Donnerstag, 17.Mai 2012
"Wenn dir die Zuversicht ausgeht, erfinde sie"
Vieles hat Sten Nadolny in diesem Roman auch über sich selbst geschrieben, wesentliche Lebensstationen dieses Weitling sind seine eigenen. Vor allem ist das Buch getragen von einer Liebe zu der Landschaft hier, zum See, den Menschen, einer Frau, die Astrid heißt. Ja, und von der Liebe zu einem Beruf, den man Schriftsteller nennt und der die permanente Möglichkeit der Selbsterfindung bietet. Ein Traumleben zu leben, neben dem eigenen. "Traumleben", so heißt auch der Großvater im Roman, dem der Enkel spät noch einmal begegnen darf und der ihn hört, als Einziger. Weil er etwas sieht, weil er etwas weiß, was andere nicht wissen: dass es ein anderes Leben gibt. Einen anderen Klang der Welt, neben diesem Rauschen der Gegenwart.
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Ein Schriftsteller geht noch einmal durch sein Leben. Sten Nadolny hat mit diesem Roman einen unglaublich poetischen, traurigen, liebevollen Möglichkeitsbericht seines eigenen Lebens geschrieben. Eine Bilanz voller Dankbarkeit und Angst und Staunen.
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Sten Nadolny erzählt von seinem Vater, von seinen Romanen, von dessen Lebenssatz: "Wenn dir die Zuversicht ausgeht, erfinde sie", hat er gesagt. Ein echter Nadolny-Satz.
VOLKER WEIDERMANN in der FAZ vom 13.05.2012 über das neue Buch von Sten Nadolny: "Weitlings Sommerfrische".
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Sonntag, 22.April 2012
Der Barbar
Fatalerweise liefert der Terminus »Barbar« das Paßwort, das den Zugang zu den Archiven des 20. Jahrhunderts öffnet.
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Es bezeichnet den Leistungsverächter, den Vandalen, den Statusleugner, den Ikonoklasten, den Verweigerer der Anerkennung für jede Art von Ranking-Regel und Hierarchie.
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Wer das 20. Jahrhundert verstehen will, muß stets den barbarischen Faktor im Auge behalten. Gerade für die jüngere Moderne war und blieb es typisch, eine Allianz zwischen Barbarei und Erfolg vor großem Publikum zuzulassen, anfangs mehr unter der Form von trampelhaftem Imperialismus, heute in den Kostümen der invasiven Vulgarität, die durch die Vehikel der Popularkultur in praktisch alle Bereiche vordringt.
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Daß die barbarische Position im Europa des 20. Jahrhunderts selbst unter den Vertretern der Hochkultur zeitweilig als wegweisend galt, bis hin zu einem Messianismus der Unbildung, ja einer Utopie des Neuanfangs auf der leeren Tafel der Ignoranz, illustriert das Ausmaß der Zivilisationskrise, die dieser Kontinent in den vergangenen einhundertfünzig Jahren durchlaufen hat - die Kulturrevolution nach unten inbegriffen, die in unseren Breiten das 20. Jahrhundert durchzieht und ihren Schatten auf das 21. Jahrhundert vorauswirft.
Peter Sloterdijk in seinem Buch "Du mußt dein Leben ändern".
Kategorien: Literatur, Philosophie, Politik, Psychologie
Sonntag, 15.April 2012
Das süße Nichtstun
Wer die Muße finden will, muss hart daran arbeiten. Das erfordert Charakterstärke.
„Die Idee der Muße ist ein Zustand entlastet von Zwecken außer sich selbst“, sagt der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa. „Das kann eine Tätigkeitsform sein, bei der man mit sich selbst vollkommen im Reinen ist – nicht gehetzt, aber auch nicht gelangweilt, herausgefordert, aber nicht überfordert.“ Ein Zustand also, in dem man einer Aktivität nachgeht, deren Anforderungen genau den eigenen Fähigkeiten entsprechen.
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Der Stellenwert, den wir heute der Erwerbsarbeit in unserem Leben einräumen, das Ausmaß, in dem wir uns auch im Privaten dem Diktat der Uhren unterwerfen: Das wäre den Menschen in vorindustrieller Zeit schlicht unverständlich erschienen. Ein Leben frei von Zwecken und Zwängen galt im Altertum als Ideal. Die Griechen nannten es scholé, wovon sich unsere inzwischen sehr zweckorientierte „Schule“ ableitet, die Römer verwendeten den Begriff otium.
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Erst die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs macht unentspannt
Auch das christliche Mittelalter erhob die Arbeit nicht zum Ideal. Die Zehn Gebote sagen nichts über sie – außer, wann sie zu ruhen habe: an den Feiertagen, die seinerzeit viel zahlreicher waren als heute. Habgier, Geiz, Gewinnstreben galten als Laster, beim Besuch gotischer Kathedralen blicken wir in ihre fratzenhaften Gesichter. In der ständischen Gesellschaft hatte jeder seinen gottgewollten Platz, das Konzept einer Karriere durch Leistung war noch nicht erfunden.
