben.

Lolita in Flandern: Louis Paul Boon erzählt in seinem 1955 erstmals erschienenen Roman "Menuett" von der Sehnsucht des Kleinbürgers nach dem guten Leben.
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Boons ganzes Werk ist vom rigorosen Zweifel an der Humanität und Liebesfähigkeit der Menschen geprägt, überall sah er Brutalität, Elend und Hoffnungslosigkeit.
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"Jeder von uns ist eine Insel, von verräterischem Wasser umschlossen, und was wir alle zusammen erreicht haben, ist nichts als Zufall", lautet einer der letzten Sätze des Romans.
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Es ist die Fragilität des menschlichen Lebens selbst, die sein Erzähler betrauert, während ihm jeder Satz und jede Wahrnehmung zweifelhaft scheinen und als einzig lebendiger, hoffnungsvoll anarchischer Impuls das sexuelle Begehren bleibt.
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"Menuett" ist zweifellos Boons persönlichstes Buch.
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Das Leben erscheint ihm als leidenschaftliche Jagd, der stets ihr Gegenstand entrinnt, weil er zum größten Teil ein Sehnsuchtsbild im Kopf des Jägers ist und seinen kümmerlichen realen Rest die irdische Inbesitznahme längst zerstört hat.

NICOLE HENNEBERG in der FAZ vom 15.03.2012 über Louis Paul Boon: "Menuett". Roman.

11:19 Uhr
Kategorien: Literatur, Psychologie

Notendumping

Kompetenzorientierung, Bildungsstandards, Vergleichsarbeiten sind die modischen Zauberworte.
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Die Methoden angeblicher "Qualitätssicherung" des Unterrichts führen nicht zu mehr Wissen und Können, sondern kaschieren, dass Schüler immer weniger wissen und können.
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Seit dem "Pisa-Schock" wird behauptet, mit Bildungsstandards, kompetenzorientiertem Unterricht, Kerncurricula, Vergleichsarbeiten und zentralen Prüfungen bis hin zu Abiturstandards würde die Unterrichtsqualität verbessert.
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Doch von Jahr zu Jahr erhöht sich die Anzahl der Abiturienten mit der Traumnote 1,0 (oder besser) bei gleichzeitig gegen null sinkenden Durchfallquoten. Merkwürdig nur, dass die Stimmen aus Handwerk, Mittelstand und Universitäten nicht abreißen, die ein mangelndes und weiter sinkendes Qualifikationsniveau der Schulabsolventen beklagen.
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Sind das nur die Klagen der Ewiggestrigen, oder was geht hier vor?
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Eine erste Ernüchterung über die vermeintliche Lösung aller Bildungsprobleme durch "Kompetenzorientierung" ergab sich nach der an dieser Stelle vorgestellten Untersuchung zum Zentralabitur im Fach Biologie in Nordrhein-Westfalen: Unvorbereitete Neuntklässler hatten eine Abiturklausur problemlos bestanden. Das Geheimnis der ungeahnten Qualitätsexplosion? Alle Lösungen standen im Aufgabentext, man braucht nur "Lesekompetenz", um sie abzuschreiben.
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Wie Wissen und Können als Grundlage realer Bildung entstehen und wie dies im Unterricht zu erreichen ist, weiß man seit langem. Wieso lässt man Lehrern nicht die Freiheit dazu, und wieso flickt man weiter an den längst bröselnden Fassaden Potemkinscher Bildungsdörfer?

Hans Peter Klein und Jochen Krautz in der FAZ vom 15.03.2012.

Hans Peter Klein lehrt Didaktik der Biowissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und ist derzeit als Gastprofessor am College of New Jersey. Jochen Krautz lehrt Kunstpädagogik und Kunstdidaktik an der Alanus-Hochschule.

11:07 Uhr
Kategorien: Politik, Psychologie

Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen.

Am Ende sitzt auch Renate, aus allen Zusammenhängen, Bindungen und technischen Netzen herausgefallen, in einer Pension am Stadtrand von Samara und schreibt ihre Geschichte auf.
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„Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen“ ist ein meisterhaftes Abbild unserer Gesellschaft, das ihre Abgründe freilegt und dabei so spannend ist, dass es zugleich eine famose Selbstbehauptung ist in der Mediengesellschaft, deren Kräfte es auslotet. Wenn Schreiben auf diese Weise zum Mittel der Selbstversicherung wird, derweil alle anderen Gewissheiten weggebrochen sind, dann besteht Hoffnung.

WIEBKE POROMBKA in der FAZ vom 07.03.2012 über Thomas von Steinaecker: „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen.“ Roman. S. Fischer Verlag.

10:59 Uhr
Kategorien: Literatur, Philosophie, Politik, Psychologie

Mittwoch, 14.März 2012

We gamble and we just hope.

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Auch die Stillen, Nachdenklichen fürchteten, er sei dabei, die Regeln zu schleifen, die ihr Land groß gemacht hätten, die einfachen, harten Regeln der Siedler und Pioniere. In den Plains hörte ich drei Sätze immer wieder: Ich will keine Regierung, die mir sagt, wie ich leben, wirtschaften, vorsorgen soll. Ich will ein Leben auf eigene Faust, wie es meine Vorväter suchten, als sie in dieses Land kamen. Und ich will nicht für die sorgen, die nicht für sich selbst sorgen.
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<<Wissen Sie was? Wir spielen. Wir spielen und hoffen es geht gut.>>
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Die Spielernatur als süßes Geheimnis der puritanischen Ethik, das hatte mir noch niemand verraten, schon gar nicht so freimütig wie Carol in der Küche.
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Spielen und hoffen, Einsatz und Glück, darum ging es und bei ihr klang das Wort "hope" härter als in den Reden aus Washington, nicht so schwämerisch
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Wolfgang Büscher in seinem Buch "Hartland - Zu Fuß durch Amerika".

20:14 Uhr (Letzte Änderung: Mittwoch, 14.März 2012 20:18)
Kategorien: Literatur, Philosophie, Politik, Psychologie

Freitag, 09.März 2012

Windstille im Kopf

Seit etwa 60 Jahren setzen sich Gruppen mit dem Ziel zusammen, einen Sturm der Ideen in den Hirnen der Anwesenden zu entfachen. Fast genauso lange wissen Psychologen: Brainstorming hemmt die Kreativität, statt sie zu stimulieren. Warum bleibt die Methode trotzdem so populär?
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In vielen Studien haben Psychologen gezeigt, dass Gruppen per Brainstorming weniger und auch weniger gute Ideen produzieren als Menschen, die sich auf andere Art oder gar alleine Gedanken machen.
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Wohlfühlfaktor Gruppe
Menschen fühlen sich in Gruppen wohl - und dieses Gefühl übertragen sie auf die Arbeit einer Gemeinschaft: "Weil ich mich in der Gruppe gut gefühlt habe, fühlt sich auch das Ergebnis gut an", sagt Schulz-Hardt, "man kann die soziale Ebene und die Leistungsebene nicht mehr auseinanderhalten." Auch Stroebe hat festgestellt, dass ein Brainstorming dem sozialen Klima einer Gruppe guttut - außer in der Gruppe entsteht ein Konflikt über Ideen, was Unzufriedenheit unter den Brainstormern schürt.
Schließlich gilt doch das Osborn-Dogma: "Keine Kritik!" In der reinen Ideenfindungsphase sei das wahrscheinlich förderlich, sagt Schulz-Hardt. "Aber irgendwann müssen die Ideen ausgesiebt und bewertet werden - das geht nicht ohne Kritik." Eine Meinungsverschiedenheit habe also sogar positive Effekte für die Lösungsfindung.
Irgendwie ist das eine komische Sache mit diesem Brainstorming: Die Technik funktioniert nicht besonders gut, trotzdem lieben die Menschen sie. Und vor dem, was tatsächlich wirken würde - individuelle Arbeit sowie Kritik - scheuen sie zurück.

Sebastian Herrmann in der SZ vom 08.03.2012

20:00 Uhr (Letzte Änderung: Freitag, 09.März 2012 20:08)
Kategorien: Psychologie

Donnerstag, 01.März 2012

Gutgeschriebene Verluste

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Sein Lieblingsmotto kommt von Kierkegaard: "Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden." Im Rückspiegel tauchen dann zahlreiche Versäumnisse und Verfehlungen auf - Verluste, die gutgeschrieben werden wollen. Allem voran der notorisch verbummelte Lebenslauf. Seht ihn an, den Niemandsmann, "eingedreht in eine eschersche Selbstbezichtigungsspirale ohne Anfang und Ende, festgesessen in immergleichen Cafés".
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Am Anfang steht eine amüsante, menschenkundige Porträtgalerie der Dauergäste im Café Fler, diesem Schöneberger Reservat der "Übriggebliebenen", die noch im höheren Alter das ambulante Wohnzimmer dem familiären Heim vorziehen. Da sitzen sie, in gegenseitigem Respekt und tischferner Distanz,
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Das liest man gern, aber es ist nicht romanfüllend. So tritt nach fünfzig Seiten Ella ins Café: eine prächtige Lady im Abendkleid, dazu zwanzig Jahre jünger. Sie kann sich für den Erzähler erwärmen, diesen Langzeitsingle, der mit seiner Sechzigjährigkeit hadert und schon befürchtete, dass sein Liebesleben endgültig Schlagseite bekommt: von Eros zu Caritas.
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Nach kurzen Schüben des Glücks aber entwickelt sich daraus eine Beziehungskomödie der ständigen Verstimmungen. Der Prozess gegenseitiger Adaption, der zum Verlieben gehört, erweist sich als schwierig - sind im höheren Alter doch allerhand Marotten als "Zierleisten der Persönlichkeit" längst ausgebildet und lassen sich nicht einfach abschlagen. Der Autor ist auch im Leben ein Ironiker, sie dagegen eine Frau starker Gefühlsausbrüche. Ihre Bestätigungssucht und seine "mörderische Skepsis" ergeben ein veritables "Mismatch". Der "sich selbst zum Geistesmenschen erhebende Geringverdiener" ist nicht mehr zum gemeinsamen Nestbau zu überreden. Ella ihrerseits laboriert am Männerhass, seit sie mit ihrer Tochter von deren Erzeuger sitzengelassen und zur Alleinerziehenden gemacht wurde. Und so liegt bei aller Komik auch viel Melancholie über dem späten, mit feiner Psychologie ausgeleuchteten Liebesversuch.
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Cailloux schreibt die existentiellen "Verluste" gut, indem er gut über sie schreibt, mit einem wunderbar halbtrockenen Humor, der über manch peinlichen Abgrund hinweghilft. Das Buch lebt von seiner Sprache, seinem Parlando-Ton und einer Ironie, die nicht den Boden wegzieht, sondern stabilisierend wirkt, wo der Boden sehr dünn ist.

WOLFGANG SCHNEIDER in der FAZ vom 28.02 2012 über das Buch "Gutgeschriebene Verluste" von Bernd Cailloux.

14:37 Uhr (Letzte Änderung: Donnerstag, 01.März 2012 14:44)
Kategorien: Literatur, Psychologie

Erfolgswege

Mehrfach hatte Friedrich August von Hayek festgestellt, dass der freie Markt keine soziale Gerechtigkeit hervorbringt. Am Markt kann es fair zugehen, also nach Regeln, die für alle gelten, die Preise hingegen ergeben sich aus Angebot und Nachfrage. Der Arbeitslohn entspreche nicht der Leistung, die der Arbeiter erbringt, sondern sei besser zu verstehen als der Anreiz, eine bestimmte Stelle anzunehmen, nämlich dort, wo es ein geringes Angebot, aber eine hohe Nachfrage nach Arbeitskraft gibt. Das Leistungsprinzip, die Annahme, dass Leistung zum Erfolg führt, ist dann lediglich Überbau, der den Markt gerecht erscheinen lässt und somit legitimiert.