Der Stress begann, als die Idee von der Gleichheit aller Menschen aufkam. Wenn der französische Theoretiker Alexis de Tocqueville zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgerechnet Amerika als Vorreiter von Gleichmacherei und Freiheitsbedrohung brandmarkte, dann hatte er auch dies im Sinn: die allgemeine Geschäftigkeit, die durch die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs hervorgerufen wird, und die Unfreiheit, die sich aus der ständigen Zeitnot ergibt.
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Es erfordert Charakterstärke, sich auf die Muße einzulassen. „Man muss ziemlich viel mit sich anfangen können, wenn man aus dem Alltag des Berufslebens aussteigt“, sagt der Zeitforscher Karlheinz Geißler. „Man muss sich selbst genügen.“ Wer zur selbstbestimmten Muße finden wolle, der müsse erst durch die Langeweile hindurch.
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Wer sie angestrengt sucht, wird sie nicht finden.
Muße ist mehr als Nichtstun. Der Glücks- und Kreativitätsforscher Mihaly Csikszentmihalyi von der University of Chicago hat diesen ausbalancierten Zustand von Geist und Seele erforscht und mit seinen Konzept des „Flow“ die Wissenschaft nachhaltig beeinflusst. „Flow“ ist die Höchstform des Wohlgefühls, die ein Mensch erreichen kann. Es ist die Muße in Reinform. „Flow ist ein Gemütszustand, den wir erfahren, wenn wir in einer momentanen Tätigkeit vollkommen aufgehen“, sagt er. „Das Ego verschwindet, die Zeit fliegt. Jede Handlung, jede Bewegung und alle unsere Gedanken ergeben sich nur aus der vorangegangenen.“
Menschen vergessen den Hunger, die Müdigkeit, die Umwelt. Muße besteht nicht nur darin, die Zeit zu vergessen, sondern auch sich selbst. Dabei ist die Tätigkeit nicht ohne Ziel: ein Jazz-Stück komponieren, ein Bild malen, einen mathematischen Beweis führen. Muße ist ein Zustand maximaler menschlicher Konzentration, der erreicht wird, wenn man vollkommen aus seiner alltäglichen Realität heraustritt.
RALPH BOLLMANN UND INGE KLOEPFER in der FAZ vom 13.04.2012
Kategorien: Literatur, Philosophie, Politik, Psychologie
Dämmern in der Stunde der Dämonen
Lang ist es her, dass man sich zu einer Siesta zurückzog, um für den zweiten Teil des Tages gerüstet zu sein. Sollte man darauf nicht zurückkommen? Thierry Paquot lobt den Mittagsschlaf als Widerstandsakt.
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Der Mittag ist also eine gefährliche Stunde, und wer in ihr wegdämmert und auf schläfrige Reisen geht, der tut das nicht so sehr um der Reproduktion seiner Arbeitskraft willen, sondern tendenziell, um die ganze Lebens- und Weltmaschine zu verlassen. Da wird dann quasi der Mittagsschlaf als Widerstandsakt vollzogen, und „Mittagsschlaf als Widerstand“ ist in der Tat das vorletzte Kapitel des Essays überschrieben.
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Nun verfügt allerdings Thierry Paquot, Philosoph und Professor am Institut für Urbanismus an der Université Paris 12, über ausreichend Ironie, um kein Manifest zu schreiben, auch wenn dieses Kapitel mit dem Aufruf endet: „Schläferinnen und Schläfer, schlaft am Mittag!“ Eine neue Empört-euch!-Welle soll aber durch dieses Buch nicht ausgelöst werden und wäre gewiss seinem Thema auch völlig unangemessen.
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Ganz zum Schluss gibt es unter der Überschrift „Kein letztes Wort“ eine wunderbare Paraphrase auf Georges Perecs „Je me souviens“, in der sich Paquot an eigene - und fremde - Augenblicke des Mittagsschlafs erinnert: „Ich erinnere mich an einen unbequemen Mittagsschlaf in einem überfüllten Minibus zwischen Douala und Yaoundé“, oder: „Ich erinnere mich an eine sinnliche Siesta zu zweit ...“ Das sind Epiphanien, Bilder, wie auch das Buch selbst sich unter anderem dem Kommentar von themenverwandten Bildern widmet, von Giorgiones und Tizians „Schlummernder Venus“ über Brueghel des Älteren „Schlaraffenland“ bis zu Delacroix’ „Frauen von Algier in ihrem Gemach“.
JOCHEN SCHIMMANG in der FAZ vom 10.04.2012 über Thierry Paquot: „Die Kunst des Mittagsschlafs“.
Sonntag, 08.April 2012
Sonntag, 01.April 2012
Jedem Foxtrott wohnt ein Zauber inne
Von der Verteidigung des Individuums gegen die Vermassung der Zeit: Hermann Hesse ist der Dichter der Stunde. Denn über die Krise des modernen Menschen hat uns keiner mehr zu sagen.
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So geht es vielen Menschen beim ersten Eintritt in die Hermann-Hesse-Welt: Die Begeisterung streckt einen nieder, raubt das Bewusstsein oder schraubt es in Sphären empor, von denen man vorher nicht einmal ahnte, dass es sie gibt. Es ist nicht Hesses Fehler, dass viele Leser sich später dieses ersten Rausches schämen, sobald sie mit - wie sie selbst meinen - hellem, klarem, stilistisch und zynisch aufgeklärtem Leseverstand zu der frühen Begeisterung zurückkehren wollen und dabei scheitern. Hesse selbst sah sich in der Zeit vor seinem Tod vor beinahe fünfzig Jahren von Spöttern und Kritikern umgeben, die in den Zeitungen seine angeblichen Kinderverse, seine Blumensprache und Gärtnerseele, seine ganze strohhuthafte Heiligkeit verhöhnten.
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Sein ganzes Werk ist ja eine Verteidigung des Individuums gegen die Vermassung der Zeit, gegen jedes Glücksversprechen, das zur Ideologie wird.
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Auch das unschuldigste Glücksversprechen wird zum Terror, sobald es ideologisch wird.
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„Diese schäbige, stets enttäuschende oder öde Wirklichkeit ist auf keine andre Weise zu ändern, als indem wir sie leugnen, indem wir zeigen, daß wir stärker sind als sie.“
Das war der Kampf des Hermann Hesse sein ganzes Dichterleben lang. Das war seine Mission und sein Selbstbewusstsein. Er habe schon längst allen ästhetischen Ehrgeiz aufgegeben, schrieb er einem seiner Kritiker, „ich schreibe keine Dichtung, sondern Bekenntnis, so wie ein Ertrinkender oder Vergifteter sich nicht mit seiner Frisur beschäftigt oder mit der Modulation seiner Stimme“.
VOLKER WEIDERMANN in der FAZ vom 26.03.2012 über die beiden Biographien, die jetzt zum fünfzigsten Todestag von Hermann Hesse erschienen sind, die eine von Heimo Schwilk beim Piper Verlag, die andere von Gunnar Decker bei Hanser.
Freier Denker
Literatur bedeutete für Antonio Tabucchi keinen Beruf, sondern eine Passion.
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Der Autor selbst gab an, seine Faszination fürs Lusitanische stamme von einem Bändchen des großen portugiesischen Autors Fernando Pessoa, welches er bei einer Zugreise beim Gare de Lyon in Paris zufällig in die Hände bekam und das ihn an den Tejo zog. Pessoa, der multipersonale Dichter der ertragreichen Vergeblichkeit, der klassizistischen Zertrümmerung der Wahrheiten und der eitlen Einsicht in die eigene Unwichtigkeit wurde für Jahrzehnte zum Leitstern Tabucchis. Er widmete ihm zwei literarhistorische Sammelbände und etliche Werke, die ästhetisch deutlich von Pessoas Kosmos geprägt sind. Dass dieser lange vergessene Schriftsteller heute zu den ganz großen europäischen Geistern gezählt wird, ist auch Tabucchis Verdienst.
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Erzählungen wie sein Erstling „Indisches Nachtstück“ oder „Die Frau von Porto Pim“ siedelte er mit einem Augenzwinkern in Richtung Joseph Conrad in einem exotischen Niemandsland des Begehrens und der Suche an. Was wie eine Nachforschung nach unerreichbaren Frauen oder verschollenen Seeleuten beginnt, erweist sich als eine Reflexion über das eigene, fragile Ich.
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Die portugiesische Stimmung der Saudade - die wonnige Nostalgie nach einem nie erreichten Glück, die Trauer über den Verlust eines nie regierten Reiches - verführten den homo politicus Tabucchi aber nie, die realen Herrschaftsverhältnisse aus den Augen zu verlieren.
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„Es wird immer später“ heißt sein Roman von 2001, der auch in Deutschland Erfolg hatte und schon im Titel von der müden Melancholie des Autors zeugt, die irgendwann nicht mehr nur gespielt war. „Und wenn Fernando Pessoa bloß so getan hätte, als sei er Fernando Pessoa?“, mutmaßt Tabucchi, der die schicksalhafte Camouflage als schreibender Imitator seiner selbst ein Leben lang würdevoll und mit großem ästhetischem Ertrag betrieben hat. An diesem Sonntag ist er nach langer Krankheit in Lissabon gestorben.
DIRK SCHÜMER in der FAZ vom 25.03.2012 zum Tod von Antonio Tabucchi.
Sonntag, 18.März 2012
Café Condé.