LEANDER STEINKOPF in der FAZ vom 29.02.2012

14:29 Uhr
Kategorien: Politik, Psychologie

Samstag, 11.Februar 2012

Demenz als Sabotage

Am Frühstückstisch gerät der Tag zum ersten Mal ins Stocken. Die alte Frau hat vergessen, was es mit dem Stückchen Butter auf sich hat, das sie zwischen Zeigefinger und Daumen hält. Erstaunt betrachtet sie es, bis der alte Mann, der ihr gegenübersitzt, auf den Teller deutet und ihr hilft, die Butter mit dem Messer auf dem aufgeschnittenen Brötchen zu verteilen. Als sie genussvoll den ersten Bissen nimmt, blinzelt sie ihn dankbar an. Doch der zarte Moment ist nur von kurzer Dauer. Die Frau hält inne, wendet den Blick ab und starrt leer aus dem Fenster. Ängstlich beobachtet der Mann die Frau, mit der er die längste Zeit seines Lebens verbracht hat: "Er hoffte, dass sie sich nicht jetzt, am Tisch, beim Frühstück, während des Essens einkotete. Daran konnte er sich einfach nicht gewöhnen."
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Damit ist der Rahmen abgesteckt: Péter Farkas erzählt in dem Roman "Acht Minuten" von einem älteren Ehepaar, dessen Alltag durch eine Demenzerkrankung bestimmt ist.
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Interessant ist, dass Farkas anders als andere Autoren bewusst auf eine verlässliche, vermeintlich "gesunde" Außenperspektive verzichtet. Sein Erzähler leidet ebenfalls unter ersten Anzeichen einer Demenz. Die Erinnerungen an das Leben als Akademiker, das er offenbar einst geführt hat, haben sich fast vollständig in Luft aufgelöst. Er ahnt, dass er genau wie seine Frau, die er täglich wäscht, anzieht und füttert, eines Tages ebenfalls sein Kurzzeitgedächtnis verlieren wird - und diesem Moment, in dem das Ich zerbricht, "wie eine Skulptur aus Sand", sieht er gerade erwartungsvoll entgegen.
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Eine der schönsten Stellen in dem Buch ist die, als zwei der "selbsternannten Aufseher" die Möbel in der Wohnung des Ehepaares umstellen, um vermeintlich einfachere, sicherere Wege zu schaffen - und dabei auch gleich die Betten an zwei gegenüberliegende Wände des Schlafzimmers rücken. In der folgenden Nacht wacht der Mann auf. "Schwankend, mit geschlossenen Augen" durchquert seine Frau das Zimmer, ihre Decke hinter sich herziehend, suchend und tastend, bis sie schließlich an seinem Bett angekommen ist, sich neben ihm auf die viel zu schmale Matratze legt und sich an ihn schmiegt. So wird die Liebe in Zeiten der staatlichen Pflegeversicherung noch einmal zum Akt der Rebellion: Péter Farkas hat einen berührenden und zugleich kämpferischen Roman über zwei Menschen geschrieben, die mit ihren "hutzligen Körpern" und ihrem "selbstvergessenen Glück" jenem gesellschaftlichen Normativ den Kampf ansagen, in dem das Alter insgesamt als chronische Krankheit erscheint.

KOLJA MENSING in der FAZ vom 09.02.2012 über das Buch "Acht Minuten" von Péter Farkas.

20:53 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 11.Februar 2012 20:59)
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie

Wozu lesen?

Unsere kulturelle Existenz verändert sich: Die seit langem angekündigte "visuelle Wende" findet gerade statt, vor allem dank der tragbaren Bildschirme. Erst mobile Bilder können die Menschen so recht einhüllen, ihre Sinnes- und Denkgewohnheiten verändern - ein flimmernder Kokon, der sich um uns legt, ob zu Tisch, im Zug oder im Bett. Im Licht technischer Evolution werden alte Medien neu betrachtet: In dem Moment, in dem das iPad seinen Siegeszug antritt, wird das Buch wortreich verabschiedet oder nostalgisch beschworen. Das gilt auch für die Kulturtechniken, die sich mit diesen Medien herausgebildet haben. Charles Dantzig wendet sich der ehrwürdigsten jener Techniken zu und stellt die Sinnfrage: "Wozu lesen?" So der Titel seines schönen Bandes, der gleich Dutzende Antworten gibt. Er bietet eine beiläufig-geistreiche Verteidigung des Schmökerns und ist - wie könnte es anders sein - eine anregende Lektüre.
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"Wozu lesen?" präsentiert Dantzig von seiner besten Seite: eine Gelegenheit für den deutschen Leser, sich mit einem Essayisten bekannt zu machen, der in seiner Jugend in einen Kessel mit Esprit gefallen sein muss.
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Aus geistigen Volten und maliziösem Frohsinn kristallisiert sich das Bild eines anspruchsvollen Anarchisten heraus: "Lektüre ist unvernünftig. Es gibt weitaus wichtigere Dinge, sagen die wichtigen Leute. Das stimmt. Und mit diesem Wissen lesen wir leise pfeifend weiter in den Büchern, die uns um eitlen Ruhm und nichtigen Reichtum bringen." Lesen hat andere Vorzüge: Es macht frei, es schafft "Unempfindlichkeit gegenüber den Dingen des Lebens". In Anlehnung an Prousts Erinnerungsmotiv setzt Dantzig die Lektüre als Ideal: "Lesen ist dieser Moment der Ewigkeit, den ein paar Einzelgänger miteinander teilen in einem immateriellen und etwas bizarren Raum, nämlich im Geiste." Hierin liegt sein Verdienst: Dantzig beschwört die Attraktivität einer diskreten Kulturerfahrung, ihre Leidenschaft, ihre Flüchtigkeit, ihre befreiende Wirkung.

NIKLAS BENDER in der FAZ vom 31.01.2012 über das Buch "Wozu lesen?" von Charles Dantzig.

20:45 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 11.Februar 2012 21:00)
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie

Reden können Menschen befreien

Je zynischer eine Gesellschaft wird, die wichtige politische Reden nur noch als Sonntagsreden wahrnimmt, je abgestumpfter sie auf Bekenntnisse und öffentliche Versprechungen reagiert, desto wichtiger ist es, daran zu erinnern, dass der Staat dort, wo er öffentlich redet oder reden lässt, im tiefsten Sinne des Wortes Gutes tun kann. Die öffentliche Rede ist fast der einzige Moment, wo das kalte Ungeheuer des Staates dem Bürger seine Seele zeigt.
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Wir, junge Redakteure dieser Zeitung, haben das erlebt. Diffus zwar, viel zu unbelehrt und in seiner ganzen Wirkung erst später wirklich begriffen, aber schon damals in seiner emotionalen Wucht unabweisbar. Am 8.Mai 1985 hielt Richard von Weizsäcker seine berühmte Rede zum Kriegsende. Dass sie wirkungsvoll, ja, historisch werden würde, war sofort klar.
...
Es war keine Woche später, als Marcel Reich-Ranicki in der Redaktionskonferenz diese Rede nicht nur lobte, wie nur er zu loben versteht. Nein, man spürte an ihm eine geradezu existentielle Erleichterung, keine Erlösung, aber ein wirkliches Aufatmen, und jeder, der mit ihm damals redete, bemerkte, dass Reich-Ranicki wirklich befreit wirkte.
...
Da sprach auch Richard von Weizsäcker, der nur wenige Monate vor Reich-Ranicki in einem anderen Stadtteil Berlins das Abitur gemacht hatte und nun im Namen Deutschlands um Vergebung bat.

FRANK SCHIRRMACHER in der FAZ vom 26.01.2012 über die Rede von Marcel Reich-Ranicki im Bundestag.

20:32 Uhr
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie

Sonntag, 29.Januar 2012

Ein Eichhörnchen auf Wanderschaft

Nico Bleutge hat Gyrdir Eliassons jüngsten Gedichtband und seinen gerade auf Deutsch erschienenen Roman "Ein Eichhörnchen auf Wanderschaft" gelesen und findet in beiden Büchern die gleiche Sinnlichkeit und gleitende Verbindung von Traumwelt und Realität. Im Roman, der 1987 im Original herauskam, verwandelt sich ein Junge in ein Eichhörnchen und durchlebt seine Ängste und Fantasien aus der Perspektive eines Tieres, erklärt der Rezensent. Die Märchen- und Traumelemente verbinden Eliasson mit großem Geschick mit der erzählten Realität, stellt der Rezensent eingenommen fest. Für ihn manifestieren sich in der Erzählweise des isländischen Autors "romantische Ideen", die er hier fortgeführt sieht. Mit der Übersetzung ins Deutsche durch Gert Kreutzer zeigt sich Bleutge zufrieden, weil er darin einen "eingängigen Ton" vernimmt, der in seinen Augen von solider Übersetzungsleistung zeugt.

Nico Bleutge in der SZ (Perlentaucher) vom 11.10.2011 über das Buch "Ein Eichhörnchen auf Wanderschaft" von Gyrdir Eliasson.

11:16 Uhr (Letzte Änderung: Sonntag, 29.Januar 2012 11:19)
Kategorien: Literatur, Psychologie

Sehnsucht

Ein "getriebener Reisender in Sachen Literatur" wurde Herman Bang genannt,
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Bangs Leben ist von Verlusten geprägt.
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Tine ist eine typische Bang-Figur: sensibel, einsam, voll Sehnsucht nach einem erfüllten Leben. Ihr steht eine vollkommen verständnislose Gesellschaft gegenüber, die solchen Menschen die Daseinsberechtigung verweigert.
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Zwar wurde der exzentrische Dichter schnell zum Inbegriff des blasierten, herausfordernden Dandys - aufden Fotos und Karikaturen in Lothar Müllers Überblick über Bangs Leben (der zum ersten Kennenlernen gut geeignet ist) können wir das studieren. Doch aus Sodom kam er nicht, noch weniger hat er Sodomitisches beschrieben. Bei kaum einem anderen Schriftsteller gibt es diese flirrende Melancholie, diese nervöse Atmosphäre, diese unstillbare Sehnsucht nach menschlicher Anerkennung. Seine Helden waren Frauen, weil Frauen seine weibliche Seite eben am besten verkörperten.
...
Sie haben ihre Idee von der Welt und vom Leben, sie haben ihre Sehnsucht, sie lassen nicht von ihr ab, aber diese Sehnsucht lässt auch nicht von ihnen ab. Sie sind in ihr gefangen. Es sind eigenwillige Frauen, aber nicht unbedingt starke, sie setzen ihren Willen ja nicht durch: Bangs Frauen nehmen sich das Leben wie Tine oder sterben an gebrochenem Herzen wie Katinka in "Am Weg". Gert Ueding nannte Herman Bang in dieser Zeitung einmal einen "Flaubert des Fin de Siècle".

PETER URBAN-HALLE in der FAZ vom 27.01.2012 über Herman Bang.

11:10 Uhr
Kategorien: Literatur, Psychologie

Montag, 16.Januar 2012

Lob der verbeulten Lebensläufe

Auf Wackwitz' eigenen Werdegang scheint Hegels schnaufender Realismus zuzutreffen: "Diese Kämpfe nun aber sind in der modernen Welt nichts Weiteres als die Lehrjahre, die Erziehung des Individuums an der vorhandenen Wirklichkeit." Doch das Ziel aller Bildung besteht für den Erzähler gerade in der Ziellosigkeit. So ist "Neue Menschen" zuletzt ein Trostbuch, ein Lob der verbeulten Lebensläufe. Der einzige, gleichsam spielerische Ausweg aus den Verführungen zur Teleologie besteht darin, die seit Augustinus in heiligem Eifer praktizierten Konversionen ausschließlich als performative Ereignisse zu zelebrieren, sie aus dem Leben in die Kunst zurückzuholen, ohne je zu einem Stillstand zu gelangen: "Wir machen weiter. Wir fangen immer noch einmal an (unsere Art von Romantik)."

OLIVER JUNGEN in der FAZ vom 21.11.2005 über das Buch "Neue Menschen" von Stephan Wackwitz.