Auf der Ebene des Werks freilich ist die Wiederkunft ein Faktum: Die bittersüße Melodie der Erinnerung, die Aufladung der Pariser Topographie mit historischer und persönlicher Bedeutung, die ewige Suche nach dem anderen, die Trauerarbeit ob der immer schon verlorenen Zeit - all das kehrt von Roman zu Roman wieder. Seine Leserschaft liebt ihn dafür, Modiano selbst hingegen fürchtet die Wiederholung, wie er in Interviews mitgeteilt hat. Nicht ganz zu Unrecht: Auch "Im Café der verlorenen Jugend" ist einer jener schmalen Bände, die den Leser für einen Nachmittag ins Paris der Nachkriegsjahre entführen. Wie gewohnt bietet er nostalgisches Vergnügen ohne Reue - auch ohne Erschütterung.
NIKLAS BENDER in der FAZ vom 16.03.2012 über Patrick Modiano: "Im
Café der verlorenen Jugend". Roman.
Sechs Tage bis zum Weltuntergang.
Herz der Finsternis und ästhetische Offenbarung: In Béla Tarrs meisterlichem Film „Das Turiner Pferd“ wird der Reichtum der abendländischen Kunst in die öde Wohnzimmerstube hineingeholt.
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Wenn der ungarische Regisseur Tarr erklärt, nach dem „Turiner Pferd“ wolle er seinen Beruf an den Nagel hängen, dann klingt diese Ankündigung, anders als bei seinen Kollegen Steven Soderbergh oder Mel Gibson, nicht nach Koketterie; vielmehr wirkt sie wie die notwendige Konsequenz seiner filmischen Arbeit. Denn am letzten der sechs apokalyptischen Tage, von denen „Das Turiner Pferd“ erzählt, gibt es keine Hoffnung mehr - der Brunnen ist versiegt, das Feuer erloschen, das Zugtier weigert sich zu ziehen, die Welt geht aus wie eine Kerze.
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Denn Tarrs Film braucht kein Vehikel außer seiner mühelos durch die Räume gleitenden Kamera, er kann auch ohne Zugpferd gehen. Und vielleicht gibt es ja doch noch ein Leben nach dem Weltuntergang, den „Das Turiner Pferd“ mit seltener Meisterschaft zelebriert. Nur als ästhetische Erscheinung, hat Nietzsche erklärt, bevor er dem Droschkengaul um den Hals fiel, sei die Welt „ewig gerechtfertigt“. Seinen Rücktritt als Regisseur sollte sich Béla Tarr noch einmal überlegen.
ANDREAS KILB in der FAZ vom 17.03.2012 über Béla Tarrs „Das Turiner Pferd“.
Sehnsucht des Kleinbürgers nach dem guten Leben.
Lolita in Flandern: Louis Paul Boon erzählt in seinem 1955 erstmals erschienenen Roman "Menuett" von der Sehnsucht des Kleinbürgers nach dem guten Leben.
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Boons ganzes Werk ist vom rigorosen Zweifel an der Humanität und Liebesfähigkeit der Menschen geprägt, überall sah er Brutalität, Elend und Hoffnungslosigkeit.
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"Jeder von uns ist eine Insel, von verräterischem Wasser umschlossen, und was wir alle zusammen erreicht haben, ist nichts als Zufall", lautet einer der letzten Sätze des Romans.
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Es ist die Fragilität des menschlichen Lebens selbst, die sein Erzähler betrauert, während ihm jeder Satz und jede Wahrnehmung zweifelhaft scheinen und als einzig lebendiger, hoffnungsvoll anarchischer Impuls das sexuelle Begehren bleibt.
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"Menuett" ist zweifellos Boons persönlichstes Buch.
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Das Leben erscheint ihm als leidenschaftliche Jagd, der stets ihr Gegenstand entrinnt, weil er zum größten Teil ein Sehnsuchtsbild im Kopf des Jägers ist und seinen kümmerlichen realen Rest die irdische Inbesitznahme längst zerstört hat.
NICOLE HENNEBERG in der FAZ vom 15.03.2012 über Louis Paul Boon: "Menuett". Roman.
Notendumping
Kompetenzorientierung, Bildungsstandards, Vergleichsarbeiten sind die modischen Zauberworte.
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Die Methoden angeblicher "Qualitätssicherung" des Unterrichts führen nicht zu mehr Wissen und Können, sondern kaschieren, dass Schüler immer weniger wissen und können.
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Seit dem "Pisa-Schock" wird behauptet, mit Bildungsstandards, kompetenzorientiertem Unterricht, Kerncurricula, Vergleichsarbeiten und zentralen Prüfungen bis hin zu Abiturstandards würde die Unterrichtsqualität verbessert.