21:31 Uhr
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie

Ein präsidiales Selbstmissverständnis

Die Abschaffung des Bürgers passt ganz ausgezeichnet zum Selbstbild einer politischen Klasse, die sich nicht als Teil eines demokratischen Gemeinwesens versteht, sondern vermutlich als so etwas wie Manager einer Bevölkerung, die man prinzipiell für infantil und wenig einsichtsfähig hält.
...
Denn in modernen, funktional differenzierten Gesellschaften lernen ihre Mitglieder, wie sie flexibel zwischen unterschiedlichsten Rollen hin- und herwechseln und diese zugleich sorgfältig auseinanderhalten können. Von einem Vater wird nicht dasselbe Verhalten erwartet wie von einem Liebhaber, einem Skatfreund, einem Wissenschaftler, einem Patienten in der Sprechstunde beim Arzt, einem Festredner oder einem Freizeitsportler - all dies kann man aber in einer Person sein.
...
Man geht nicht in der jeweiligen Rolle auf, sondern kann gerade aus der einen Rolle heraus kritisch betrachten, was man in der anderen zu tun gezwungen ist. Die meisten Bewohner moderner Gesellschaften können das, oft sind sie sogar zur Selbstironie fähig. Möglich, dass das Problem des Bundespräsidenten exakt an dieser Stelle liegt.
...
Von Charakterstärke zeugt die Strategie, immer gerade so viel zuzugeben, wie ohnehin schon heraus gekommen ist, auch im Privaten nicht, aber das würde einen nicht weiter interessieren, wenn man mit dieser Person nichts zu tun hätte.
Mit dem Bundespräsidenten hat man aber etwas zu tun.
...
Tatsächlich ist die ganze Angelegenheit so quälend, weil hier offenbar jemandem die Fähigkeit zur Rollendistanz abgeht. Man versteht dieses stoische Ertragen von Spott, Häme und Kritik nur dann, wenn einer keinen Unterschied zwischen seiner privaten Person und seiner funktionalen Rolle macht. Dann steht und fällt auch die Person mit dem Amt, und deshalb darf es nicht aufgegeben werden.
...
In seinem Fernsehinterview hat Christian Wulff gesagt: „Man ist Mensch, und man macht Fehler.“ Exakt dieser Satz offenbart sein Selbstmissverständnis. „Menschlich“ hat wahrscheinlich kaum jemand etwas gegen ihn; ich jedenfalls nicht, zumal ich ihn gar nicht kenne. Ich würde daher auch nie auf die Idee kommen, an ihn als private Person irgendeine Kritik zu richten. Er müsste nur als Bundespräsident zurücktreten.

HARALD WELZER in der FAZ vom 16.01.2012.

21:22 Uhr (Letzte Änderung: Montag, 16.Januar 2012 21:34)
Kategorien: Politik, Psychologie

Sonntag, 15.Januar 2012

Schulung

Die Vergesellschaftung durch Schulung, wie sie hierzulande geschieht, ist die Verdummung a priori, nach der kaum ein Lernen mehr Aussicht bietet, daß die Dinge irgendwann besser würden [...]. Im Grunde glaubt kein Mensch mehr, daß heutiges Lernen «Probleme» von morgen löst; fast sicher ist, daß es sie auslöst.

Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft Bd. 1, aus der Zitate Sammlung von Andreas Tenzer.

21:24 Uhr (Letzte Änderung: Sonntag, 15.Januar 2012 21:33)
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie

Dienstag, 13.Dezember 2011

Ron Wer?

Wäre er nicht in letzter Sekunde bei Apple ausgestiegen, könnte Ron Wayne heute ein sehr reicher Mann sein. In New York wird jetzt der Gründungsvertrag versteigert.
...
Ron Wer? Die Firma, deren Geschichte mit dem begnadeten Konstrukteur Steve Wozniak und dem begnadeten Verkäufer Steve Jobs beginnt, wurde am 1. April 1976 in der Wohnung von Ron Wayne mit einem Partnerschaftsvertrag gegründet.
...
Wayne arbeitete wie Jobs beim Spielehersteller Atari und sollte als erfahrener vierzigjähriger Ingenieur die Rolle des Schlichters übernehmen, wenn die sehr unterschiedlichen Steves aufeinanderprallten.
...
Elf Tage nach Abschluss des Vertrages bekam Wayne kalte Füße und bat um Auflösung, auch dieses Papier wird morgen versteigert. Wayne erhielt 2300 Dollar. Zehn Prozent an Apple sind heute dreißig Milliarden Dollar wert.
...
Nach seinem Ausstieg aus dem Apple-Abenteuer arbeitete Wayne bei Thor Electronics und am Lawrence Livermore Laboratory. Im Laufe seiner Karriere erhielt er neunzig Patente zugesprochen, doch keine einzige Erfindung brachte den Durchbruch. Heute lebt Wayne als Autor und Poet in Pertrumph in Nevada.

DETLEF BORCHERS in der FAZ vom 11.12.2011

21:58 Uhr (Letzte Änderung: Dienstag, 13.Dezember 2011 22:02)
Kategorien: Computer, Psychologie

Samstag, 03.Dezember 2011

Vom Ende einer Geschichte

...wendet er sich hier der Frage zu, wie viel von unserer Erinnerung im Grunde Selbsttäuschung ist, wie viel Menschen voneinander wissen können und welche Verantwortung ihnen mit diesem Wissen übertragen wird.
...
Was hier erzählt wird, ist das Kondensat eines Lebens, das ohne größere Amplituden geführt wurde und auf das sein Protagonist doch nur voll Reue, Wehmut und Scham zurückblicken kann.
...
„Vom Ende einer Geschichte“ ist eine ergreifende philosophische Reflexion über die seelischen Schäden, die selbst der vorsichtigste Mensch erleidet und die wir uns wissentlich oder unwissentlich zufügen, und darüber, wie wir mit diesen Beschädigungen umgehen, uns ihnen stellen, sie zu heilen oder zu verdrängen suchen.
...
„Es sollte uns doch klar sein, dass die Zeit nicht wie ein Fixativ wirkt, sondern wie ein Lösungsmittel.“

Felicitas von Lovenberg in der FAZ vom 02.12.2011 über das Buch "Vom Ende einer Geschichte" von Julian Barnes.

19:09 Uhr (Letzte Änderung: Sonntag, 04.Dezember 2011 11:01)
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie

Samstag, 26.November 2011

Melancholie der Egomanie

Es kennt keinen Sieger, dieses über siebzehn Runden währende Ringen zwischen Instinkt und Selbstentwurf, Letzteres zu verstehen als radikale Ich-Autarkie, als Ausscheren aus der Horde, weshalb der Preis auch das Arrangement mit der Vereinzelung zu sein scheint. Bedrohlich jedenfalls dämmert hinter den Figurenschicksalen in diesem klugen, feinsinnigen, ungeheuer verdichteten Erzählband die Entgesellschaftung herauf („das Wippen der Köpfe, jeder in seinem iPod-Takt“).

OLIVER JUNGEN in der FAZ vom 05.11.2011 über das Buchvon Ulrike Draesner: „Richtig liegen“. Geschichten in Paaren. Luchterhand Verlag, München 2011.

17:13 Uhr
Kategorien: Literatur, Psychologie

Mittwoch, 23.November 2011

Die Lüge von der Systemrelevanz.

Es gibt Äußerungen, die so erhellend sind, dass man sie sich merken muss. Am 3.Februar 1996 erklärte der damalige Präsident der Deutschen Bundesbank Hans Tietmeyer in Davos, er habe bisweilen den Eindruck, „dass sich die meisten Politiker immer noch nicht darüber im Klaren sind, wie sehr sie bereits heute unter der Kontrolle der Finanzmärkte stehen und sogar von diesen beherrscht werden“. Dies sollte keine Kritik sein, Tietmeyer stellte das bestätigend fest. Wo blieben die Proteste der Politiker? Wo blieb der Aufschrei der Öffentlichkeit?
...
Fünfzehn Jahre nach Tietmeyers wohl eher gedankenloser Einlassung meldeten sich deutsche Unternehmenschefs zu Wort. Der Vorstandsvorsitzende von Bosch, Franz Fehrenbach, beklagte im September, die Finanzmärkte seien wieder kurz davor, die Weltwirtschaft in eine neue Krise zu reißen; man könne in der Realwirtschaft schuften und machen – gegen die Spekulation komme man nicht an.
...
Er spricht sich ähnlich wie andere Manager für eine schärfere Regulierung der Banken aus und plädiert dafür, viele Finanztransaktionen zu verbieten, die nichts mehr mit realen Geschäften zu tun haben. Doch die Politik wagt es nicht, die Ausweitung des Kapitalmarktes zum Finanzcasino und die Vorherrschaft der Investmentbanker und Spekulanten in Frage zu stellen. Lobby und PR haben es geschafft, dass die Finanzindustrie sich ein besonders dickes Stück vom Volkseinkommen abschneiden konnte.
...
Wenn die Demokratie so in Not gerät, sucht man nach Rettungsankern. Vielleicht wacht das kritische Bürgertum in Deutschland doch noch einmal auf. Vielleicht melden sich die mit wirklicher Wertschöpfung beschäftigten Unternehmer lauter zu Wort. Ein Pakt gegen Zyniker, Spieler und Spekulanten, ein Pakt aller Werte schaffenden und an Werten orientierten Bürgerinnen und Bürger ist vonnöten. Er reicht von Wertkonservativen bis zur demokratischen Linken. Deren Auffassungsunterschiede sind angesichts der Bedrohung gering.

Albrecht Müller (Leiter des Planungsstabs unter den Kanzlern Brandt und Schmidt) in der FAZ vom 23.11.2011.

Heute ist er Herausgeber von www.NachDenkSeiten.de.

21:03 Uhr (Letzte Änderung: Donnerstag, 24.November 2011 21:07)
Kategorien: Politik, Psychologie

Trugbilder

Der Wunsch nach einem Trugbild ist immer auch eine Flucht vor den allzu aufdringlichen Originalen. So schnitzte Ovids Pygmalion seine berühmte Skulptur aus "Abscheu vor den Gebrechen, mit denen die Natur das weibliche Gemüt so überreich bedacht hat". Venus erhörte denn auch nicht seine Bitte nach einer Gefährtin, die dieser Elfenbeinstatuette ähnlich sehe, sondern verwandelte das Abwehrbild in eine Frau, die der Bildhauer ehelichen und die ihm einen Sohn gebären sollte.
...
Wer, wie Ovids Pygmalion, das selbstverfertigte Püppchen heiratet, kann eine wirkliche Ehe führen und einen echten Sohn zeugen. Wer, wie Diderots Pygmalion, mit allen Sinnen von seinem Trugbild absorbiert ist, erfährt sich selbst und seine Welt auf neue Weise. Die Pygmalionik ist sicher keine Lehre vom geglückten Leben, umfasst aber eine vielfältige Topik zu dem Kunst und Leben so produktiv ineinander verflechtenden Vermögen der Selbsttäuschung. Die Geschichte der Trugbilder, die Stoichita anhand gelehrter und beobachtungsreicher Einzelinterpretationen aufspannt, liest sich auch deswegen mit großem Vergnügen, weil sie ganz unberührt ist vom überspannten Ton der Apologeten oder Apokalyptiker der Simulation. Sie erinnert uns vielmehr daran, wie geübt wir im Umgang mit Trugbildern sind.

Ralph Ubl in der FAZ vom 23.11.2011 über das Buch "Der Pygmalion-Effekt" von Victor I. Stoichita.

20:37 Uhr (Letzte Änderung: Donnerstag, 24.November 2011 21:00)
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie

Für diejenigen, die poesiebegabt sind, ist Dichten gleichbedeutend mit Befreiung.

...erkennt die Aufklärungspsychiatrie im Melancholiker das Opfer einer von ihm selbst geschaffenen Wahnidee: Es ist diese Idee, die einem seelischen Fremdkörper gleich ein zerstörerisches Eigenleben führt und die es daher durch allerlei ärztliche Kunstgriffe und Überraschungseffekte auszuschalten gilt. Obwohl die therapeutischen Indikationen der Moderne endgültig mit den Theorien der "vorwissenschaftlichen" Epoche zu brechen scheinen, ortet Starobinski auch noch in ihnen Reste des älteren Substantialismus: "Die Psychiater geben von diesem Fremdkörper ein so konkretes, objektives, ,verdinglichtes' Bild, dass es Maßnahmen bedarf, die durchaus denjenigen ähneln, welche die Ärzte vergangener Zeiten gegen die schwarze Galle anwendeten."
...
Die Geschichte der Melancholiebehandlung erweist sich somit als eine Aneinanderreihung von therapeutischen Rezepten, die auf irrationalen und spekulativen Substanzvorstellungen fußen. Die positivistische Entzauberung dieser Vorstellungen führt jedoch nicht, im Sinne einer Fortschrittsgeschichte, zur Beherrschung der Krankheit mit exakten wissenschaftlichen Methoden: Angesichts der fortdauernden Unzugänglichkeit der an Depressionen leidenden Menschen kann sich die Medizin letztlich nur mit der Rolle bescheiden, ihnen einen "Hilfsdienst" anzubieten.
...
Wenn Starobinski etwa schreibt "pour ceux qui ont le don de poésie, la délivrance est poésie", übersetzt Oeschger weniger elegant, aber durchaus sinngemäß: "Für diejenigen, die poesiebegabt sind, ist Dichten gleichbedeutend mit Befreiung." In der neuen Version wird daraus: "Für die Mit-Poesie-Begabten ist Erleichterung Dichtung." Man kann nur hoffen, dass weitere Neuausgaben von Starobinskis medizinhistorischen Arbeiten in besseren Händen liegen werden.

Andreas Mayer in der FAZ vom 23.11.2011 über Jean Starobinskis "Geschichte der Melancholiebehandlung".

20:27 Uhr (Letzte Änderung: Donnerstag, 24.November 2011 21:06)
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie

Donnerstag, 10.November 2011

Gerechtfertigt zu sein, das war einmal das Wichtigste.

Die Universität Harvard hat Martin Walser eingeladen, eine Rede zum 9. November zu halten. Die Ansprache des Schriftstellers zielt ins Zentrum seines Selbstverständnisses.

Martin Walser in der FAZ vom 10.11.2011.

20:59 Uhr (Letzte Änderung: Donnerstag, 24.November 2011 21:06)
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie

Mittwoch, 02.November 2011

Papandreou tut das Richtige

Wer das Volk fragt, wird zur Bedrohung Europas. Das ist die Botschaft der Märkte und seit vierundzwanzig Stunden auch der Politik. Wir erleben den Kurssturz des Republikanischen.
...
Im Minutentakt las man am Dienstag, wie Banker und Politiker drohten und drohen, die Börsen brachen ein. Die Botschaft war eindeutig: Die Griechen müssten dumm sein, wenn sie ja sagten. Und Papandreou ein Hasardeur, weil er sie fragte. Doch ehe die Panik-Spirale des Schreckens sich weiter und weiter dreht, ist es gut, einen Schritt zurückzutreten, um klar zu sehen, was sich hier vor unser aller Augen abspielt. Es ist das Schauspiel einer Degeneration jener Werte und Überzeugungen, die einst in der Idee Europas verkörpert schienen.
...
Man muss nicht alle Beziehungen des Witzes zum Unterbewussten kennen, um zu verstehen, wie massiv gerade moralische Übereinkünfte der Nachkriegszeit im Namen einer höheren, einer finanzökonomischen Vernunft zerstört werden.
...
In Deutschland, wir erinnern uns, verstand man unter Demokratie noch vor wenigen Tagen den Parlamentsvorbehalt. Erzwungen von unserem obersten Gericht und begrüßt von allen Parteien. Deswegen musste sogar ein EU-Gipfel vertagt werden. Nichts ist davon für Griechenland noch gültig.
...
Es wird immer klarer, dass das, was Europa im Augenblick erlebt, keine Episode ist, sondern ein Machtkampf zwischen dem Primat des Ökonomischen und dem Primat des Politischen.

Frank Schirrmacher in seinem Artikel "Demokratie ist Ramsch", FAZ vom 01.11.2011

15:36 Uhr
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie

Freitag, 28.Oktober 2011

Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben.

Bastei Lübbe hat dem Frankfurter Eichborn-Verlag ein Kaufangebot unterbreitet. Beide Seiten sind euphorisch, obwohl aus der Fliege eine klitzekleine Mücke zu werden scheint.
...
Auch Stefan Lübbe freut sich über den möglichen Zuwachs aus Frankfurt, findet er doch, dass Lübbe und Eichborn gut zusammenpassten - „weil wir ähnliche Verlagsphilosophien haben“.
...
Bei wichtigen Entscheidungen, erzählte Stefan Lübbe einmal, verlasse er sich auf sein Bauchgefühl. Mit Eichborns Herbstprogramm verleibt er sich nun Welterklärungsbücher ein wie Katja Kullmanns Essay „Echtleben“, der Aufklärung in der Frage verspricht, „warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben“.

Sandra Kegel in der FAZ vom 26.10.2011.

Nils Minkmar in der FAZ vom 23.06.2011 über das Buch "Echtleben" von Katja Kullmann.

21:12 Uhr (Letzte Änderung: Freitag, 28.Oktober 2011 21:23)
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie

Montag, 19.September 2011

Der deutsche Donner

Das Christenthum - und das ist sein schönstes Verdienst - hat jene brutale germanische Kampflust einigermaßen besänftigt, konnte sie jedoch nicht zerstören, und wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwuth [.] Der Gedanke geht der That voraus, wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freylich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn Ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wißt: der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. Bey diesem Geräusche werden die Adler aus der Luft todt niederfallen, und die Löwen in der fernsten Wüste Afrikas werden die Schwänze einkneifen und sich in ihre königlichen Höhlen verkriechen. Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revoluzion nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte."

Heinrich Heine, "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland", 1834, Online-Text, Projekt Gutenberg-DE.

Im Jahre 1992, zur selben Zeit, als Bosnien in den Bürgerkrieg schlitterte, erschien das aus einem Essay hervorgegangene Buch "The End of History and the Last Man" (Das Ende der Geschichte) des Amerikaners Francis Fukuyama. Der damals vierzigjährige Politik-Professor aus Chicago vertrat die These, dass mit dem Kollaps des totalitären Sowjet-Imperiums und dem Sieg der liberalen westlichen Demokratien das Zeitalter der ideologischen, sozialen, kulturellen und realen Kriege abgeschlossen, das heißt, das Ende der Geschichte erreicht sei.
...
Fukuyamas Entwurf, der sich an Hegels Geschichtsphilosophie eines sich dialektisch entfaltenden Weltgeists orientiert, ist nicht lediglich die singuläre Fehleinschätzung eines naiven Utopisten. Sie spiegelt die Lebensrealität des durchschnittlichen westlichen Lohnintellektuellen. Dieser ist Teil eines kleinen, selbstreferentiellen, nach eigenen Ritualen sich verständigenden Milieus, das sich an Worten, Abstraktionen, kanonisierten Theorien nährt. Seine existentiellen Erschütterungen sind ausgebliebene Beförderungen, Buchverträge, Hypothekarzinserhöhungen, Kollegenneid, eine geheime Affäre mit einer Studentin, eine Prostataoperation. Der Lärm, das unübersichtliche Gewühl, die Phantasmen der übrigen Welt dringen kaum zu ihm vor. Sie liegen jenseits seiner Erfahrung, sein rationales Denksystem lässt nur die Wahrnehmung anderer rationaler Systeme zu. In scholastischer Manier Ideen und blutleere Begriffsarchitektur überschätzend, war es folgerichtig, dass die akademischen Auguren von jeder der epochalen Verwerfungen der letzten Jahrzehnte überrascht wurden.
...
Anders als die Ordnungsmodelle der Professoren ist die reale Welt chaotisch und ihre Zukunft nicht berechenbar. Die Geschichte gehorcht keiner immanenten Vernunft, sondern mäandert blind und planlos durch die Zeit, ein spektakulärer, verschwenderischer Umzug ohne Ziel oder höhere Absicht. Sie wird gemacht von Menschen, von hochintelligenten, sinnbedürftigen, moralbegabten, aber unzuverlässigen Wesen, die jederzeit imstande sind zu zerstören, was sie erschaffen haben, barocke Figuren, auf der einen Schulter ein Teufel, auf der anderen ein Engel. Der Bestand der Humangesellschaften ist nicht verankert in einem angeborenen, naturwüchsigen Set sozialer Verhaltensweisen oder in einem unverbrüchlichen göttlichen Sittenkodex, sondern hängt ab von fragilen, frei gewählten Regeln und Werten. Und so, wie Einzelne immer wieder die zivilisatorischen Gesetze brechen, können auch ganze Kollektive den Verlockungen der Allmacht, des Triumphs, des Endzeitrausches erliegen. Diese Einsicht zu ignorieren, führt im besten Fall zu intellektuellen Blamagen, wie Fukuyama erleben musste, im schlimmsten Fall aber zu gesellschaftlichen Katastrophen.

Eugen Sorg, "Die Lust am Bösen", 2011

20:21 Uhr (Letzte Änderung: Montag, 19.September 2011 20:32)
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie

Freitag, 16.September 2011

Ich will nur noch das machen, was ich kann.

„Das Spiel mit der Sprache und den Figuren, die ich bin“, sagt Semi, sein Alter Ego, nachdem er in der Theater-AG des Internats seine Aggressionen dämpfen gelernt hat, „schützt mich davor, zu morden.“
...
Das Theater, ..., ist der Abtritt, wo ich meine kleinbäuerlichen Komplexe als Realität verkaufe und dafür gefeiert werde.
...
Nur beim Hadern erinnert sich Pankraz noch an die Blankverse von Hölderlin und Shakespeare: „Verfluchtes Erbe, schreit er, verfluchter Zwang. Ich will der Knecht nicht sein von diesem alten Krempel, den ihr verfluchten Ahnen hier gebündelt habt. Ich hasse dieses Haus und diesen Heimatkram. Ich will heraus, heraus aus allem, was ich muss. Ich will nur noch das machen, was ich kann.“

Martin Halter in der FAZ vom 16.11.2011 über das Buch „Mittelreich“ von Josef Bierbichler.

20:21 Uhr
Kategorien: Literatur, Psychologie

Samstag, 03.September 2011

Die Welt auf Distanz halten

Wen sie liebt, wird sie in den Abgrund ziehen: Valeria Golino spielt in Giuseppe Piccionis "Giulia geht abends nie aus" eine Frau auf der Suche nach der Liebe als unbedingter Leidenschaft. Sie kollidiert mit einem Männertypus, der Katastrophen erzeugen muss.
...
Dieser Stärke-Schwäche-Kontrast charakterisiert nicht nur das Geschlechterverhältnis, sondern den dramatischen Bau der Welt. Die Frau agiert in der Arena des Lebens, also im Zentrum von Beunruhigung und Tragik. Der Mann driftet durchs Dasein und beschäftigt sich mit seinen Phantasmen.
...
Die Guido-Figur steht unter dem Bann fataler Liebesunfähigkeit. Sie variiert einen Männertypus des italienischen Kinos, den der Schriftsteller in Antonionis "La Notte" ideal verkörperte. Fellinis Drehbuchautor Ennio Flaiano - auf ihn gibt es bei Piccioni einen versteckten Hinweis - hat ihn immer wieder erforscht und geschildert. ... Er will sich die Welt auf Distanz halten, sein Getriebensein als künstlerische Kontemplation verklären. Er betrachtet Leben und Welt als Stoffsammlung für seine Phantasien und opfert sie ihnen. Meisterlich demonstriert Piccioni sein Verhängnis: Wo er zum Akteur wird, erzeugt er Katastrophen.

Rainer Gansera in der SZ vom 31.08.2011 über den Film "Giulia geht abends nie aus" von Giuseppe Piccioni.

15:58 Uhr
Kategorien: Film, Psychologie

Schöpferischer Nihilismus

"Schöpferischen Nihilismus, völlige Misanthropie", aber eben auch "aggressives Mitleid" hat er als Grundzüge seines Weltbilds bezeichnet.
...
Besonders die Weigerung des Autors, klar in Gut und Böse, Opfer und Täter zu unterscheiden und vielmehr auf den allem zugrunde liegenden menschlichen "Sadismus" zu bestehen, scheint Schneider von diesem Roman zu überzeugen.

Wolfgang Schneider in der FAZ vom 01.09.2011 über das Buch "Das heile Haus" von Willem Frederik Hermans. Auszüge der Besprechung bei perlentaucher.de.

15:44 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 03.September 2011 15:49)
Kategorien: Literatur, Psychologie

Mittwoch, 24.August 2011

Nüchternheit, Understatement, Selbstironie, Liebenswürdigkeit, Höflichkeit, Eloquenz - und, natürlich, Witz.

In jedem der raren Interviews,
...,
war irgendwann die Frage nach dem Tod gestellt worden, etwa im „SZ-Magazin“, das unverblümt von ihm wissen wollte, was einmal auf seinem Grabstein stehen solle. „Zweckmäßig wäre es“, antwortete er, „wenn der Name draufstünde.“ In dieser knappen Antwort auf eine Frage an der Grenze zur Unverschämtheit kondensiert sich viel vom Wesen des Mannes,
...,
den man gleichwohl nicht für harmlos halten sollte. Seine Diagnose, was unsere Zivilisation betrifft, ist schließlich vernichtend: Kommunikation jedweder Art ist ein aussichtsloses Unterfangen, hinter der scheinbaren Ordnung lauert Anarchie, und schon kleinste Details genügen, damit unsere bürgerliche Fassade zerfällt und den Menschen in seiner ganzen Lächerlichkeit preisgibt,
...