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Doch von Jahr zu Jahr erhöht sich die Anzahl der Abiturienten mit der Traumnote 1,0 (oder besser) bei gleichzeitig gegen null sinkenden Durchfallquoten. Merkwürdig nur, dass die Stimmen aus Handwerk, Mittelstand und Universitäten nicht abreißen, die ein mangelndes und weiter sinkendes Qualifikationsniveau der Schulabsolventen beklagen.
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Sind das nur die Klagen der Ewiggestrigen, oder was geht hier vor?
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Eine erste Ernüchterung über die vermeintliche Lösung aller Bildungsprobleme durch "Kompetenzorientierung" ergab sich nach der an dieser Stelle vorgestellten Untersuchung zum Zentralabitur im Fach Biologie in Nordrhein-Westfalen: Unvorbereitete Neuntklässler hatten eine Abiturklausur problemlos bestanden. Das Geheimnis der ungeahnten Qualitätsexplosion? Alle Lösungen standen im Aufgabentext, man braucht nur "Lesekompetenz", um sie abzuschreiben.
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Wie Wissen und Können als Grundlage realer Bildung entstehen und wie dies im Unterricht zu erreichen ist, weiß man seit langem. Wieso lässt man Lehrern nicht die Freiheit dazu, und wieso flickt man weiter an den längst bröselnden Fassaden Potemkinscher Bildungsdörfer?
Hans Peter Klein und Jochen Krautz in der FAZ vom 15.03.2012.
Hans Peter Klein lehrt Didaktik der Biowissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und ist derzeit als Gastprofessor am College of New Jersey. Jochen Krautz lehrt Kunstpädagogik und Kunstdidaktik an der Alanus-Hochschule.
Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen.
Am Ende sitzt auch Renate, aus allen Zusammenhängen, Bindungen und technischen Netzen herausgefallen, in einer Pension am Stadtrand von Samara und schreibt ihre Geschichte auf.
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„Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen“ ist ein meisterhaftes Abbild unserer Gesellschaft, das ihre Abgründe freilegt und dabei so spannend ist, dass es zugleich eine famose Selbstbehauptung ist in der Mediengesellschaft, deren Kräfte es auslotet. Wenn Schreiben auf diese Weise zum Mittel der Selbstversicherung wird, derweil alle anderen Gewissheiten weggebrochen sind, dann besteht Hoffnung.
WIEBKE POROMBKA in der FAZ vom 07.03.2012 über Thomas von Steinaecker: „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen.“ Roman. S. Fischer Verlag.
Mittwoch, 14.März 2012
We gamble and we just hope.
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Auch die Stillen, Nachdenklichen fürchteten, er sei dabei, die Regeln zu schleifen, die ihr Land groß gemacht hätten, die einfachen, harten Regeln der Siedler und Pioniere. In den Plains hörte ich drei Sätze immer wieder: Ich will keine Regierung, die mir sagt, wie ich leben, wirtschaften, vorsorgen soll. Ich will ein Leben auf eigene Faust, wie es meine Vorväter suchten, als sie in dieses Land kamen. Und ich will nicht für die sorgen, die nicht für sich selbst sorgen.
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<<Wissen Sie was? Wir spielen. Wir spielen und hoffen es geht gut.>>
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Die Spielernatur als süßes Geheimnis der puritanischen Ethik, das hatte mir noch niemand verraten, schon gar nicht so freimütig wie Carol in der Küche.
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Spielen und hoffen, Einsatz und Glück, darum ging es und bei ihr klang das Wort "hope" härter als in den Reden aus Washington, nicht so schwämerisch
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Wolfgang Büscher in seinem Buch "Hartland - Zu Fuß durch Amerika".
Kategorien: Literatur, Philosophie, Politik, Psychologie
Freitag, 09.März 2012
Morgue und andere Gedichte
Der Wilmersdorfer Ein-Mann-Verleger Alfred Richard Meyer wollte das „wirre Manuskript“ schon wegwerfen, als ihm der angehängte Zyklus derart ins Auge stach, dass er „aufschrie“, wie es in seinen Erinnerungen heißt.
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Benn konnte sich im Frühjahr 1912 über die starke Wirkung der Gedichte nicht freuen, wie aus einem erst vor fünf Jahren aufgetauchten Brief hervorgeht (F.A.Z. vom 11. Januar 2007) - allerdings nicht, weil „ein paar Spießer, Familienväter, Oberfeldärzte u. ähnliche Kanaken aus ihrer Ruhe gestört“ wurden, sondern weil er, trotz durchaus auch positiver Kritik, dieser Zusammenstellung niemals zugestimmt hätte: Er fühlte sich von seinem Verleger „schamlos ausgenutzt“ und bedauerte die Veröffentlichung. Das alles rieche „nach Sensation“ und schmecke „nach Kino“.