Jörg Thomann in der FAZ vom 24.08.2011

22:55 Uhr (Letzte Änderung: Sonntag, 04.Dezember 2011 11:03)
Kategorien: Film, Psychologie

Dienstag, 23.August 2011

dirty realism

Von geheimen Sehnsüchten, Tagträumen und Selbsttäuschung erzählt Tobias Wolff in seinen neuen Storys, von Einzelgängern und Eigenbrötlern, von notorischen Lügnern, missratenen Söhnen und missgünstigen Nachbarn. Die Weisheit eines ganzen Lebens und tiefe Menschenkenntnis sprechen aus diesen Erzählungen.

"Unsere Geschichte beginnt" von Tobias Wolff im Berlin Verlag

11:00 Uhr
Kategorien: Literatur, Psychologie

Inkompetenzkompensationskompetenz

...
Vor einiger Zeit berichtete der Journalist Felix Knoke bei Spiegel Online vom idiosynkratischen Umgang seines 71-jährigen Vaters mit dem Computer. Um eine Liste aller Dateien auf einer Diskette auszudrucken, ging der folgendermaßen vor: "Er öffnete die Diskette im Windows Explorer, machte ein Bildschirmfoto des ganzen Bildschirms, speicherte es in einem Bildbearbeitungsprogramm ab, importierte es in die Textverarbeitung Word, druckte es aus, scannte den Ausdruck im Scanner ein, ließ eine Texterkennung über das eingescannte Dokument laufen und wollte den so erzeugten Text dann wieder in Word bearbeiten, um das fertige Dokument auszudrucken und abzuheften."

Natürlich war das schrecklich umständlich, aber, das musste Knoke einräumen, von seinem Vater, dem Computer-Autodidakten, auch nicht falsch gedacht. Beim Philosophen Odo Marquard hat er dafür den Begriff der Inkompetenzkompensationskompetenz entlehnt. Laienhafte Lösungen, wie die seines Vaters wären demnach kein Scheitern, sondern zeugten "von Kreativität und Tatendrang bei begrenzten Ressourcen". So gesehen wäre dann aber auch in den Taktiken, mit denen sich die 90 Prozent Suchabstinenzler durch das Netz wurschteln, eine ganz eigene Weisheit verborgen.

Niklas Hofmann in Suedeutschen Zeitung vom 22.08.2011

10:52 Uhr
Kategorien: Computer, Psychologie

Dienstag, 16.August 2011

Alles wird gut

Der Computer kann wirklich alles.

21:48 Uhr
Kategorien: Computer, Psychologie

Sonntag, 14.August 2011

Political Correctness

Der Zweiundsiebzigjährige, der seit dem 20. April 2005 nicht mehr das Amt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten ausübt, das er vierzehn vorzügliche und segensreiche Jahre bekleidete und aus dem er von jüngeren, rasenderen, nach allen Seiten besinnungslos lospreschenden, dümmeren, längst gescheiterten Nachwuchsklembemberleshubern gemobbt und gebissen wurde, dieser ältere, aufrechte Herr, ein Expolitiker, erzielt gerade, was aktive Politiker gern immer erzielen würden, aber in ihrer rasenden Unruhe nie erreichen: wahre Wirkung.
...
In einem Interview hat er einmal bekannt, dass er das Leben nicht als einen sinnlosen Kreislauf empfinde, sondern als Bahn, „die auf ein Ziel ausgerichtet ist“. Bei seiner Verabschiedung vom Amt des Ministerpräsidenten meinte er, dass er seinen Rücktritt auch annehme „aus der Hand Gottes, denn er hat meinen Eingang bestimmt, und er bestimmt auch meinen Ausgang.“ So reden im politischen Geschäft normalerweise Heuchler oder Wahnsinnige. Erwin Teufel aber ist wohl der einzige Politiker, dem man den gläubigen Katholiken und die glaubensvolle Normalrede glaubt und abnimmt.
...
Der Spott der Grinser und karrieremachenden Stühlesäger vom Schlage eines Günther Oettinger, der jetzt in Brüssel den Energiekommissar mimt, war ihm gewiss. Darüber, dass Teufel jeden Sonntag nicht nur mit dem Gesangbuch, sondern dazu mit dem Liturgie-Buch (dem sogenannten „Schott“) zur Kirche geht; dass er nicht in der Ministerpräsidentenvilla auf der Stuttgarter Solitude residierte, sondern täglich von Spaichingen mit der Regionalbahn „ins G’schäft“ (zum Regieren) fuhr; dass er in seinem Regierungsbüro eine Dose Nivea als einzigen, sichtbaren Luxus sich leistete.

Gerhard Stadelmaier in der FAZ vom 09.08.2011.

12:12 Uhr
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie

Samstag, 23.Juli 2011

Ironie

Wie der amerikanische Kulturkritiker und Journalist David Denby und der Historiker Arthur Marvick darlegten, waren die frühen sechziger Jahre der letzte, wirklich »ernsthafte« Moment in der amerikanischen Kultur. Während sich mit dem beginnenden globalen Kulturaustausch, vor allem mit Europa, und mit der Blüte von künstlerischen und politischen Subkulturen in New York und anderswo - von revolutionären Entwicklungen in der Kunstwelt über experimentelle Theatergruppen, architektonische Think Tanks bis zum Beginn erster feministischer und Civil-Rights-Bewegungen Amerikas kulturelle Landschaft radikal veränderte, sich die Zirkulation von Ideen beschleunigte und so der mediale Bedarf an Neuem und Spektakulärem radikal anstieg, war zu diesem Zeitpunkt doch die Populärkultur noch nicht allumfassend inthronisiert, regierte das Fernsehen noch nicht den Alltag der amerikanischen Haushalte, war die amerikanische Gesellschaft noch nicht kollektiv mit den Auswirkungen des Vietnam-Kriegs beschäftigt. Entertainment-Konglomerate hatten noch keine Kontrolle über die Massenkultur.
Ironie war ein Modus der Aggression, der die Wissenden vom Rest der Gesellschaft trennte, und noch kein Begleitgeräusch der medialen Bildüberschwemmung.

Daniel Schreiber in dem Buch "Susan Sontag - Geist und Glamour", erschienen im Aufbau Verlag.

17:53 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 23.Juli 2011 17:56)
Kategorien: Literatur, Philosophie, Politik, Psychologie

Freitag, 08.Juli 2011

Shane Drinion

In David Foster Wallaces Romanfragment „The Pale King“, das im April im amerikanischen Verlag Little, Brown erschien, gibt es eine Figur, die sich, wenn alles mit rechten Dingen zuginge, als neue archetypische Figur in die Weltliteratur einfügen müsste.
...
Aber diese Figur wird wahrscheinlich übersehen werden, Shane Drinion wird sich zu den anderen Bewohnern des Romans gesellen. Denn er fügt sich mühelos unter seinen Gefährten ein, die ja alle in gewisser Hinsicht dasselbe Problem haben: Langeweile.
...
Während des Gesprächs beginnt Drinion leicht zu schweben. Das passiert ihm immer, wenn er vollkommen „immersed“, also versunken ist, es ist ihm gar nicht bewusst.
...
Sein Shane Drinion ist eine Art Anti-Bartleby. Melvilles Jahrhundertfigur verhält sich zur Welt vor allem durch ihre berühmt gewordene Zauberformel „I would prefer not to“. Mit seinem „Ich möchte lieber nicht“ schält der Kanzleischreiber Bartleby sich langsam aus der Welt heraus, bis er in planetarer Abgeschiedenheit und Nacktheit irgendwo in einem völlig unwichtigen Eck des Universums seine letzten Tage verbringt. Shane Drinions Zauberformel dagegen könnte lauten: „Is there some extra information I need to understand this?“, also: „Benötige ich noch irgendeine zusätzliche Information, um das hier zu verstehen?“
...
Nein, es ist tatsächlich der Zustand eines voll ausgelasteten Bewusstseins, Aufmerksamkeit und Sinn. Mehr geht tatsächlich nicht? Schrecklich: zu sehen, wozu man auf Erden als menschliches Ding verdammt ist.

Der Schriftsteller Clemens J. Setz über „The Pale King“ von David Foster Wallace in der FAZ vom 08.07.2011

20:01 Uhr
Kategorien: Literatur, Psychologie

Donnerstag, 07.Juli 2011

Das Cafe

Deshalb hat er als einzige Spezies dieser Erde das Café erfunden, das menschliche Substitut für das In-den-Bäumen-Hängen oder Auf-der-Weide-Liegen, Labsal der Zivilisation, eine Erfindung, die Gehrer angesichts seiner körperlichen Erschöpfung an diesem ersten Tag gerne in Anspruch nimmt. (Es ist erschreckend provisorisch, was uns vom Tier unterscheidet...)

Rolf Dobelli in seinem Roman "Und was machen Sie beruflich?".

19:10 Uhr (Letzte Änderung: Freitag, 08.Juli 2011 20:03)
Kategorien: Allgemein, Literatur, Psychologie

Samstag, 11.Juni 2011

Bequemlichkeit und Sehnsucht

Man kann Reisen, um anzukommen. Man kann aber auch Reisen, um wieder heimzukommen.
...
Das Fragezeichen ist für Cees Nooteboom das Zeichen des Reisenden. Jeder Reisende weiß, dass das Fragezeichen kein Widerhaken in der Seele des Heimkehrenden ist, nicht das schmerzliche Symbol des Scheiterns, sondern im Gegenteil die Garantie für einen neuen Aufbruch in die Welt. Denn käme man mit lauter Antworten statt Fragen zurück, mit letzten Erkenntnissen statt der Sehnsucht des ersten Mals, hätte man irgendwann keinen Grund mehr zu reisen. Und das ist nicht nur für Cees Nooteboom der größte denkbare Schrecken.
...
Nooteboom bleibt sich im „Schiffstagebuch“ treu. Sein Mantra lautet Selbstbeschränkung: „Die Welt gehört den anderen, du darfst sie dir ansehen, um sie besser zu verstehen – oder um dich selbst besser zu verstehen –, aber du kannst diese Welt nicht werden.“ Er ist kein Grübler auf Reisen, kein faustischer Intellektueller, der die inneren Zusammenhänge der Welt erkennen will. Das wäre für ihn anmaßend. Lieber relativiert er seine Betrachtungen immer wieder, indem er von sich selbst sagt, dass er immer ein Besucher auf Durchreise sei, denn „stets bleibt das unbekannt, was du gerade betrachtest“. So beschränkt er sich auf die Beschreibung des Fremden, die immer präzise, geschliffen, scharfsinnig und elegant, aber eben auch etwas flüchtig und anekdotisch ist.

Jakob Strobel y Serra in der FAZ vom 10.06.2011 über das Buch "Schiffstagebuch" von Cees Nooteboom.

16:48 Uhr
Kategorien: Literatur, Psychologie

Samstag, 04.Juni 2011

Warum Sie keine News konsumieren sollten

Dieser Text ist ein Gegengift gegen News. Er ist lang. Wenn Sie es schaffen, ihn zu Ende zu lesen, können Sie sich glücklich schätzen. Sie gehören noch nicht zu den News-Junkies, die so viel von dem Kurzfutter konsumieren, dass sie ihre Konzentrationsfähigkeit verloren haben. Halten Sie also durch. Entzugstherapien sind immer schwer. Diese ganz besonders.
...
Heute sind wir in Bezug auf News an dem Punkt, wo wir in Bezug auf Fast Food vor zwanzig Jahren standen.
...
Leben Sie ohne News. Klinken Sie sich aus. Löschen Sie die News-Apps und verkaufen Sie Ihren Fernseher.

Essay von Rolf Dobelli.

16:45 Uhr
Kategorien: Psychologie

Strada dello Studienrat

Gernhardt verspürt ein Abgrenzungsbedürfnis. Aber er gibt ihm nicht nach, indem er aufzählt, was ihn, den Veteranen, von den Neuankömmlingen unterscheidet, sondern er geht ihm auf den Grund, indem er die Gemeinsamkeiten benennt: „Es sind nicht ganz meine Kreise, doch meinen Kreisen nahe Kreise. Unsere Werte – Entdecken, Exclusivität, Simplizität – decken sich zum Teil, das entwertet meine Werte. Der Spiegeleffekt: So sehen mich die anderen möglicherweise ebenfalls. Die Feindseligkeit, die ich ihnen gegenüber empfinde, ist gegen mich selber gerichtet (auch) . . . Fazit: Richtig hassen kann man nur, was man kennt.“ Dann aber wechselt der Gedankengang unvermittelt in die Sphären der künstlerischen Produktion: „In alldem, was ich satirisch packen kann, steckt etwas von mir.“ Vier Jahre nach dieser Szene erscheint das Theaterstück mit dem geradezu sprichwörtlich gewordenen Titel: „Die Toscana-Therapie“.

Hubert Spiegel in der FAZ vom 03.06.2011 über das Buch „Toscana Mia“ von Robert Gernhardt.

16:28 Uhr
Kategorien: Literatur, Psychologie

Samstag, 28.Mai 2011

Das unperfekte, menschliche Selbst

In einer kürzlich erschienen Ausgabe des „New Yorker“ hat der Schriftsteller Jonathan Franzen einen Essay veröffentlicht, der eine bedrückende, sprachlos machende Auseinandersetzung mit dem Selbstmord seines Freundes, des amerikanischen Schriftstellers David Foster Wallace, ist.
...
Das Verstörende an seiner Existenz, so schreibt Franzen in dem Essay, sei der Umstand gewesen, dass Wallace den Narzissmus aus seinen Texten (“Everything and More“) zur eigenen Lebensmaxime stilisierte. David Foster Wallace habe in einem unstillbaren Drang nach Perfektion aufgehört, an sein unperfektes, menschliches Selbst zu glauben.
Der Rat, den uns Jonathan Franzen an die Hand gibt, ist zugleich ein Plädoyer für den Zauber unlösbarer Komplikationen, für alle Schwächen, Unvollständigkeiten und Lücken, die wir im täglichen Umgang mit uns selbst erfahren müssen. Wer dies zu akzeptieren lernt, kann Freiheit in ihren Grenzen gestalten und so mit Bescheidenheit der existentiellen Leere entgegenwirken. Und was der Schriftsteller da behauptet, bestätigen jetzt Soziologen mit fundierten Analysen.

Tomasz Kurianowicz rezensiert das Buch "Kreation und Depression" in der FAZ vom 23.05.2011.

16:09 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 04.Juni 2011 16:30)
Kategorien: Literatur, Psychologie

Sonntag, 22.Mai 2011

Die Arroganz der Depressiven

„Le Havre“ von Kaurismäki.

Wer von dem Finnen nichts Neues mehr erwartet hatte, sah sich getäuscht, obwohl „Le Havre“ ein typischer Kaurismäki ist: stilisiert bis zum fast völligen Stillstand, in blau und rot angemalten Sets gefilmt, die aussehen, als seien sie gerade aufgebaut worden – die Welt der kleinen Leute aus farbigen Bretterbuden.
...
Die Liebe, die Kaurismäki zu seinen Figuren zeigt, überwältigte auch das Publikum, das vor Begeisterung tobte.

„Melancholia“ von Lars von Trier.

In der Ouvertüre zeigt uns von Trier zu Klängen aus Wagners „Tristan“ einen Schlossgarten am Meer, Pferde, die durch die Landschaft galoppieren, eine Braut, die ihr Kleid und mit ihm das Unterholz, das sich in ihm verfangen hat, hinter sich herzieht. Im All kündigt sich eine Planetenkollision an, die Erde wird zerbersten. Und von Trier zeigt uns, was unmittelbar zuvor geschieht – wie Charlotte Gainsbourg mit einem Kind auf dem Arm in den Rasen sinkt, ebenso wie ein Pferd. Alles extrem verlangsamt und von einer bissigen Schönheit, in der, jedenfalls was den Filmemacher angeht, kein Schrecken liegt. Die Welt endet, na und?

Film Besprechnungen von Verena Lueken und Artikel von Andreas Kilb in der FAZ vom 19.05.2011 zum Fall Lars von Trier.

20:49 Uhr (Letzte Änderung: Sonntag, 22.Mai 2011 20:56)
Kategorien: Film, Philosophie, Psychologie

Samstag, 30.April 2011

Vergessen Sie Sudoku

Erst in jüngster Zeit habe die Forschung zu Kenntnis genommen, dass es zwischen dem jugendlichen Gehirn und Alzheimergefahr eine mittlere Lebensphase gibt, etwa zwischen 40 und 70 Jahren, in der das Gehirn einen ganz eigenen Charakter hat.
...
Nie ist der Mensch leistungsfähiger, ausgeglichener, glücklicher, ja weiser, als in diesem Lebensabschnitt.
...
Wir altern vor allem durch Kultur, schließt Strauch, durch unsere „Ideologie des Niedergangs“.
...
Das Gehirn im mittleren Alter ist für Strauch zugleich ein Gehirn auf der Kippe: Was wir im mittleren Alter tun, wird erhebliche Auswirkungen auf unsere kognitive Leistungsfähigkeit im hohen Alter haben.
...
Nur Aufgaben, die uns höchste Konzentration abverlangen, lassen uns im höheren Alter bei Kognitionstests besser abschneiden. Vergessen Sie also Sudoku, denn wer fit bleiben will, muss sein Gehirn richtig piesacken. Und vor allem verhindern, dass es mit zunehmendem Alter immer mehr auf Autopiloten umschaltet.

Manuela Lenzen in der FAZ vom 25.04.2011 über das Buch „Da geht noch was“ von Barbara Strauch.

15:22 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 30.April 2011 15:58)
Kategorien: Allgemein, Psychologie

Sonntag, 17.April 2011

Flachland

Flachland stellt die Relativität der Wirklichkeit schlechthin dar, und aus diesem Grunde möchte man wünschen, dass das Buch von jungen Menschen gelesen werde. Die Geschichte der Menschheit zeigt, dass es kaum eine mörderischere, despotischere Idee gibt als den Wahn einer "wirklichen" Wirklichkeit (womit natürlich die eigene Sicht gemeint ist), mit all den schrecklichen Folgen, die sich aus dieser wahnhaften Grundannahme dann streng logisch ableiten lassen. Die Fähigkeit, mit relativen Wahrheiten zu leben, mit Fragen, auf die es keine Antworten gibt, mit dem Wissen, nichts zu wissen, und mit den paradoxen Ungewissheiten der Existenz, dürfte dagegen das Wesen menschlicher Reife und der daraus folgenden Toleranz für andere sein.

Auszug aus dem Buch "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?" von Paul Watzlawick zu der Geschichte "Flachland" von Edwin A. Abbot.

15:43 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 30.April 2011 15:59)
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie

Samstag, 16.April 2011

Stresstest

Der Therapeut sagt: »Sie sollten an sich arbeiten«, der Patient zahlt, geht nachdenklich nach Hause und bleibt, wie er war. Kritik, Therapie, Stresstest, das sind alles moderne Mythen. Es funktioniert manchmal, gewiss, aber das tun Placebos auch. Meiner Meinung nach gibt es nur zwei wirklich wirksame Methoden, Betriebe zu verbessern, Fehlerquellen auszuschalten oder Abläufe zu optimieren. Methode eins besteht darin, Chef zu werden. Methode zwei ist, diesen Betrieb zu schließen.

Harald Martenstein über das Optimieren von Seelen, Betrieben, Atomkraftwerken in dem Artikel "Ich schlage 'Stresstest' als Wort des Jahres vor" in der ZEIT vom 15.04.2011.

15:11 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 30.April 2011 15:59)
Kategorien: Psychologie

Dienstag, 05.April 2011

Fukushima und die Deutschen

Sie nennen es Hysterie

Jodtabletten sind hierzulande nicht ausverkauft, und auch von Auswanderungen ist nichts bekannt. Wohl aber will eine Mehrheit der Deutschen die Atomkraftwerke abschalten - aus gutem Grund. Über Fukushima und die Deutschen, die sich gerade wie sehr vernünftige Menschen verhalten.
...
Denn Menschen schalten Atomkraftwerke ab, nicht weil sie im Dunkeln sitzen wollen, sondern weil sie wissen, dass nur das den notwendigen ökonomischen Handlungsdruck erzeugt, technologische Alternativen zu entwickeln. Man könnte erzählen, dass ein Land, aufgerüttelt durch den Schock, alles daransetzt, neue Erfindungen zu machen, die besten Köpfe zu gewinnen, Visionen zu verwirklichen, eine neue Gründerzeit zu befördern. Man könnte so erzählen, wie es das frühe zwanzigste Jahrhundert im stolzen und ungebrochenen Rückblick auf die Erfinderleistungen der Vergangenheit der Edison, Siemens und Benz tat: Sie alle hatten Geistesblitze, weil sie, zumindest meistens, der Welt etwas Gutes tun wollten. Viele Entdeckungen wurden nicht primär gemacht, weil Menschen Geld verdienen wollten, sondern weil sie ein Problem lösen wollten. Wer weiß, ob nicht irgendwo in irgendeinem Kinderkopf, der mitbekommt, dass die Gesellschaft nach Alternativen sucht, jetzt die Grundlagen dafür gelegt werden? Niemand weiß, ob diese Geschichte eines neuen Anfangs in allem gut endet, ob wir uns auf Risiken zubewegen, die heute keiner kennt. Doch dass die Kollateraleffekte größer sein könnten als die der Atomenergie, einschließlich des Endlagerproblems, ist bis zum Gegenbeweis höchst unglaubwürdig. Wer nennt das hysterisch? Nur die, die entmutigen wollen. In Wahrheit ist es genau das, was sehr vernünftige Leute tun würden.

Frank Schirrmacher in der FAZ vom 05.04.2011.

19:33 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 30.April 2011 16:00)
Kategorien: Politik, Psychologie

Samstag, 02.April 2011

Hilflosigkeit, Nichtwissen, Überforderung

Die Atomkatastrophe von Fukushima erschüttert die Technikgläubigkeit der Wissensgesellschaft - keiner weiß, was zu tun ist, wenn die Geräte versagen.
...
Man malt sich ein ausgeklügeltes System von Wenn-dann-Abläufen aus, jede Menge Technik, die auf Abruf steht, ein konsolidiertes Wissen darüber, was auf keinen Fall hilft und was auf jeden Fall, Heere von Spezialisten aus Physik, Informatik, Materialwissenschaft und Ingenieurwesen, die das Allerschlimmste verhindern, wenn das Schlimmste eingetreten ist, sowie internationale Abkommen über Hilfemaßnahmen.
...
„Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden“, sagt Mercier in „Dantons Tod“ bei Georg Büchner.
...
Das Unglück von Fukushima hat uns insofern die Augen geöffnet: für die aberwitzige Hilflosigkeit, für das unglaubliche Nichtwissen, die völlige Überforderung, die in unseren technologischen Phantasien so wenig vorgesehen war wie in den Mitteilungen über den Charakter der Atomwirtschaft. Die Gesellschaft - die „Wissensgesellschaft“! - entpuppt sich als Kind, das mit Geräten spielt, von denen es nicht weiß, was geschieht, wenn sie kaputtgehen.
...
In Japan, dem Erdbebenland, sei nicht das Unwahrscheinliche, sondern das Wahrscheinliche eingetreten, heißt es jetzt, auch wenn die Japaner das vorher wohl anders sahen. Und wenn hier ein Flieger in einen Atommeiler stürzen würde, wird man dann auch sagen, das Rhein-Main-Gebiet sei bekanntlich eine Hochfrequenzflugzone, Deutschland ein Verkehrsland, und insofern sei das Wahrscheinliche geschehen?
...
Die Wahrscheinlichkeit ist nicht gestiegen. Sie ist erkannt. Und die Hilflosigkeit auch.

Jürgen Kaube in der FAZ vom 01.04.2011.

15:08 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 02.April 2011 15:10)
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie

Donnerstag, 17.März 2011

Die Wiederkehr des Verdrängten

Es ist erstaunlich, in wie vielen Fragen, die ihre Selbsterhaltung betreffen, die Menschheit keinen Schritt vorankommt.
...
Wie kommt es aber, dass der Schrecken eintreten muss, um als möglich zu erscheinen? Wie kommt es, mit anderen Worten, dass denkenden Wesen erst die eingetretene Wirklichkeit ihre Möglichkeit erweist? Für die Bundeskanzlerin enthalten die Geschehnisse in Japan die Lehre, das für unmöglich Gehaltene könne sehr wohl eintreten. Doch wer hat es ernsthaft für unmöglich gehalten, dass ein Erdbeben ein Atomkraftwerk zerstören kann? Auch der Begriff „unmöglich“ kann nicht beliebig verwendet werden.
...
Insofern wäre erst eine Politik, die es wagte, jene Verzichte zu beziffern, die ein Leben ohne Kernenergie und die Komplettverfeuerung des Planeten bedeuten würde, etwas Neues, etwas Epochales.

Jürgen Kaube in der FAZ vom 17.03.2011 zur Atomkatastrophe in Japan.