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Viel später erst liefert Benn poetologisch gut klingende Erklärungen, dass etwa die Gedichte damals in Moabit im Dämmerzustand wie von selbst „aufstiegen, sich heraufwarfen“, und leistete damit seiner jahrzehntelangen Rezeption als Rausch-Künstler Vorschub. Aber auch die Diagnose vom amoralischen, kalten Artisten, der sich mit zynischer Distanz das menschliche Leid vom Hals hielt, ist nur ein Teil der Wahrheit. Aufschluss gibt das eher unbekannte Gedicht „Mutter“, das ein Jahr später im Nachfolgeband „Söhne“ erschien. Darin ist von Rausch, Rache oder Kälte keine Spur, sondern nur von Schmerz und Trauer. Benn trägt den Verlust wie eine „Wunde“ auf der Stirn, „die sich nicht schließt“. Oft bemerke er das (Mutter-)Mal nicht einmal mehr, „nur manchmal plötzlich bin ich blind und spüre / Blut im Munde“. Im Sinne dieses „Mutter-Mals“ wird es Zeit, Benns “Morgue“-Gedichte gegen lange gültige Vorgaben zu lesen.
FRIEDERIKE REENTS in der FAZ vom 08.03.2012 über das Buch von Gottfried Benn: „Morgue und andere Gedichte“. Mit Zeichnungen von Georg Baselitz. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2012.
Windstille im Kopf
Seit etwa 60 Jahren setzen sich Gruppen mit dem Ziel zusammen, einen Sturm der Ideen in den Hirnen der Anwesenden zu entfachen. Fast genauso lange wissen Psychologen: Brainstorming hemmt die Kreativität, statt sie zu stimulieren. Warum bleibt die Methode trotzdem so populär?
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In vielen Studien haben Psychologen gezeigt, dass Gruppen per Brainstorming weniger und auch weniger gute Ideen produzieren als Menschen, die sich auf andere Art oder gar alleine Gedanken machen.
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Wohlfühlfaktor Gruppe
Menschen fühlen sich in Gruppen wohl - und dieses Gefühl übertragen sie auf die Arbeit einer Gemeinschaft: "Weil ich mich in der Gruppe gut gefühlt habe, fühlt sich auch das Ergebnis gut an", sagt Schulz-Hardt, "man kann die soziale Ebene und die Leistungsebene nicht mehr auseinanderhalten." Auch Stroebe hat festgestellt, dass ein Brainstorming dem sozialen Klima einer Gruppe guttut - außer in der Gruppe entsteht ein Konflikt über Ideen, was Unzufriedenheit unter den Brainstormern schürt.
Schließlich gilt doch das Osborn-Dogma: "Keine Kritik!" In der reinen Ideenfindungsphase sei das wahrscheinlich förderlich, sagt Schulz-Hardt. "Aber irgendwann müssen die Ideen ausgesiebt und bewertet werden - das geht nicht ohne Kritik." Eine Meinungsverschiedenheit habe also sogar positive Effekte für die Lösungsfindung.
Irgendwie ist das eine komische Sache mit diesem Brainstorming: Die Technik funktioniert nicht besonders gut, trotzdem lieben die Menschen sie. Und vor dem, was tatsächlich wirken würde - individuelle Arbeit sowie Kritik - scheuen sie zurück.
Sebastian Herrmann in der SZ vom 08.03.2012
Donnerstag, 01.März 2012
Gutgeschriebene Verluste
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Sein Lieblingsmotto kommt von Kierkegaard: "Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden." Im Rückspiegel tauchen dann zahlreiche Versäumnisse und Verfehlungen auf - Verluste, die gutgeschrieben werden wollen. Allem voran der notorisch verbummelte Lebenslauf. Seht ihn an, den Niemandsmann, "eingedreht in eine eschersche Selbstbezichtigungsspirale ohne Anfang und Ende, festgesessen in immergleichen Cafés".
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Am Anfang steht eine amüsante, menschenkundige Porträtgalerie der Dauergäste im Café Fler, diesem Schöneberger Reservat der "Übriggebliebenen", die noch im höheren Alter das ambulante Wohnzimmer dem familiären Heim vorziehen. Da sitzen sie, in gegenseitigem Respekt und tischferner Distanz,
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Das liest man gern, aber es ist nicht romanfüllend. So tritt nach fünfzig Seiten Ella ins Café: eine prächtige Lady im Abendkleid, dazu zwanzig Jahre jünger. Sie kann sich für den Erzähler erwärmen, diesen Langzeitsingle, der mit seiner Sechzigjährigkeit hadert und schon befürchtete, dass sein Liebesleben endgültig Schlagseite bekommt: von Eros zu Caritas.