20:11 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 30.April 2011 16:01)
Kategorien: Politik, Psychologie

Freitag, 11.März 2011

Über das gute Leben

Stattdessen tauchen ständig neue, lebensvergessene Dringlichkeiten auf: Wenn Prioritäten wie Sicherheit, Gesundheit und Kosteneffizienz oder der sogenannte „europäische Hochschulraum“ in der Kultur der Gegenwart als vermeintlich höchste Güter nach ganz oben drängen, dann werden Lebensqualitäten wie Bürgerrechte, soziale Absicherung, Genuss, Würde, Eleganz und Intellektualität meist ohne Zögern und ohne jede Diskussion geopfert. Unbescholtene Menschen werden bei Sicherheitskontrollen wie Verbrecher behandelt und bis auf die Socken durchsucht. Regierungen verbieten uns das Rauchen, als ob wir Minderjährige wären.
...
Wie Epikur fordert also auch Juvenal die Verdoppelung: Zum Leben genügt es nicht, bloß am Leben zu sein. Man muss auf lebendige Weise lebendig sein. Wenn man hingegen die Gründe zum Leben verliert, um das nackte Leben zu bewahren, dann ist das, was übrigbleibt, eben kein Leben mehr, sondern ein Dahinvegetieren von lebenden Toten.

Robert Pfaller in der FAZ vom 07.03.2011 über sein Buch „Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie“. Weitere Besprechung in der FAZ vom 25.03.2011 von Daniel Grinsted.

11:49 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 30.April 2011 16:02)
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie

Sonntag, 06.März 2011

Er kannte hundert Eichhörnchen persönlich

Sich forschend vom Hundertsten ins Tausendste bewegen
...
Ein lebenskluges Buch über die Poesie des Sammelns: Fredrik Sjöbergs faszinierender Essay rankt sich um das Leben von Gustaf Eisen, einem vergessenen Universalgenie, mit dem er die Welt entdeckt.

Michael Adrian in der FAZ vom 04.03.2011 über das Buch "Der Rosinenkönig" von Fredrik Sjöberg.

13:48 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 30.April 2011 16:02)
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie

Montag, 21.Februar 2011

Eugen Sorg: Die Lust am Bösen

Eugen Sorg ist Kriegsreporter. Er sieht die Gewaltexzesse im zerfallenen Jugoslawien und stellt sich die Frage, warum wir uns ständig bemühen, dem Bösen den Stachel der Schuld zu ziehen. Weshalb gibt es für jeden Amoklauf, für jeden Mord, für jedes Attentat immer eine biographische oder gesellschaftspolitische Entschuldigung? Und in der Tat: Das triumphierende Grinsen von SS-Soldaten nach einem gerade vollbrachtem Massenmord, wie es auf Fotografien aus dem Zweiten Weltkrieg zu sehen ist, gibt durchaus Grund zu der Annahme, dass das Böse im Menschen lediglich auf einen willkommenen Anlass wartet, hervorzubrechen - und also durchaus nicht einfach das Produkt einer zutiefst ungerechten Welt ist, die den Menschen erst böse macht.

Svenja Flaßpöhler in Deutschland Radio. Besprechung des Buchs Die Lust am Bösen von Eugen Sorg.

19:53 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 30.April 2011 16:02)
Kategorien: Literatur, Psychologie

Freitag, 21.Januar 2011

Weniger Strom!

Noch ein neues, innovatives Produkt.

19:16 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 30.April 2011 16:03)
Kategorien: Allgemein, Computer, Psychologie

Mittwoch, 19.Januar 2011

Das Gespenst des Kapitals

Jemand, der eine Ware nicht hat, sie weder erwartet oder haben will, verkauft diese Ware an jemanden, der diese Ware ebenso wenig erwartet oder haben will und sie auch tatsächlich nicht bekommt.
...
Das bis dahin gültige Abkommen von Bretton Woods (1944), das den amerikanischen Dollar an die Umtauschrelation zum Gold koppelte, wird 1973 aufgekündigt. Dieser Schnitt, den Vogl als Demarkationslinie und Entstehungsgrundlage der ökonomischen condition postmoderne ausmacht, ist die Prämisse für ein Finanzverständnis, das „ein Regime flottierender Signifikanten ohne Anker und Maß, ohne die Sicherung durch ein transzendentales Signifikat“ etabliert.

Tomasz Kurianowicz in der FAZ vom 21.01.2011. Buch von Joseph Vogl: "Das Gespenst des Kapitals".

20:01 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 30.April 2011 16:03)
Kategorien: Politik, Psychologie

Mittwoch, 22.Dezember 2010

"homo aspergerus" - Das Weltbild von Wikileaks

Am liebsten ordentlich und einsam.
...
Die eindeutige Lesbarkeit der Welt ist ein alter Menschheitstraum. Gegenwärtig wird er über die Plattform Wikileaks neu verhandelt. Julian Assange und seine Jünger sind dabei so etwas wie die autistischen Heimarbeiter der Transparenz.
Artikel in der FAZ  vom 22.12.2010 von Nicole Karafyllis.
18:36 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 30.April 2011 16:03)
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie

"homo aspergerus" - Der autistische Messias

Von medizinischer Seite wird das Asperger-Syndrom meist als „leichte Form des Autismus“ klassifiziert. Jetzt erklärt ein im Internet veröffentlichter Artikel diesen Mangel zu einer positiven Mutation: eine neue Übermenschenlehre.
Artikel in der FAZ vom 13.03.2006.
18:29 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 30.April 2011 16:03)
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie

Ästhetik des Bösen

Die Weltliteratur ist böse dran
...
Nur die Kunst im Sinn? Das kann finster enden: Eine mächtige Studie erklärt, wie das Böse in die Literatur gerät. Trotz teuflischer Zitierwut ist Peter-André Alt ein beachtliches Werk über die Ästhetik des Bösen gelungen.

Artikel in der FAZ vom 02.10.2010 von Rolf Dähn.

18:20 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 30.April 2011 16:03)
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie

Montag, 13.Dezember 2010

In Berlin wird der "Pfeifenraucher des Jahres" gekürt

"Schon Nietzsche, einer von Safranskis Porträtierten, hat gesagt, dass nach dem Tod Gottes die Gesundheit sich zu einer Göttin erhebe. Wenn es einen höheren Sinn des Lebens gäbe, der über das reine Überleben hinausginge, könnte die Gesundheit nicht derart zum Götzen werden. In einer Gesellschaft aber, die Gesundheit zur Religion erhoben hat, wird der Raucher immer tiefer in seine Ghettos gedrängt. Sie heißen Raucherclub, Bürgersteig oder eigene vier Wände."

Bericht im Spiegel (48/2010).

18:42 Uhr (Letzte Änderung: Montag, 13.Dezember 2010 18:47)
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie

Macht und Geld

"Eine wahre Elite würde eine Stellung über den Klassen, Interessen, Leidenschaften, Bosheiten und Torheiten der Menschen einnehmen. Sie würde sich auszeichnen durch ein exemplarisches und langsam reifendes Leben der entsagungsvollen Leistung für das Ganze, der unantastbaren Integrität und (...) durch unerschütterlichen Mut im Eintreten für das Wahre und Rechte."
Wilhelm Röpke, Nationalökonom

Klingt wie aus einem Märchen, stammt aber aus dem Buch “Gestatten: Elite - Auf den Spuren der Mächtigen von morgen“ von Julia Friedrichs.

Rezension in der FAZ vom 24.02.2008.

18:30 Uhr
Kategorien: Politik, Psychologie

Dienstag, 26.Oktober 2010

Tilda Swinton: Es ist sehr gesund zu wissen, wie einsam wir sind.

Das Ideal der wahren Liebe begegnet uns überall. Wir sind doch alle irgendwie angehalten, nach wahrer Liebe und Leidenschaft zu suchen und den einen richtigen Partner zu finden. Sobald dann die Routine einkehrt oder irgendetwas dem Ideal zuwiderläuft, trennen sich die Leute. Und die Scheidungsraten gehen hoch.

So habe ich das nie gesehen. Dieses Ideal der romantischen Liebe, von dem Sie sprechen und das uns überall verkauft wird, ist nicht die Art von Liebe, die Regisseur Luca Guadagnino und ich thematisieren. Uns geht es um das Gegenteil. Nicht um Einheit, sondern um absolute Ehrlichkeit, was bedeutet, die geliebte Person nicht verändern zu wollen, sondern sie bis in die kleinste Facette ihrer Identität zu akzeptieren. Wenn also Emma am Ende des Films ihrem Ehemann ihre Lage schildert, und er sagt: Du existierst nicht - ist das Liebe? Wenn er sagen würde: Ich sehe dich, ich halte dich in dieser Situation, so bist du, und ich akzeptiere das - das wäre Liebe.

Was hat Liebe mit Einsamkeit zu tun?
Alles. Die Akzeptanz der eigenen Einsamkeit ist die Voraussetzung, um einen anderen wirklich zu lieben. Wenn wir diese Einsamkeit jemandem zeigen, der sie wiederum sieht und akzeptiert, ohne uns davon abbringen zu wollen, und wenn der andere uns seine Einsamkeit zeigt - das birgt die Chance einer wirklich liebenden Beziehung.

Es geht also nicht darum, Einsamkeit zu überwinden?
Einsamkeit ist keine Option, sie ist ein Fakt. Wir sterben alle allein. Das wäre sonst wieder dieses romantische Ideal des Eins-Seins, das uns verkauft wird, als müssten wir nur den Richtigen finden, um nie wieder allein zu sein. Ich halte das für Fiktion. Und für eine Verschwendung einer existentialistischen Wahrheit. Es ist sehr gesund zu wissen, wie einsam wir sind.

Ist das Ihre Erfahrung?
Die liebevollsten Beziehungen in meinem Leben - und davon gibt es viele - habe ich zu Menschen, die sich ihrer Einsamkeit bewusst sind und keine Angst davor haben. So können wir uns wunderbar Gesellschaft leisten. Es ist ein guter Weg, um gute Freunde zu finden.
Julia Schaaf in der FAZ vom 23.10.2010.
15:56 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 30.April 2011 16:05)
Kategorien: Film, Psychologie

Samstag, 02.Oktober 2010

Lesen ist nicht genug

Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ ist ein klassischer Bildungsroman: Mittelbegabter, fauler Junge entdeckt die Literatur und rettet sich selbst. Jetzt verachtet er alle, die nicht so geworden sind wie er.

Sarrazin hängt der großen sozialdemokratischen Erzählung vom Aufstieg durch Lektüre an. So verliebt ist er in diese Geschichte, die auch seine Geschichte ist, dass er so gut wie alle Zeichen einer globalisierten und unübersichtlichen Gegenwart als Unheilsbringer sieht. Er ist ein moderner Faust: Um den schönen historischen Augenblick zu bewahren, würde er einen Pakt mit dem Teufel eingehen.

Nils Minkmar in der FAZ  vom 21.09.2010

16:51 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 30.April 2011 16:05)
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie

Samstag, 11.September 2010

Die wahre Geschichte über Thilo S.

... und wie immer ist die Deutsche Bahn daran schuld.

Seit Wochen versuchen Wissenschaftler, Politiker und Bürger den Konflikt "aufzulösen". Dabei ist die Wahrheit eine einfache Geschichte.

Leon de Winter in der Süddeutschen Zeitung vom 08.09.2010.

15:34 Uhr (Letzte Änderung: Samstag, 11.September 2010 15:45)
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie

Dienstag, 31.August 2010

Der Himmel ist kein Ort

Roman von Dieter Wellershof im Verlag Kiepenheuer & Witsch.
"Die kühle Prosa der Enttäuschung macht ihm derzeit in Deutschland keiner nach."
Andreas Kilb in der FAZ vom 09.10.2009.
19:31 Uhr (Letzte Änderung: Dienstag, 31.August 2010 19:45)
Kategorien: Literatur, Psychologie

Nichts, was man fürchten müsste

Roman von Julian Barnes im Verlag Kiepenheuer & Witsch.
„Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn“, ist zum Beispiel so eine Idee von Julian und zugleich der erste Satz seines Buchs. „Sentimentaler Quatsch“, sagt Jonathan dazu. „Ich kann ja nachvollziehen, warum jemand so etwas sagt (setz für 'Götter' mal versuchsweise 'Dodos' oder 'Yetis' ein), aber ich für meinen Teil bin mit der Lage der Dinge ganz zufrieden.“
Tobias Rüther in der FAZ vom 03.04.2010.
19:07 Uhr (Letzte Änderung: Dienstag, 31.August 2010 19:45)
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie

Montag, 12.Juli 2010

"Stil ist das Einzige im Leben, das bleibt"

Kaum einer verkörpert exzessive Charaktere so beunruhigend wie John Malkovich. Jetzt macht der Schauspieler Männermode. Ein Gespräch über Stil und Schönheit, über die Faszination des Bösen und die Bürden eines Lebens unterwegs.

...
Sie scheinen es sehr ernst zu nehmen. Sie kümmern sich von den Entwürfen bis zur Korrektur der Prototypen um viele Dinge selbst.
Ich nehme eigentlich gar nichts ernst.
...
Sind Sie so eitel wie der Malkovich in „Being John Malkovich“?
Eitelkeit ist mehr etwas für junge Menschen. Ich will nicht wie ein Stadtstreicher aussehen. Aber ich bin, wie ich bin, und daran habe ich mich gewöhnt.
...
Was ist für Sie Stil?
Stil ist das Einzige im Leben, das bleibt. Man heiratet, man wird geschieden. Man verdient erst hiermit, dann damit Geld. Stil ist etwas Konstantes. Das kann Kleidung einschließen, gewisse Äußerlichkeiten. Aber eigentlich bezeichnet Stil die Art und Weise, wie wir uns durch die Welt bewegen.
...
Lassen Sie mich meine Frage noch einmal anders formulieren: Ist die Eindeutigkeit, das Zeitlose von Stil und Ästhetik für Sie ein Gegengewicht zur menschlichen Ambivalenz?
Auf jeden Fall.
...
Das übersteigt die Ambivalenz.
Und die Banalität des täglichen Lebens, seine Vulgarität, seine nervtötende Blödheit.

Julia Schaaf in der FAZ vom 12.07.2010.

18:18 Uhr (Letzte Änderung: Montag, 12.Juli 2010 18:19)
Kategorien: Film, Philosophie, Psychologie

Freitag, 02.Juli 2010

Die Spitzentitel der Kandidaten

Heute wird in Berlin der neue Bundespräsident gewählt. Nach dem Motto „Sage mir, was du liest und ich sage dir, wer du bist“ haben wir einen letzten Lackmustest durchgeführt und herausgefunden, welches die Lieblingsromane der Kandidaten sind. Was die Antworten über Christian Wulff und Joachim Gauck verraten.
...
„Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry ist das Buch für den Allesfühler und Jedenumarmer, das Buch, bei dem einem schon nach den ersten Seiten gemütlich-puschelige Wollsocken an den Füßen wachsen. Wenn Christian Wulff ins Schloß Bellevue einziehen sollte, könnte er den Amtseid auf sein Lieblingsbuch ablegen: Es ist die Bibel aller Weichstapler.
...
Gaucks Lieblingsbuch erzählt von einem Mann, der erkennen muss, dass auch auf der richtigen Seite falsch gehandelt wird, sich in seinen Idealen aber nicht beirren lässt, der heroisch in einen aussichtslosen Kampf geht, weil er das Richtige tun will, auch wenn er weiß, dass am Ende nicht viel dabei herauskommen wird.
...

Hubert Spiegel in der FAZ vom 30.06.2010.

18:48 Uhr
Kategorien: Politik, Psychologie

Sonntag, 16.Mai 2010

Die Alternative

Ein Blick zurück aus dem Jahr 2013 - Philip Plickert versetzt sich in der FAZ ins Jahr 2013 und blickt zurück auf die aktuelle Krise.

"Keine Alternative? Leider hielt sich die Geschichte nicht an die Vorgaben der Politik, die eine Rettung Griechenlands und des Euro versprach und dafür bereit war, die Grundregeln des Euro-Vertrags zu brechen. Hinter der rissigen Fassade war vom ursprünglichen Währungskonzept von Maastricht nicht mehr viel übrig".
10:51 Uhr
Kategorien: Politik, Psychologie

Freitag, 30.April 2010

Wir sind alle Kreter

Griechenland muss glaubwürdiger werden, heißt es jetzt überall. Schluss mit dem Geseufze: Wir sollten endlich damit beginnen, mit den Lebenslügen unserer Gesellschaft aufzuräumen.

Denn alle regen sich jetzt darüber auf, dass die Griechen gelogen haben.
...
Doch die Aufregung ist selbst Teil der Lüge. Wir alle sind Kreter, jedenfalls, was das Lügen angeht, nicht so sehr in Sachen Selbstbezichtigung.
...
„Nehmen Sie einer Durchschnittsgesellschaft die Lebenslüge, und Sie nehmen ihr zugleich die politische Ordnung“, könnte man Ibsen variieren.
...
Zu diesen Lebenslügen gehört der ganze rhetorische Aufwand, den wir mit unseren Rationalitätsfiktionen treiben. Angeblich leben wir ja in einer Gesellschaft der permanenten Beobachtung und Überwachung, des unausgesetzten Evaluierens und Zertifizierens. Bezahlt werden die entsprechenden Agenturen jedenfalls. Angeblich leben wir auch in einer Wissensgesellschaft. War um lacht denn niemand, wenn solche Begriffe verwendet werden?
...
Durch komplexe Überlegungen weisen wir nach, dass Schulden Investitionen in die Zukunft sind, dass Europa eine tolle Sache ist oder dass Flugbenzin, die Steigerung der Autoproduktion, Stand-by-Schaltungen und subventionierte Viehhaltung am Klimawandel nicht schuld sein können. Die Chinesen und die Amerikaner, seufzen wir, weil es uns die Regierung so vorgeseufzt hat, müssten sich endlich bewegen. Und Griechenland müsse glaubwürdig werden. So glaubwürdig wie wir, wie Banken, wie Talkmaster, wie ein Abiturzeugnis, wie Kanzlerinnen, wie Kreter.

Jürgen Kaube in der FAZ vom 28.04.2010.

20:37 Uhr
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie

Montag, 05.April 2010

Humanismus ist ein Aberglaube

Der britische Philosoph John Gray über den Fortschrittsmythos, die Suche nach dem Sinn der Geschichte und den menschlichen Hang zur Selbstzerstörung.

Interview im Spiegel.

11:17 Uhr
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie

Mittwoch, 03.März 2010

John Gray: Politik der Apokalypse

Die Politik des 20. Jahrhunderts ist ein Kapitel der Religionsgeschichte. Mit dieser Einsicht leitet John Gray seinen Abriss moderner politischer Ideen von der Antike bis in die Gegenwart ein. Furios und in verblüffender Evidenz stellt Gray dar, wie sehr sich islamische oder christliche Fundamentalisten und neoliberale Turbokapitalisten, die Jakobiner im Frankreich des späten 18. Jahrhunderts, die Nationalsozialisten und die US-amerikanische Bush-Regierung ähneln. Die von Utopien geschundene Welt lässt sich im 21. Jahrhundert nur noch durch eine globale Realpolitik vor dem Untergang bewahren.

Besprechung und Leseprobe beim Perlentaucher.

18:43 Uhr
Kategorien: Philosophie, Politik, Psychologie

Dienstag, 17.November 2009

Ein systemischer Selbstversuch

Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen über dieselben beunruhigen die Menschen. (Epiktet, ca. 50 n.Chr. / Handbüchlein der Ethik)

Artikel in Systemische Praxis: Sei unglücklich! Den beschriebenen abendlichen Tätigkeiten würde ich gerne noch "EMail-Abrufen" hinzufügen.

20:05 Uhr (Letzte Änderung: Dienstag, 17.November 2009 20:10)
Kategorien: Philosophie, Psychologie

God is a DJ

   ... und am Schluß flüchtet auch er.

19:34 Uhr (Letzte Änderung: Dienstag, 17.November 2009 19:50)
Kategorien: Film, Philosophie, Psychologie

Sonntag, 15.November 2009

Grüße aus Heidelberg

„Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, damit ist gemeint, dass sich Wahrheit und Lüge gegenseitig bedingen: Wer von Wahrheit spricht, macht den anderen direkt oder indirekt zu einem Lügner. Diese beiden Begriffe gehören zu einer Kategorie des Denkens, aus der ich gerne heraustreten würde, um eine ganz neue Sicht und Einsicht zu ermöglichen. Meine Auffassung ist, dass die Rede von der Wahrheit katastrophale Folgen hat und die Einheit der Menschheit zerstört. Der Begriff bedeutet - man denke nur an die Kreuzzüge, die endlosen Glaubenskämpfe und die grauenhaften Spielformen der Inquisitions - Kriege. Man muss daran erinnern, wie viele Millionen von Menschen verstümmelt, gefoltert und verbrannt worden sind, um die Wahrheitsidee gewalttätig durchzusetzen.“
Heinz von Foerster in einem Interview mit Bernhard Pörksen 1997. (Vordenker)

Tritt der Autor wirklich aus der "üblichen" Kategorie des Denkens heraus? Indirekt definiert auch der Autor hier eine Wahrheit - eine durch und durch ehrenwerte, wünschenswerte und liebenswerte Wahrheit:

Die Einheit der Menschheit.

Er definiert sie, um Dinge zu verändern bzw. zu bewegen. Er kämpft für diese Wahrheit, wenn auch nicht mit den zitierten grauenhaften Mitteln, die immer wieder in der Geschichte der Menschheit Anwendung finden. Er kämpft mit Intelligenz, Stil und Würde - aber er kämpft dafür. Wäre ihm diese Wahrheit nicht wichtig, gäbe es nicht seine Arbeit, sein Sendungsbewusstsein, sein Engagement. Er würde ohne Empathie, ohne Anteilnahme "leben". Er wäre im besten Sinne Der Fremde von Albert Camus.

Gibt es diese Einheit der Menschen? Verlassen wir den Makrokosmos der Geschichte und Politik. Wir alle wünschen uns diese Einheit und es gelingt uns schon im Mikrokosmos der persönlichen (Liebes-) Beziehung mit einem anderen Menschen nur selten, bis gar nicht. Kennen wir nicht alle "Beziehungen" in denen Kreuzzüge, Glaubenskämpfe, Inquisition und Kriege stattfinden. Ist diese Einheit überhaupt eine Wahrheit?

Andere Wahrheiten sind "Homo homini lupus" (Titus Maccius Plautus, Thomas Hobbes), oder für die Rousseau Anhänger, die bei Hobbes sowieso abschalten, "Die Hölle, das sind die anderen" (Sartre ).

Meine Wahrheit wäre "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen" (Camus). Das Absurde ist, wir - die Menschen - sind keine Einheit und wir werden immer Kriege um diese Einheit führen, weil wir sie uns wünschen. Es geht nur um eines:

Die Liebe

Wir leben also nicht für das Machbare, sondern für das Wünschenswerte.

Und, um jetzt einmal wieder auf den Teppich zurück zu kommen: Mit wem würden sie lieber abends in ihrer Stammkneipe ein Bier trinken? Camus oder Sartre?
Von Mann zu Mann: Camus sieht einfach besser aus!

Und Heinz von Foerster hat natürlich recht - auch ich bin ein Lügner. Der wahre Grund für diese Zeilen ist ein einziger Mensch. Mit dem verbindet mich Liebe, Krieg und alles was das Leben spürbar macht. An wen dachte wohl Herr Foerster bei seinem Artikel? Lügen sie nicht ...

21:53 Uhr (Letzte Änderung: Dienstag, 17.November 2009 19:25)
Kategorien: Philosophie, Psychologie

Misstrauen

"Ob ein Mensch in einer bestimmten Situation wie ein Engel oder wie ein Teufel agiert, hängt Frank Ochmann zufolge maßgeblich von der Belohnung ab, die sein Gehirn dafür erwarten darf."
Michael Pawlik bespricht das Buch "Die gefühlte Moral" von Frank Ochmann in der FAZ vom 11.11.2009.
21:07 Uhr (Letzte Änderung: Sonntag, 15.November 2009 22:18)
Kategorien: Psychologie

Mittwoch, 21.Oktober 2009

Ataraxie

Zum Thema Ataraxie.

Andreas Urs Sommer: "Die Kunst der Seelenruhe". Anleitung zum stoischen Denken.
Beck'sche Reihe im C. H. Beck Verlag, München 2009. 159 S., br., 9,95 [Euro].

Besprechung in der FAZ vom 21.10.2009. Leider nur im kostenpflichtigen Archiv.

20:39 Uhr (Letzte Änderung: Mittwoch, 21.Oktober 2009 20:41)
Kategorien: Philosophie, Psychologie