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Nach kurzen Schüben des Glücks aber entwickelt sich daraus eine Beziehungskomödie der ständigen Verstimmungen. Der Prozess gegenseitiger Adaption, der zum Verlieben gehört, erweist sich als schwierig - sind im höheren Alter doch allerhand Marotten als "Zierleisten der Persönlichkeit" längst ausgebildet und lassen sich nicht einfach abschlagen. Der Autor ist auch im Leben ein Ironiker, sie dagegen eine Frau starker Gefühlsausbrüche. Ihre Bestätigungssucht und seine "mörderische Skepsis" ergeben ein veritables "Mismatch". Der "sich selbst zum Geistesmenschen erhebende Geringverdiener" ist nicht mehr zum gemeinsamen Nestbau zu überreden. Ella ihrerseits laboriert am Männerhass, seit sie mit ihrer Tochter von deren Erzeuger sitzengelassen und zur Alleinerziehenden gemacht wurde. Und so liegt bei aller Komik auch viel Melancholie über dem späten, mit feiner Psychologie ausgeleuchteten Liebesversuch.
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Cailloux schreibt die existentiellen "Verluste" gut, indem er gut über sie schreibt, mit einem wunderbar halbtrockenen Humor, der über manch peinlichen Abgrund hinweghilft. Das Buch lebt von seiner Sprache, seinem Parlando-Ton und einer Ironie, die nicht den Boden wegzieht, sondern stabilisierend wirkt, wo der Boden sehr dünn ist.
WOLFGANG SCHNEIDER in der FAZ vom 28.02 2012 über das Buch "Gutgeschriebene Verluste" von Bernd Cailloux.
Erfolgswege
Mehrfach hatte Friedrich August von Hayek festgestellt, dass der freie Markt keine soziale Gerechtigkeit hervorbringt. Am Markt kann es fair zugehen, also nach Regeln, die für alle gelten, die Preise hingegen ergeben sich aus Angebot und Nachfrage. Der Arbeitslohn entspreche nicht der Leistung, die der Arbeiter erbringt, sondern sei besser zu verstehen als der Anreiz, eine bestimmte Stelle anzunehmen, nämlich dort, wo es ein geringes Angebot, aber eine hohe Nachfrage nach Arbeitskraft gibt. Das Leistungsprinzip, die Annahme, dass Leistung zum Erfolg führt, ist dann lediglich Überbau, der den Markt gerecht erscheinen lässt und somit legitimiert.
LEANDER STEINKOPF in der FAZ vom 29.02.2012
Samstag, 11.Februar 2012
Demenz als Sabotage
Am Frühstückstisch gerät der Tag zum ersten Mal ins Stocken. Die alte Frau hat vergessen, was es mit dem Stückchen Butter auf sich hat, das sie zwischen Zeigefinger und Daumen hält. Erstaunt betrachtet sie es, bis der alte Mann, der ihr gegenübersitzt, auf den Teller deutet und ihr hilft, die Butter mit dem Messer auf dem aufgeschnittenen Brötchen zu verteilen. Als sie genussvoll den ersten Bissen nimmt, blinzelt sie ihn dankbar an. Doch der zarte Moment ist nur von kurzer Dauer. Die Frau hält inne, wendet den Blick ab und starrt leer aus dem Fenster. Ängstlich beobachtet der Mann die Frau, mit der er die längste Zeit seines Lebens verbracht hat: "Er hoffte, dass sie sich nicht jetzt, am Tisch, beim Frühstück, während des Essens einkotete. Daran konnte er sich einfach nicht gewöhnen."
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Damit ist der Rahmen abgesteckt: Péter Farkas erzählt in dem Roman "Acht Minuten" von einem älteren Ehepaar, dessen Alltag durch eine Demenzerkrankung bestimmt ist.
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Interessant ist, dass Farkas anders als andere Autoren bewusst auf eine verlässliche, vermeintlich "gesunde" Außenperspektive verzichtet. Sein Erzähler leidet ebenfalls unter ersten Anzeichen einer Demenz. Die Erinnerungen an das Leben als Akademiker, das er offenbar einst geführt hat, haben sich fast vollständig in Luft aufgelöst. Er ahnt, dass er genau wie seine Frau, die er täglich wäscht, anzieht und füttert, eines Tages ebenfalls sein Kurzzeitgedächtnis verlieren wird - und diesem Moment, in dem das Ich zerbricht, "wie eine Skulptur aus Sand", sieht er gerade erwartungsvoll entgegen.
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Eine der schönsten Stellen in dem Buch ist die, als zwei der "selbsternannten Aufseher" die Möbel in der Wohnung des Ehepaares umstellen, um vermeintlich einfachere, sicherere Wege zu schaffen - und dabei auch gleich die Betten an zwei gegenüberliegende Wände des Schlafzimmers rücken. In der folgenden Nacht wacht der Mann auf. "Schwankend, mit geschlossenen Augen" durchquert seine Frau das Zimmer, ihre Decke hinter sich herziehend, suchend und tastend, bis sie schließlich an seinem Bett angekommen ist, sich neben ihm auf die viel zu schmale Matratze legt und sich an ihn schmiegt. So wird die Liebe in Zeiten der staatlichen Pflegeversicherung noch einmal zum Akt der Rebellion: Péter Farkas hat einen berührenden und zugleich kämpferischen Roman über zwei Menschen geschrieben, die mit ihren "hutzligen Körpern" und ihrem "selbstvergessenen Glück" jenem gesellschaftlichen Normativ den Kampf ansagen, in dem das Alter insgesamt als chronische Krankheit erscheint.
KOLJA MENSING in der FAZ vom 09.02.2012 über das Buch "Acht Minuten" von Péter Farkas.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Wozu lesen?
Unsere kulturelle Existenz verändert sich: Die seit langem angekündigte "visuelle Wende" findet gerade statt, vor allem dank der tragbaren Bildschirme. Erst mobile Bilder können die Menschen so recht einhüllen, ihre Sinnes- und Denkgewohnheiten verändern - ein flimmernder Kokon, der sich um uns legt, ob zu Tisch, im Zug oder im Bett. Im Licht technischer Evolution werden alte Medien neu betrachtet: In dem Moment, in dem das iPad seinen Siegeszug antritt, wird das Buch wortreich verabschiedet oder nostalgisch beschworen. Das gilt auch für die Kulturtechniken, die sich mit diesen Medien herausgebildet haben. Charles Dantzig wendet sich der ehrwürdigsten jener Techniken zu und stellt die Sinnfrage: "Wozu lesen?" So der Titel seines schönen Bandes, der gleich Dutzende Antworten gibt. Er bietet eine beiläufig-geistreiche Verteidigung des Schmökerns und ist - wie könnte es anders sein - eine anregende Lektüre.
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"Wozu lesen?" präsentiert Dantzig von seiner besten Seite: eine Gelegenheit für den deutschen Leser, sich mit einem Essayisten bekannt zu machen, der in seiner Jugend in einen Kessel mit Esprit gefallen sein muss.
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Aus geistigen Volten und maliziösem Frohsinn kristallisiert sich das Bild eines anspruchsvollen Anarchisten heraus: "Lektüre ist unvernünftig. Es gibt weitaus wichtigere Dinge, sagen die wichtigen Leute. Das stimmt. Und mit diesem Wissen lesen wir leise pfeifend weiter in den Büchern, die uns um eitlen Ruhm und nichtigen Reichtum bringen." Lesen hat andere Vorzüge: Es macht frei, es schafft "Unempfindlichkeit gegenüber den Dingen des Lebens". In Anlehnung an Prousts Erinnerungsmotiv setzt Dantzig die Lektüre als Ideal: "Lesen ist dieser Moment der Ewigkeit, den ein paar Einzelgänger miteinander teilen in einem immateriellen und etwas bizarren Raum, nämlich im Geiste." Hierin liegt sein Verdienst: Dantzig beschwört die Attraktivität einer diskreten Kulturerfahrung, ihre Leidenschaft, ihre Flüchtigkeit, ihre befreiende Wirkung.
NIKLAS BENDER in der FAZ vom 31.01.2012 über das Buch "Wozu lesen?" von Charles Dantzig.
Kategorien: Literatur, Philosophie, Psychologie
Reden können Menschen befreien
Je zynischer eine Gesellschaft wird, die wichtige politische Reden nur noch als Sonntagsreden wahrnimmt, je abgestumpfter sie auf Bekenntnisse und öffentliche Versprechungen reagiert, desto wichtiger ist es, daran zu erinnern, dass der Staat dort, wo er öffentlich redet oder reden lässt, im tiefsten Sinne des Wortes Gutes tun kann. Die öffentliche Rede ist fast der einzige Moment, wo das kalte Ungeheuer des Staates dem Bürger seine Seele zeigt.
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Wir, junge Redakteure dieser Zeitung, haben das erlebt. Diffus zwar, viel zu unbelehrt und in seiner ganzen Wirkung erst später wirklich begriffen, aber schon damals in seiner emotionalen Wucht unabweisbar. Am 8.Mai 1985 hielt Richard von Weizsäcker seine berühmte Rede zum Kriegsende. Dass sie wirkungsvoll, ja, historisch werden würde, war sofort klar.
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Es war keine Woche später, als Marcel Reich-Ranicki in der Redaktionskonferenz diese Rede nicht nur lobte, wie nur er zu loben versteht. Nein, man spürte an ihm eine geradezu existentielle Erleichterung, keine Erlösung, aber ein wirkliches Aufatmen, und jeder, der mit ihm damals redete, bemerkte, dass Reich-Ranicki wirklich befreit wirkte.
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Da sprach auch Richard von Weizsäcker, der nur wenige Monate vor Reich-Ranicki in einem anderen Stadtteil Berlins das Abitur gemacht hatte und nun im Namen Deutschlands um Vergebung bat.
FRANK SCHIRRMACHER in der FAZ vom 26.01.2012 über die Rede von Marcel Reich-Ranicki im Bundestag.